Faszination Universum - Eine Frage der Zeit [komplette TV-Folge] | Harald Lesch

Faszination Universum - Eine Frage der Zeit [komplette TV-Folge] | Harald Lesch

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Language: German

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Woher kommt alles, was heute existiert? Der Urknall war der Beginn einer Entwicklung, die bereits über 10 Milliarden Jahre andauert. Erst dann entstand in unserem Sonnensystem Leben. Hätte es nicht auch schneller gehen können? Das Leben scheint es heute sehr eilig zu haben und viele Vorgänge sind so schnell, dass sie sich unserer Wahrnehmung entziehen. Doch bis das Leben so richtig durchstarten konnte, Faszination Universum mit Professor Harald Lesch aus dem großen Refraktor in Potsdam Herzlich Willkommen bei Faszination Universum Was ist denn unser wertvollstes Gut? Genau, unsere Zeit! Aber wie gehen wir damit um? Wir pressen sie zusammen, wir beschleunigen sie - scheinbar, indem wir mit allen möglichen technischen Hilfsmitteln versuchen, noch das Letzte aus unserer Lebenszeit herauszupressen. Dabei, die Uhren der Natur, die können wir nicht manipulieren Da oben im Kosmos oder unten in der Materie, an der Rändern der Zeit, da gibt es nämlich keine Termine und keinen Zeitdruck. Sterne und Planeten, die rasen zwar da oben hin und her,
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aber das dauert ewig und drei Tage, bis wir da mal Veränderungen sehen. Und in der Materie, da wo wir glauben, da ist es stabil, da spielt sich, zeitlich gesprochen, der Teufel ab. Und dazwischen wir, zwischen mikro und makro, aber wir sind ja Schlitzohren. Mit Übung und Technik können wir Zeiten austricksen, für die wir eigentlich gar kein Gespür haben. Eine Welt zum Staunen - märchenhaft Die Wirklichkeit bleibt ausgeblendet, und das fast im wörtlichen Sinn. Wir sehen, dass wir nicht sehen, wie sich die Akrobaten koordinieren. Unsere Sinne lassen uns im Stich. Auch in der Natur sind viele Abläufe zu schnell für unsere Wahrnehmung. Was macht die Fledermaus an einer Blüte? Und wie kann eine Hummel fliegen? Fragen, die wir ohne Hilfsmittel nicht beantworten können. Ein kurioses Rätsel sollte zum Anlass werden, unsere optische Wahrnehmung zu erweitern. Können Pferde fliegen, also alle vier Beine gleichzeitig in der Luft haben? Der Britische Fotograf Edward Muybridge erhält 1872 von einem Pferdeliebhaber den Auftrag,
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die Frage zu beantworten. Fünf Jahre tüftelt er an einer Lösung. Er schaltet viele Kameras hintereinander und hat eine geniale Idee. Mithilfe von Schnüren an der Kameras wird eine Kaskade von Aufnahmen ausgelöst, indem Klappen vor den Objektiven geöffnet werden. Es ist die Erfindung des Kameraverschlusses. Und tatsächlich - Pferde schweben beim Galopp für einen winzigen Moment in der Luft. So gelang die erste Reihenfotografie, der erste Film aus zwölf Einzelbildern. Die Technik macht sichtbar, was sich sonst der Wahrnehmung entzieht. Heute zeichnen Spezialkameras über 100.000 Bilder pro Sekunde auf und zeigen überraschende Details. Die Zunge der Blütenfledermaus ist so lang, dass sie in den Kelch eintauchen und dabei Nektar schlecken kann. Lange ein Rätsel: Der Flug der Hummel Wie kann ein solch plumpes Tier mit verhältnismäßig kleinen Flügeln überhaupt abheben? Die extreme Zeitlupe offenbart, wie das gelingt. Eine Hummel schafft 240 Flügelschläge pro Sekunde, drei Mal so viel wie ein Kolibri.
