Faszination Erde: USA | Ganze Folge mit Dirk Steffens | Terra X

Faszination Erde: USA | Ganze Folge mit Dirk Steffens | Terra X

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Language: German

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Ein Land der grenzenlosen Vielfalt, Weiten und Möglichkeiten. Doch der Erfolg ist meist hart erkämpft. Die Naturgewalten des Kontinents fordern die Bewohner heraus. Der Mensch hat das Land gezähmt und die Natur in ihre Schranken gewiesen. So scheint es. Er beherrscht es von der Ost- bis zur Westküste. Mit seinen Bauten und Städten hat er sich einen Lebensraum geschaffen, den allein er kontrolliert und steuert. The American Way of Life. Das bedeutet oft nicht kleckern, sondern klotzen. Große Städte, große Straßen, "große alles". Genau dadurch entsteht die Illusion, die Natur hier ließe sich kontrollieren. Aber das stimmt nicht. Das stimmt nirgendwo in den USA. Irgendwas ist immer. Willkommen im Land der unbegrenzten Katastrophen. * Musik * Lange bevor der Mensch den Kontinent erobert, gibt es einen unangefochtenen Herrscher der Landschaften: Das Bison. Weder extreme Hitze noch Kälte können diesen Tieren etwas anhaben.
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Selbst im tiefen Winter, bei weniger als minus 30 Grad, finden sie an den heißen Quellen des Yellow Stone Parks noch Futter. Viele hundert Kilometer ziehen sie im Rhythmus der Jahreszeiten. Nur ein Tier kann den Bisons gefährlich werden: Der Wolf. * Musik * Gegen die mächtige Herde haben die Wölfe keine Chance. Sie haben es auf die schwächsten Tiere, die Kälber, abgesehen. Die Mutter kämpft um ihr Junges. Doch gegen die Überzahl der Angreifer scheint sie chancenlos. * spannungsvolle Musik * Je länger die Jagd, desto schlechter die Aussichten für die Wölfe. Sobald das Muttertier und sein Kalb die Deckung des Waldes erreichen, sind sie gerettet. Nicht aufgeben, auch eine Überlebensstrategie. Einst gab es mehr als 30 Millionen Tiere auf mehr als 2 Millionen Quadratkilometern. Das mächtigste Landsäugetier des Kontinents. Trotzdem sind die Bisons fast ausgestorben. Heute leben sie nur noch an ganz wenigen geschützten Orten.
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Die Vernichtung der Bisonherden verlief rasend schnell. Von 20, 30 Millionen runter auf ein paar Hundert in nur wenigen Jahrzenten. Und schuld daran war keine Naturkatastrophe, sondern eine menschengemachte Katastrophe. Der weiße Mensch war schuld an dieser Katastrophe. Jetzt versucht man, an einigen Orten der USA den Schaden zu reparieren, ein bisschen zumindest. So wie hier auf Antilope Island. Statt großer Landschaften ein kleines Refugium. In Utah, auf einer Insel im Großen Salzsee. Dort lebt eine der letzten wilden Bisonherden der USA. Einmal im Jahr wird die Idylle gestört. Aus den gesamten Vereinigten Staaten versammeln sich hunderte Reiter mit ihren Pferden auf der Insel. Manches erinnert an die dunklen Zeiten, in denen die Bisons fast vernichtet worden wären. Das Bison ist so schnell und so gnadenlos bis an den Rand der Ausrottung gejagt worden, wie kaum ein anderes Tier. Genau von der Kultur, die heute so unglaublich stolz
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auf diese Ikone ist. Es ist total widersprüchlich, genau deshalb typisch Mensch. Noch ahnen die Bisons nicht, was ihnen bevorsteht. Die Cowboys und -girls verteilen sich in Kleingruppen über die gesamte Insel. Immer enger zieht sich der Kreis um die Tiere. Im Gegensatz zu früher tragen die Cowboys keine Waffen. Ihr Ziel: Alle Bisons der Insel in das große Gatter treiben. Weil der Mensch alle großen Raubtiere auf Antilope Island ausgerottet hat, muss er sich jetzt selbst um die Bisons kümmern. Der Mensch muss hier die Population der Tiere kontrollieren. Das hier ist ja eine Insel, der Platz ist begrenzt. Und das Futter ist begrenzt. Auf Antilope ist ungefähr Platz für 500 Bisons. Das hier sind aber 700, 200 zu viel. So werden morgen ungefähr 200 Tiere aus dieser Herde aussortiert und geschlachtet. Der Tierschützer in mir findet es schrecklich, dass 200 wunderbare wilde Bisons zur Schlachtbank geführt werden.
