Dupré Digital: Dupré - der Improvisator (Episode 6 - Subtitles in English, French and German)

Dupré Digital: Dupré - der Improvisator (Episode 6 - Subtitles in English, French and German)

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Language: German

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Das war natürlich sein Improvisationsgeschick, dass er eine viersätzige Sinfonie aus dem Nichts zaubern konnte. Das war immer eine eindrucksvolle Fertigkeit. Die Tatsache, dass er das konnte und seine thematische Integrität über eine große Zeitspanne hinweg beibehalten konnte, hat die Menschen beeindruckt. Sie konnten nicht glauben, dass es sich nicht um ein niedergeschriebenes Musikstück handelte. Dupré versetzte mit seinem Improvisationstalent die Menschen regelmäßig in Staunen. „A musical miracle“ – „ein musikalisches Wunder“ titelten die Zeitungen nach seinem ersten USA-Konzert 1921. Zuvor hatte Dupré eine viersätzige Symphonie aus dem Stand heraus improvisiert. Das New Yorker Publikum hatte sowas noch nie erlebt. Doch kurz darauf sollte sich Dupré noch selbst übertreffen bei seinem legendären Konzert im Wanamaker Store in Philadelphia. Wie üblich wurden ihm kurz vor der Improvisation die Themen ausgehändigt. Eine erwartungsvolle Stimmung machte sich unter dem Publikum breit. Er wählte aus dem Themenpool vier gregorianische Themen,
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die exemplarisch für Advent, Weihnachten, Passion und Ostern stehen. Er improvisierte vier Tongemälde über das Leben Jesu, die später zu seiner ”Symphonie-Passion“ werden sollten . Soviel Kreativität konnte das Publikum kaum fassen. Eine Legende und eine Marketingidee waren geboren. Er hat am Schluss [von Konzerten] immer über amerikanische Volkslieder improvisiert. Ich habe einen Brief gesehen, in dem er dem Manager schreibt: „Schicken Sie mir bitte drei, vier Folksongs über die ich dann improvisieren kann." Und das war damals etwas total Besonderes, auf der Orgel sowas zu spielen. Da hat er eine Marktlücke entdeckt, eine Möglichkeit, das Publikum voll auf seine Seite zu ziehen. Wenn man im Konzertkontext improvisiert vollführt man einen Partytrick. Aber ich glaube, Dupré wusste, dass sein Publikum wollte, dass er diesen Trick vorführt. Er war gewissermaßen die Zirkusrobbe, die den Ball balancierte. Das war seine Visitenkarte,
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und die Leute liebten es, ihm dabei zuzuhören. Wenn man die Berichte über seine Auftritte in den 1920er Jahren liest, dann wird nicht viel über die Musik gesagt. In Amerika sprachen sie immer über seine Improvisationen. Sie haben sich nicht über die Schumann-Kanons, die er spielte, oder über Bachs h-Moll-Präludium und Fuge ausgelassen. Sie kommentierten lediglich, dass er diese Dinge spielte. "Aber dann improvisierte er eine viersätzige Sinfonie über Themen, die ihm im Voraus von Herrn So-und-so gegeben wurden, und Dupré machte einen großen Wirbel" und so weiter... Das sind die die Dinge, die die Leute offensichtlich beeindruckt haben. Und er war zufrieden, auf diese Weise vermarktet zu werden. Dadurch wurde er in den USA sehr erfolgreich. Wer noch das Glück hatte, Dupré live improvisieren zu hören, kommt ins Schwärmen. Alle Schilderungen haben gemein: perfekt in der Form, harmonisch raffiniert, vielfarbig und kontrapunktisch vollendet. Ich glaube, es war das letzte Mal,
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das ich Dupré Improvisieren gehört habe. Es war meisterhaft. Diese Art von Improvisation, die man immer wieder hören kann. Keine einzige Note zuviel, kein Zögern. Etwas außergewöhnliches! Für mich war es das letzte Mal, dass ich eine große Improvisation von Dupré gehört habe. Von Kindesbeinen an hat Dupré das Improvisieren erlernt, zunächst mit seinem Vater Albert und später bei Alexandre Guilmant. Es gibt die nette Anekdote, dass er sich zu seiner Erstkommunion eine Paris-Reise gewünscht hatte. Er wollte unbedingt als Geschenk ein Mittagessen bei Alexandre Guilmant. Sein Vater hatte damals gesagt „so einfach geht das nicht. Man lädt sich ja nicht selbst ein“. Aber er hat das dann doch irgendwie hingedeichselt. Vor dem Dessert hat Guilmant den kleinen Marcel gebeten, eine Fuge zu improvisieren. Und dieser Erstkommunikant hat dann eben eine Fuge improvisiert und Guilmant sagte dann „jetzt hast du dir dein Dessert gut verdient und das war für dein Alter auch nicht schlecht“.