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Dabei dreht sie ihre Flügel mit jedem Schlag. So entstehen Luftwirbel, die das pummelige Tier nach oben tragen. Auch die Bewegung der Akrobaten lässt sich dank ausgeklügelter Technik im Detail studieren. 64 Kameras in einem Halbkreis aufgebaut, ermöglichen ganz neue Einblicke. Aus allen Winkeln aufgenommen, ist jede Einzelheit der Bewegungen zu erkennen. Dank der Technik kann man Details studieren, die sonst verborgen blieben. Die Aufnahmen können die Vorführung nicht entzaubern - das Staunen bleibt. Wow, ein echter Könner! Der Jongleur hat's einfach drauf. Er hat seine Bewegungen so automatisiert, dass es so aussieht, als ginge es von ganz alleine. Er braucht gar nicht mehr hinzugucken. Wenn ich ihn allerdings fragen würde, wie er's macht, dann würden seine Keulen womöglich auf den Boden knallen. Im Reich der Tiere gibt es viele solcher Automaten. Hier, diese Stubenfliege zum Beispiel Ein echter Könner beim Gucken. Im Vergleich zu ihr glotzen wir nur. Warum ist das eigentlich so? Sag mal, Til, wie machst du das eigentlich? Meistens geht es daneben.
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Die Fliege scheint immer schon zu ahnen, aus welcher Richtung der Angriff kommt. Zwar wiegt ihr Gehirn gerade einmal ein halbes Milligramm, aber bei der Verarbeitung von Bildern ist sie ein echter Blitzmerker. Wir nehmen pro Sekunde etwa 20 Bilder wahr, die Fliege 200. Und dazu hat sie mit ihren Facettenaugen den perfekten Rundumblick. Bewegungen um sie herum sieht sie wie in Zeitlupe und kann immer rechtzeitig den Abflug machen. Doch es gibt Feinde, die können bei der Wahrnehmung von Bewegung mithalten. Uns erschließt sich der Überraschungsangriff nur durch die Zeitlupe. So ist das in der Natur, alles auf das richtige Maß optimiert. Uns reicht unser - im Vergleich zur Fliege viel zu langsames - Sehen ja völlig aus. Aber unsere Sinne sind eben für uns optimal, aber sie sind natürlich auch beschränkt, nach unten wie nach oben. Kosmische Zeiträume von Milliarden Jahren, die kann man sich doch nicht vorstellen. Aber unser Verstand sucht ständig nach Möglichkeiten, sich auch das Unvorstellbare irgendwie anschaulich zu machen. Ein Jahr, das können wir uns vorstellen.
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Dann pressen wir doch mal das gesamte kosmische Geschehen von knapp 14 Milliarden Jahren in ein Jahr hinein und schon wird Vieles klarer. 1. Januar, kurz nach 0 Uhr, mit der ersten Silvesterrakete der Urknall, der Anfang von Allem. Von nun an wird jeder Monat etwa 1,1 Milliarden Jahren entsprechen. Zu Frühlingsbeginn entsteht die Milchstraße. Und die nächsten 6 Monate passiert praktisch nichts mehr im Universum, was für uns irgendwie von Relevanz wäre. Erst zu Beginn des Septembers entsteht die Sonne - und mit ihr die Erde. Und wir? Wir kommen erst kurz vor Jahresende, 15 Minuten vor Mitternacht, am 31. Dezember, da spielen wir mit dem Feuer und die Geistesleistungen des menschlichen Verstandes, also Schrift, Buch, Pyramide, Computer usw., die müssen sich die letzten 30 Sekunden teilen. Also jetzt mal unter uns: Das hätte doch eigentlich auch schneller gehen können, oder? Es gibt etwa 9 Millionen verschiedene Arten auf der Welt.
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Allein an Vogelarten gibt es mehr als 10.000 Doch sie alle sind auf die gleichen Grundbausteine angewiesen. Wenn es um bestimmte Minerale geht, die nicht überall zu finden sind, wie zum Beispiel Kochsalz, sind viele Tiere keine Kostverächter. Auch Schmetterlinge sammeln sich an mineralreichen Böden. Für andere werden sie selbst zum Snack, der mit salzigem Dip verfeinert wird. Kristalle von Kochsalz, Natriumchlorid, bestehen aus zwei Elementen, Natrium und Chlor. Ohne Elemente wie diese gäbe es kein Leben, wie wir es kennen. Doch bis sie endlich in die Welt kamen, brauchte es Zeit. Im Urknall, am Tag 1 auf dem Kalender des Universums, entstanden die ersten Elemente, Wasserstoff und Helium. Mehr gaben die Bedingungen einfach noch nicht her. Und das hat einen Grund: Wasserstoffatome haben einen einzigen Kernbaustein, Heliumatome vier. Doch viele Grundstoffe des Lebens sind deutlich schwerer.
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Natrium etwa hat 23 Kernbausteine. Das Problem: Die positiv geladenen Atomkerne stoßen sich ab. Um sie dennoch zu schweren Elementen zusammenzuschweißen, sind extreme Bedingungen nötig - Bedingungen, die erst noch entstehen mussten. Hundert Millionen Jahre nach dem Urknall, am 4. Januar, formen sich die ersten Sterne. Die eigene Schwerkraft presst die Materie zusammen. Druck und Temperatur im Inneren steigen. Erst bei mehr als 3 Millionen Grad zündet ein folgenreicher Prozess. Durch die Hitze kollidieren die Atomkerne mit so großer Wucht, dass sie verschmelzen. Nach und nach entstehen immer schwerere Elemente, darunter auch die Bestandteile von Salz. Doch die neuen Elemente sind zunächst im Stern gefangen. Erst wenn sein Brennstoff verbraucht ist, gibt der Stern die neuen Bausteine frei. In einer gigantischen Explosion, einer Supernova, schleudern vor allem große Sterne Materie ins All. So wird das Gas zwischen den Sternen mit schweren Elementen geimpft.
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Doch zunächst verlieren sich die Bausteine in den Weiten des Alls. Es soll noch Jahrmilliarden dauern, bis das Baumaterial des Lebens zu neuen Formen zusammenfindet. Ins unserer Galaxie müssen erst noch Millionen Sterne entstehen und noch mehr Bausteine erbrüten. Erst im Herbst des kosmischen Kalenders entsteht die Sonne. Jetzt ist das Universum so weit abgekühlt, dass sich Felsplaneten wie unsere Erde bilden können. Und erst jetzt ist ist auch die Menge der schweren Elemente, die das Leben braucht, ausreichend. Ohne die Jahrmilliarden an Sternenleben gäbe es die Bausteine des Lebens nicht. Auch der Mensch verdankt seine Existenz den kosmischen Abläufen. Zeit, die nötig war, um die richtigen Bedingungen zu schaffen. Bis auf den Wasserstoff, der in den ersten 3 Minuten im gesamten Universum entstand, bestehen alle Lebewesen aus chemischen Elementen, die sind Sternenstaub. Calcium in unseren Knochen, Kohlenstoff in fast allen Molekülen, der Sauerstoff, den wir einatmen oder als Wasser trinken,
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das Eisen im Blut, das den Sauerstoff transportiert und bindet. Sie alle entstehen in stellaren Brutöfen durch die Verschmelzung von kleinen Atomkernen zu immer größeren. Und auch unsere Erde konnte überhaupt nur entstehen, weil in der Milchstraße genügend schwere Sterne explodiert sind. Deren Explosionsreste impfen das interstellare Medium, also das Gas zwischen den Sternen, mit dem Periodensystem der chemischen Elemente. Wie allerdings daraus Leben entstand, darüber rätseln die Forscher schon seit Ewigkeiten, zumindest nach irdischen Maßstäben. England, Mitte des 17. Jahrhunderts Auf die Frage nach dem Ursprung des Lebens zieht man damals oft nur eine Quelle zu Rate: Die Bibel Danach hat Gott die Welt und alles Leben vor etwa 6.000 Jahren erschaffen. Die Naturwissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen. Längere Zeiträume scheinen undenkbar. Und doch sollte es einem Mann gelingen, den biblischen Zeithorizont zu sprengen. Robert Hooke Der englische Universalgelehrte gilt als Sonderling,