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Hartes Training und eiserne Disziplin gepaart mit einer großen Begabung ließen Dupré später die kompliziertesten Formen meistern. In seiner Orgelschule empfiehlt er, dass das Improvisieren nach der gleichen Methodik und den gleichen Prinzipien erlernt werden müsse, wie das Literaturspiel. Für sich selbst und beim Unterrichten war es ihm wichtig, dass die Finger nicht einfach nur Töne aneinanderreihen oder sinnfrei Klänge zusammenpantschen – sogenannten „Organistenzwirn". Einmal hat er zu mir gesagt: „Wenn Sie improvisieren ist es wie beim Beichten: Sie können Lügen erfinden aber da kommt alles raus.“ Nach seinen Studienjahren hat Dupré nach eigener Aussage, das Improvisieren nicht mehr geübt und auch keine Improvisationen vorbereitet. Er konnte sich auf sein Rüstzeug verlassen. Sein Meisterschüler Michael Murray berichtet, dass es Dupré genügte ein Thema zu überfliegen um eine Vision zu entwickeln, die die Schönheit dieses Themas ans Licht bringt.
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Duprés Improvisationstalent führte zu einem Schlüsselerlebnis, das immens wichtig war für den Start seiner internationalen Karriere. Am 15. August 1919, besuchte ein Engländer die Vesper Notre-Dame-Kathedrale am Fest Mariä Himmelfahrt. Dupré vertrat Louis Vierne und spielte die Orgel. Der Besucher war begeistert von der Musik. Als er herausfand, dass es sich dabei um Improvisationen handelte, schrieb er Dupré einen Brief. Für die Niederschrift dieser Improvisationen bot er ihm 1.500 Francs, was in etwa dem doppelten Jahresgehalt eines französischen Organisten jener Tage entsprach. Dupré ließ sich auf den Deal ein und es entstanden die „Fifteen Pieces“ op.18. Bei dem Engländer handelte es sich um Claude Johnson, den Generaldirektor von Rolls Royce in England. Er nutzte seinen Einfluss, sorgte für die Veröffentlichung der Sammlung in England und arrangierte die Uraufführung in der Royal Albert Hall in London. Im Folgejahr, am 9. Dezember, erlebten über 9.000 Menschen
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Duprés England Debut in Anwesenheit des Prinzen von Wales, dem späteren König Edward VIII. Duprés größte Orgelkomposition ist „Le Chemin de la Croix“ – „der Kreuzweg“. Er geht auf eine Improvisation zurück, die Dupré 1931 im Konservatorium in Brüssel zu Texten von Paul Claudel improvisierte. Es ist eines der wenigen Werke Duprés, von dem noch das Manuskript der Arbeitsfassung existiert. Daraus möchte ich, ohne zu sehr ins Detail zu gehen, ein paar Stellen zeigen, die ich interessant finde, Da ist zum Beispiel die Szene aus Station 12, bevor das Erdbeben einsetzt. Man ahnt beim Spielen dieser Stelle, dass es sich um Jesu ersterbende Stimme handelt. In einem früheren Entwurf verdeutlicht Dupré seine Intention sogar visuell: er textiert die Passage mit den Worten „Vater in deine Hände lege ich meinen Geist“. Für den Anfang der 14. Station entwarf er mehrere Skizzen. Es scheint so, als verfolgte er zunächst die Idee einer Art Trauerprozession. Am Entwurf kann man auch den disziplinierten Handwerker ablesen.
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Er nummeriert die Takte einer periodischen Einteilung folgend. Diese Einteilung schreibt er an den oberen Rand des Notenblattes der jeweiligen Station. Darüberhinaus beziffert er die Takte in fortlaufender Zählung. Am Ende der Station steht die Summe aller Takte, ebenso die geschätzte Dauer des Stückes und manchmal das Datum. Ob die Zahlen und die Musik und die Dauer der Stücke in einem proportionalen Verhältnis zueinanderstehen oder gar einer Symbolik folgen kann Anregung für eine weiterführenden Studie sein. Das die Titel und Registrieranweisungen in der Veröffentlichung auf Französisch und Englisch angegeben sind, zeigen im übrigen Duprés mittlerweile erlangte Popularität als Komponist von Orgelmusik. Interessant ist noch Station 10 „Jesus wird seiner Kleidung beraubt“, deren Endfassung Johann Vexo später noch spielen wird. In der Frühfassung werden die Kleider regelrecht von Jesu Körper gerissen. Ab Takt 82 wollte Dupré ursprünglich den Eindruck des Chaos‘ durch schnellere Notenwerte noch intensivieren. Die Szene endet abrupt. Was dann folgt, interpretiert Graham Steed folgendermaßen:
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Jesus wurde seiner Kleidung beraubt und ist nackt wie einst als Säugling in der Krippe. Seiner Auffassung nach vermittelt Dupré hier mit musikalischen Mitteln, was Inkarnation bedeutet. Der „Association des amis de l’art de Marcel Dupré“ ist es zu verdanken, dass man sich heute ganz praktisch einen Eindruck von Duprés Improvisationskunst verschaffen kann. In den letzten Jahrzehnten machte sich die Gesellschaft daran, Duprés späteren Improvisationen für die Nachwelt aufzubereiten. Diese Idee ist Georges Humbrecht zu verdanken. Er war Schüler von Nadia Boulanger und Titularorganist an der Chororgel von St. Sulpice. So saß er zwangsläufig jede Woche gegenüber von Dupré, wenn ich so sagen darf, am anderen Ende der Kirche. So hörte er alle Improvisationen, die Dupré spielte. Denn am Ende seines Lebens spielte Dupré nur noch wenige Stücke aus dem Repertoire, sondern improvisierte hauptsächlich. Natürlich fand Georges Humbrecht es schade,
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dass die Improvisationen, kaum gespielt, sofort verpufften. Also bat er Marcel Dupré, eine Gesellschaft zu gründen. Aber Marcel Dupré stimmte nicht unmittelbar zu. Es hat einige Zeit gedauert, ihn vom Sinn der Gründung einer Vereinigung zu überzeugen. Marcel Dupré stimmte schließlich zu, und im Juli 1970 wurde die Gesellschaft offiziell gegründet. Und so wurde alles, was Dupré in Saint-Sulpice bis zu seinem Tod ausführte, für den Verein aufgezeichnet, und wir haben noch alle Tonbänder in unserem Archiv. Eine Auswahl dieser Aufnahmen übertrug David A. Stech in ein Notenbild und veröffentlichte mehrere Bände 2015 bei Wayne Leupold in den USA. Die blumigen Ohrenzeugenberichte schaffen eine Erwartungshaltung, die allerdings beim Hören der aufgezeichneten Improvisationen nicht ganz erfüllt wird. Nun stammen die Aufnahmen
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nicht aus Duprés Sturm- und Drangzeit sondern eher aus seinen reifen Jahren. Man hat den Eindruck, dass seine Kompositionen tonal freier werden, während seine Improvisationen klanglich konservativer werden. Leider gibt es von den Improvisationen der 1920er Jahre keine zugänglichen Aufnahmen – zumindest bisher. Die Berichte darüber verlieren sich aber in Superlativen. Um besser einordnen zu können, was damals als „kühn“ und „progressiv“ galt, hilft eine Rezension zu Duprés Philadelphia-Konzert 1921. Darin beschreibt ein Kritiker die von Dupré aufgeführten „Fifteen Pieces“ op. 18 als Musik voller Dissonanzen, deren Sprache einem Schönberg zuvorgekommen sei. Stellenweise habe man den Eindruck, diese Art von Musik würde die Orgel regelrecht in die Knie zwingen. Dabei bewegen sich die „Fifteen Pieces“, nach heutigen Maßstäben bewertet, tonal eher im Bereich der gemäßigten Moderne und reichen über die Chromatik Viernes nicht hinaus.
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Denkt man an die "Symphonie-Passion" oder an den "Chemin de la Croix" fragt man sich, begann die Innovation schon beim Improvisieren oder erst auf dem Notenpapier? Ich könnte mir vorstellen, dass diese Improvisationen viel konservativer waren als die, die wir heute kennen. Dasselbe gilt für „Chemin de la croix“. Ich wette, dass er einfach die Struktur übertragen hat. Ich kann mir vorstellen, dass er „Die Welt in Erwartung des Herrn“ - den ersten Satz der "Symphonie-Passion" - mit den repetierenden Akkorden so in etwa improvisiert hat. Dass er „Jesu redemptor omnium“ in kanonischer Form einfügte. Sicherlich kam auch das Ostinato in „Crucifixion“ schon vor. Und vielleicht auch die Ideen, wie etwa die süßlich chromatischen Girlanden in „Nativité“. Ich könnte mir also vorstellen, dass er das alles zu einer durchdachten Komposition umgestaltet hat. Wahrscheinlich waren die Keime der Idee schon bei der Wanamaker-Improvisation vorhanden. Das gleiche gilt auch für „Chemin de la Croix“. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er diese Musik zu einem viel durchdachteren,
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kreativen Werk umgestaltet hat, als es ihm zunächst spontan vorschwebte. Ich denke, dass der junge Dupré, auch was man so von Ohrenzeugen noch gehört hat, wirklich auch so improvisiert hat. Also relativ avanciert. Ich vermute sehr stark, dass für ihn die Tätigkeit als Lehrer als auch als Improvisationspädagoge nochmal eine andere Richtung gegeben hat. Und das merkt man dann auch beim älter werdenden Dupré: die Form und die Klarheit und der thematische Diskurs sind perfekt. Aber die Sprache ist sehr, sehr zurückgenommen und einfach. Für mich ist es so, dass alle Improvisationen, die ich je gehört habe, wie Mendelssohn klingen. Es ist als Handlung an sich interessant. Der Reiz liegt in der Tatsache, dass es spontan entsteht. Und Dupré war es möglich, Form und Struktur in seinem Geist zu beherrschen. wie niemand sonst. Er war in der Lage, Doppelfugen zu improvisieren.
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Auch wenn es nach Mendelssohn klang, ist das immer noch eine beeindruckende Leistung.

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