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ungesellig und stets nur in seine Studien vertieft. Nichts kann sich seiner wissenschaftlichen Neugier entziehen. Er ist einer der ersten, der das knapp 100 Jahre zuvor erfundene Teleskop umdreht, um einen genauen Blick auf alles zu werfen, was kreucht und fleucht, oder jemals kreuchte und fleuchte. Akribisch hält er seine Beobachtungen fest. Dank seines künstlerischen Talents sind Hookes Einblicke in die mikroskopische Welt bis heute beeindruckend. Doch seine Beobachtungen nur mit Zeichnungen zu dokumentieren, befriedigt ihn nicht. Robert Hooke hat in seinem Buch "Micrographia" seine Beobachtungen zusammengestellt und hat wundervolle Bilder aus einer ganz neuen Welt gezeichnet. Und er hat seine Gedanken zu Fossilien veröffentlicht. Denn Robert Hooke war nicht nur ein sehr genauer Beobachter, er hat auch die richtigen Schlüsse gezogen. Er war einer der ersten, die Zweifel hatten an den biblischen Zeittafeln zur Lebensentstehung. Kein Wunder, die Bibel ist schließlich kein naturwissenschaftliches Lehrbuch. Und auch wenn einige amerikanische Senatoren oder gar der Vizepräsident das anders sehen,
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solche Ammoniten aus grauer Vorzeit, von vor 350 Millionen Jahren, die finden sich heute noch im schönen Oklahoma. Zu Robert Hookes Lebenszeiten allerdings waren auch solche Zeiträume unvorstellbar. Für Hooke sind, wie für manchen seiner Zeitgenossen, Ammoniten rätselhafte Objekte. Durch den Vergleich mit lebenden Spezies ist schon damals klar, es handelt sich um einstige Meeresbewohner. Doch das steht im Widerspruch zu den Fundorten. Ammoniten hatte man nicht nur an Küsten gefunden, sondern auch im Landesinneren und sogar auf den höchsten Gipfeln der Welt, im Himalaya. Wie kamen die Ammoniten dort hin? Von der Verschiebung der Kontinente ahnt man damals noch nichts. Die Erklärung der Kirche: Die Sintflut hat die Meeresbewohner in die Höhlen geschwemmt. Doch Hooke kann das nicht glauben. Er weiß: Ammoniten hat man in Erdschichten gefunden, die oft mehr als 100 Meter dick sind.
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Die Sintflut soll 400 Tage gedauert haben. Viel zu kurz für die Entstehung solch gewaltiger Ablagerungen. Es muss eine andere Ursache geben. Hookes Vermutung ist revolutionär. Er glaubt, die Erde selbst habe sich verändert. Schon damals kennt man Prozesse, die das Land ständig umformen. Meeresströmungen, Witterung, Vulkanismus und Erdbeben Manche Formen lassen sogar vermuten, dass Erdschichten angehoben, verbogen und verschoben wurden. So könnte auch einstiger Meeresboden zu Gebirgen geworden sein. Doch solche Prozesse, so Hookes Überlegung, dauern sehr lange. Die Ammoniten, und damit alles Leben auf der Erde, müssen demnach viel älter sein als die biblischen 6000 Jahre. Hookes Gedanken eröffnen Zeiträume, die vorher undenkbar waren. Genau benennen kann er sie jedoch nicht. Zu Hookes Zeiten konnte man noch kein Gesteinsalter bestimmen. Und die Steine, die sind ja still. Die sagen nichts.
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Schon gar nicht reden die über ihr Alter. Und diese Abgründe an Zeit, die wir heutzutage mit dem Gesteinsalter verbinden, die hätte man damals als reine Spinnereien abgetan. Und doch haben sich viele Wissenschaftler mit der Frage beschäftigt: Wie alt ist die Erde eigentlich? 1862 kommt der große Lord Kelvin zu dem Ergebnis: 25 Millionen Jahre, höchstens aber 400 Millionen Jahre 1869 erklärt er, diese Zeit würde nie im Leben ausreichen für die Darwin'sche Evolution. Das Leben müsse per Meteorit auf die Erde gekommen sein. Es sollte noch fünf Jahrzehnte dauern, bis endlich eine Methode entdeckt wurde, die die Steine und die Fossilien zum Sprechen brachte. Und die sprechen dann sogar über ihr Alter, natürlich ohne Worte. An der Wende zum 20. Jahrhundert wird die Welt Zeuge mysteriöser Entdeckungen. Unsichtbare Strahlen. Röntgengeräte werden auf Jahrmärkten bestaunt. Sie machen es auf wundersame Weise möglich, in den Körper hineinzusehen. Und manche Elemente, zum Beispiel Uran, können fotografische Platten schwärzen,
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ohne dass dabei Licht im Spiel wäre. Sie sind radioaktiv. Mögliche Gefahren sind noch nicht bekannt, im Gegenteil. Noch Jahre später wird das radioaktive Element Radium als Wundermittel gehandelt. Die Arglosigkeit ist verständlich, denn Radioaktivität ist damals ein unerklärliches Phänomen. Ein Mann ist davon besonders fasziniert: Ernest Rutherford Was der Neuseeländer nicht ahnt: Mit seiner Forschung an Uran wird er die geologische Altersbestimmung revolutionieren. Seine Hypothese: Um die radioaktive Strahlung zu erzeugen, müssen sich die Elemente selbst verändern. Den Beweis könnten genaue Stoffanalysen sichern, doch dazu fehlt dem Physiker die Erfahrung. Doch er ist gut vernetzt und bittet einen Chemiker um Hilfe. Frederick Soddy Die Vorstellung, dass Elemente sich verwandeln könnten, gehört damals in die Zauberwelt der Alchemisten. Die beiden Forscher amüsiert die Vorstellung, man könnte sie als solche verspotten.
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Es dauert eineinhalb Jahre, dann haben sie den Beweis. Uran zerfällt tatsächlich in andere Elemente und schließlich zu Blei. Der Clou: Der Zerfall ist wie eine Uhr, die auf einer geologischen Zeitskala tickt. Von den Uranatomen im Gestein ist nach viereinhalb Milliarden Jahren genau die Hälfte zu Blei zerfallen. Die Entdeckung dieser Halbwertszeit gab Geologen ein neues Instrument zur Altersbestimmung an die Hand. Denn Uran ist, zumindest in Spuren, in vielen Gesteinen vorhanden. Vergleicht man die Menge des Urans mit der Menge an Blei, so lässt sich berechnen, wie viel Zeit vergangen sein muss, bis sich genau dieses Verhältnis eingestellt hat. Dank Rutherfords Ehrgeiz verraten nun auch die stummen Ammoniten ihr Alter: Bis zu 400 Millionen Jahre Ernest Rutherford hatte ein so gewaltiges Stimmorgan, dass überall in seinem Labor Warnschilder verteilt waren: "Bitte leise sprechen!" Er ist der Urvater der Altersbestimmung,
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zu ihm sprachen die Atomkerne als ersten. Und seit Rutherford kommen wir der Geschichte des Lebens immer näher und auch seiner Entstehung, denn wir können immer kleinere Fossilien datieren. Hier, zum Beispiel, diese Mikrofossilien, nur halb so breit wie ein menschliches Haar, aus dem Hämatitgestein in Nordkanada. Sie zeigen Strukturen, die wir sonst nur von Bakterien kennen. Das Alter: 3,8 bis 4,4 Milliarden Jahre Wir hätten hier also die ersten Indizien, wann das Leben auf der Erde entstanden sein könnte. Und schon haben wir das nächste Rätsel. Auf unserem kosmischen Kalender entsteht die Erde am 2. September, die Bakterien knapp Mitte September. Aber die Tiere und Pflanzen an Land, das dauert bis 20. September. Da vergehen 4 Milliarden Jahre, warum dauert das so lang? Nun, die Antworten liegen in der Tiefe. Die Tiefsee ist ein Ort extremer Bedingungen. Und doch wurde hier in den letzten 40 Jahren eine ungeahnte Artenvielfalt entdeckt. Die Tiefseewesen ernähren sich von Bakterienmatten, die an heißen Quellen gedeihen.
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Hier könnte alles begonnen haben. Die Bakterien, so vermuten die Forscher, sind die Urform des Lebens. Sie begnügen sich mit dem vulkanischen Cocktail aus Wasserstoff, Kohlendioxid und Schwefel als Nahrung. Damit unterscheiden sie sich grundlegend von den meisten heutigen Lebewesen. Für die Mehrzahl heutiger Arten sind vulkanische Gase Gift. Sie sind auf einen anderen Stoff angewiesen: Sauerstoff Und das ist ein Vorteil. Ihr Stoffwechsel ist bis zu 10 mal effizienter als der Stoffwechsel der Tiefseebakterien Doch bis das Leben gelernt hatte, diesen Stoff zu nutzen, dauerte es Äonen. Zur Zeit der ersten Bakterien, etwa Mitte September im kosmischen Kalender, besteht die Atmosphäre hauptsächlich aus Wasserdampf und Kohlendioxid. Auch in den Ozeanen gibt es keinen Sauerstoff. Erst eine biologische Revolution läutet schließlich den Wandel ein. Vor dreieinhalb Milliarden Jahren entstehen Cyanobakterien. Sie nutzen als erste Lichtenergie, um aus Kohlendioxid und Wasser Zucker zu gewinnen.
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Die Erfindung der Photosynthese Ein Nebenprodukt: Sauerstoff Doch obwohl sich die Cyanobakterien prächtig vermehren, bleibt Sauerstoff zunächst rar. Er wird sofort wieder gebunden, denn in den Urozeanen ist viel Eisen gelöst. Es reagiert mit dem Sauerstoff zu Rost. Die Spuren jener Zeit finden sich bis heute in Eisenminen. Die rostroten Ablagerungen zeugen davon, dass Sauerstoff seine Wirkung für das Leben lange nicht entfalten konnte. Erst im Herbst des kosmischen Kalenders, eine Milliarde Jahre nach der Entstehung der Photosynthese, reichert sich Sauerstoff allmählich an. Für das frühe Leben ist er Gift. Jetzt heißt es untergehen, oder sich anpassen Doch bis die Sauerstoffatmer ihren Vorteil ausspielen können, vergehen weitere 2 Milliarden Jahre. Dann, ab Mitte Dezember, explodiert das Leben. In der sogenannten "kambrischen Explosion" Innerhalb von nur gut 20 Millionen Jahren entsteht eine unglaubliche Artenvielfalt.
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Der Sauerstoff gilt als eine der Voraussetzungen für diese Entwicklung. Auch in der Atmosphäre hat sich Sauerstoff inzwischen angereichert. Bis zur Eroberung des Landes ist es jetzt nur noch ein geologischer Wimpernschlag. Organismen, die den Sauerstoff zu nutzen wissen, breiten sich nun auch an Land rasant aus Der effiziente Stoffwechsel ist das Erfolgsmodell der Evolution. Wie lange welche Art überdauert, hängt allerdings von vielen Faktoren und so manchem Zufall ab. Das Leben ist vernetzt, es ist komplex, es ist eine äußert empfindliche Angelegenheit. Kein Wunder, dass so etwas Zeit braucht, bis aus dem Wechselspiel von Anpassung und Verbesserung sich eine vielfalt entwickelt, die ihresgleichen sucht. Normalerweise geht die Evolution ruhig und langsam vor sich, aber ab und zu bekommt sie einen Schubs. Und dann geht sie in den Turbogang über. Der Grund dafür waren radikale Veränderungen. Wie ein außerirdischer Hammer, der auf die Erde einschlug, wie, im wahrsten Sinne des Wortes, eine Bombe.
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Bis dahin waren die Echsen der Herrscher der Welt. Ungeheuer, so groß wie ein LKW, fleischfressende Monster, so groß wie Bagger, die aber in geologisch ganz kurzer Zeit verschwunden sind und die Welt den Säugetieren überließen. Und von den Säugetieren stammen wir ja ab. Von unserer Sorte gab es am Anfang einige Modelle, ganz verschiedene, bis zu einem bestimmten Schlüsselereignis. Da blieb dann nur noch der Homo sapiens übrig. Entschieden hat das ganze, wie soll ich sagen, irgendwie das Universum. Wie der Kosmos Schicksal spielte, war lange unbekannt. Europa vor langer Zeit Eine Menschenart durchstreift die Wälder: Der Neandertaler Er jagt, stellt Werkzeuge her und fertigt Kleidung aus Tierhäuten. Mit handwerklichem Geschick kreiert er sogar Schmuckstücke. 200.000 Jahre hat der Neandertaler große Teile Europas für sich allein. Noch ahnt er nicht, dass sich sein Leben bald dramatisch verändern wird.
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Denn ein kosmisches Ereignis öffnet das Tor nach Europa für eine andere Menschenart. Für Einwanderer aus Afrika Es ist ein Schlüsselmoment in der Geschichte der Menschheit, bei dem es nur einen Gewinner geben wird. Der moderne Mensch und der Neandertaler teilen sich ein paar tausend Jahre den Lebensraum, dann stirbt der Neandertaler aus. Aber warum hat der moderne Mensch, der Homo sapiens, Afrika überhaupt verlassen? Und was hat der Kosmos damit zu tun? Über 200.000 Jahre durchstreift der moderne Mensch schon die Savannen Afrikas. Er ist ein geschickter Jäger und stellt ausgeklügelte Werkzeuge her. Sein Siedlungsgebiet reicht bis an den südlichen Rand der Sahara. Die Sahara ist damals, wie heute, eine Wüste. Doch das sollte sich ändern. Der Grund: Die Bahn der Erde um die Sonne Die Bahn ändert sich mit der Zeit. Manchmal ist sie elliptisch, manchmal eher kreisförmig.
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Etwa alle 100.000 Jahre wiederholt sich dieser kosmische Zyklus und beeinflusst das Klima auf der Erde. Vor rund 70.000 Jahren beschreibt die Erde eine ausgepräge elliptische Bahn. Sie steht nun einige Monate im Jahr vergleichsweise nah an der Sonne. Die Sonneneinstrahlung ist in dieser Zeit besonders stark. In der Folge verdunsten viel größere Mengen Wasser. Feuchtigkeit steigt aus dem Meer auf und bildet dicke Regenwolken. Die feuchte Luft regnet nun auch über der Wüste ab. Hierher gewehte Samen keimen, die Wüste wird grün. Die zusätzliche Feuchtigkeit lässt das Monsunband über Afrika breiter werden. Es reicht nun weiter in den Norden und damit über die ganze Sahara. Flüsse entstehen, und bald durchziehen regelrechte Wasserstraßen die einst sandige Barriere. Entlang der Flüsse eröffnen sich dem modernen Menschen neue Wege. Wege Richtung Norden, nach Europa. Die Zyklen im Kosmos spielten Schicksal.
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Sie machten den modernen Menschen zum Konkurrenten des Neandertalers. Weshalb der Einwanderer Sieger blieb, ist unter Forschern noch strittig. Etwas vom Neandertaler ist jedoch übrig geblieben. Heute weiß man: Die Begegnung war nicht von Beginn an feindlich. Zwischen 2 und 5 Prozent der Gene der Europäer stammen vom Neandertaler. Die kosmischen Kräfte spielen Schicksal. Und dabei spielt nicht nur die Form der Erdbahn eine Rolle, sondern auch dass ihre Rotationsachse sich in einem Zyklus von mehreren tausend Jahren mal mehr und mal weniger neigt und dabei auch noch taumelt. Das Zusammenspiel dieser kosmischen Zyklen führt dazu, dass auf unserem Planeten sich Kalt- und Warmzeiten abwechseln. Ohne uns wäre hier schon längst wieder eine Eiszeit. Jetzt hat sich gerade erst herausgestellt, das hat das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung veröffentlicht, dass bei diesem Treibhausgasniveau, wie wir es heute haben, das ja natürlicherweise viel geringer wäre, also durch unseren Einfluss so hoch geworden ist, dass dieses Niveau dazu führt, dass die nächste Eiszeit noch 30.000 Jahre,
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womöglich noch 50.000 Jahre auf sich warten lässt. Der Mensch ist zu einem Klimafaktor geworden, der stärker ist als die natürlichen kosmischen Rhythmen. Und wie haben wir das gemacht? Indem wir Vergangenheit und Zukunft zur Gegenwart machen. Wir verdichten die Zeit mit allen Mitteln. Hieß es früher einmal: "Jedes Ding braucht seine Zeit", so ist das Bestreben heute, immer mehr in dieselbe Zeiteinheit hineinzupressen. Eine Zugfahrt von München nach Berlin dauerte vor 100 Jahren mehr als 15 Stunden. Heute sind es 6. Eine Reise nach New York war vor 100 Jahren nur mit dem Schiff möglich. Sie dauerte über eine Woche. Heute erreicht man die Stadt mit dem Flugzeug in 8 Stunden. Der technische Fortschritt macht's möglich. Die Natur hat ihren eigenen Rhythmus. Seit jeher haben die Menschen die regelmäßig wiederkehrenden Abläufe in der Natur beobachtet. Vor rund 12.000 Jahren begannen sie, diese für sich zu nutzen.
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Sie wussten, dass aus einem Samen eine Pflanze wächst. Und dass es bis zum Reifen der Körner eine bestimmte Zeit braucht. Und nichts konnte den Ablauf beschleunigen. Auch heute, in der modernen Landwirtschaft, braucht alles seine Zeit. Düngung, hochgezüchtetes Saatgut und Technisierung haben die Erträge gesteigert. Doch von der Saat bis zur Ernte vergehen noch immer Monate. Die Vorgänge in der Natur lassen sich nicht in kürzere Zeiteinheiten pressen. Vor tausenden Jahren dauerte eine Schwangerschaft neun Monate. Heute, auch wenn wir in viel kürzerer Zeit von Kontinent zu Kontinent reisen, braucht die Entwicklung eines Kindes im Mutterleib immer noch neun Monate. Das Universum hat Milliarden von Jahren gebraucht, um die Elemente zu erschaffen, aus denen alles besteht. Milliarden Jahre, bis Galaxien entstanden sind und sich unser Sonnensystem geformt hat. Und weitere Milliarden Jahre, bis Sauerstoff in die Welt kam
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und vielfältiges Leben. Mit unserem Fortschritt haben wir viele Dinge beschleunigt, aber nicht den Lauf der Natur. Meine Güte, wie die Zeit vergeht! Jetzt sind wir doch in einer knappen Dreiviertelstunde durch 14 Milliarden Jahre kosmische Geschichte gejagt. Die Zeit, wir glauben heute alle, wir könnten sie beherrschen oder wir könnten sie verdichten, wir könnten sie sparen ja, wir könnten sie sogar für uns arbeiten lassen. Das ist vielleicht einer der größten Irrtümer aller Zeiten. Im antiken Rom, da mussten sich die Caesaren im Moment ihres größten Triumphes ins Ohr flüstern lassen: "Memento mori" - Bedenke, dass du sterblich bist. Denn am Ende sind wir ja alle Kinder der Zeit und nicht ihr Besitzer Die Zeit ist uns nur geschenkt und Geschenke verbiegt man nicht. Und die presst man auch nicht zusammen. Jeder Tag bringt 24 funkelnagelneue, unverbrauchte Stunden. Was für Chancen! Wir sollten diese, unsere eigene Zeit, als einen Schatz behandeln.
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Und wie macht man das am besten? Ganz einfach: Indem man sie zumindest gelegentlich vergisst und sie stattdessen einfach nur genießt. Viel Spaß dabei!

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