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Aber der Artenschützer weiß: Das ist manchmal notwendig. Denn würde man das nicht tun, würde sich diese Herde weiter vermehren. Die Nahrung würde knapp, Hunger und Krankheiten würden ausbrechen. Dann würden wahrscheinlich viel mehr als 200 Bisons auf qualvollere Art und Weise sterben. So eine Entscheidung ist bitter, aber manchmal leider notwendig. Die Insel ist nur etwa 115 Quadratkilometer groß. Die Population hier muss für immer gemanagt werden. Als die Bisons noch über die weiten Prärien zogen, waren sie wichtige Partner für die Menschen. Diese folgten den Herden und erhielten so alles, was sie zum Leben brauchten. Es war ein Leben im Einklang mit den Bedingungen des Kontinents. * Musik * Die Natur lieferte den Bewohnern im gesamten Herzland der USA einen reich gedeckten Tisch. Doch der Kontinent zeigt auch andere Seiten. Lebensfeindliche wie in der Sonora-Wüste im Süden, in Arizona. Große Tiere wie die Bisons hatten hier noch nie eine Chance.
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Es ist eine Landschaft für Spezialisten. Solch karge Landstriche prägen den gesamten Südwesten der USA. Und dennoch stoßen Forscher hier auf Spuren, die amerikanische Ureinwohner schon vor über 1000 Jahren hinterließen. * Musik * Dass in so einer kargen Landschaft ein paar kleinere Nomadengruppen klarkommen, das kann man sich gerade noch so vorstellen. Aber ein ganzes Volk, das große Städte baut? Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war das für die Europäer unvorstellbar. Die Anasazi haben hier im Chaco Canyon schon Hochhäuser gebaut. Lange bevor die ersten Weißen überhaupt ihren Fuß auf diesen Kontinent setzten. Da unten gab es Marktplätze, große Lagerhallen, Tempelanlagen, Wohnhäuser und Gebäude, die mehr als 20 Meter hoch waren. In einer Gegend, in der es fast zehn Monate pro Jahr nicht regnet, ist es fast unmöglich, sich dauerhaft niederzulassen. Die Anasazi haben das trotzdem geschafft. Und zwar, weil sie die Natur so genau beobachtet haben.
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Sie wussten genau, wo man siedeln kann und wo nicht. Deshalb haben sie ihre Stadt auch genau hierher gebaut, vor diese Felswand in diesen Canyon. Denn da oben auf den Hochebenen sammelt sich das Regenwasser. Das läuft dann über die Felswände runter in den Canyon. Deshalb lag der Grundwasserspiegel hier deutlich höher als im gesamten Umland. Die Anasazi haben das bemerkt und richtig geschlussfolgert: Hier können wir siedeln, unsere Stadt bauen. Denn nur hier ist Landwirtschaft möglich. In der Hoch-Zeit der Kultur lebten hier schätzungsweise um die 2000 Menschen. Mit einem ausgeklügelten System aus Dämmen und Kanälen bewässerten sie die Felder. Die Anasazi beobachteten ihre Umwelt genau. Selbst den Lauf der Sterne. Womöglich haben sie sogar die Supernova aus dem Jahr 1054 in einem Felsbild verewigt. Wissenschaft und Kunst: Das sind Zeichen einer hochentwickelten Gesellschaft. Holz war neben Steinen das wichtigste Baumaterial.
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Doch in dieser kargen Gegend gab es nicht genug Bäume. Die Untersuchung der Jahresringe in den verbauten Stämmen verriet Forschern die Herkunftsregion der Bäume. In der direkten Umgebung waren sie schnell verbraucht. Der Erfolg und das damit verbundene Wachstum forderten ihren Preis. Die Anasazi mussten die Stämme über 70 Kilometer weit transportieren, um ihren Bedarf zu decken. Doch dann die Katastrophe. Mitte des 12. Jahrhunderts brach eine extreme mehrjährige Dürre über das Land herein. Hungersnöte und Kriege waren die Folgen. Jetzt konnten so viele Menschen nicht mehr versorgt werden. Die Überlebenden mussten den Canyon verlassen. Manche Regionen boten den Anasazi länger Zuflucht. Wie Mesa Verde, 200 Kilometer nördlich vom Chaco Canyon. Hier haben sie die Häuser direkt in den weichen Fels gebaut. Der Vorteil: Während der Kriege ließen sie sich besser verteidigen. Doch die Dürre forderte letztlich auch hier ihren Tribut.
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Zurück blieben die steinernen Bauten, von den Anasazi in den Fels gehauen. Das weiche Gestein prägt noch heute den Südwesten Amerikas. Die für den "Wilden Westen" charakteristischen Felsformationen scheinen wie die Werke eines Bildhauers oder Architekten. Dabei sind sie allein dem Zufall zu verdanken. Im Vergleich zu dem, was wir so an Bausünden in unsere Städte klotzen, ist das hier natürlich reine Kunst. Kein Wunder, da hat ja auch kein Mensch dran rumgepfuscht. Das hier ist "made by nature". Wassergeschmirgelt, windgeblasen, 100 Prozent Natur. Herrlich! Solche Bögen können entstehen, weil das Sandgestein bei Erdbewegungen Risse bekommen hat. Diese Risse werden dann durch Erosion immer breiter und tiefer. Regen und gefrierende Tropfen im Fels lassen den Sandstein dann zerbröseln. Und an einigen Stellen tun sich Löcher auf, die dann durch die Erosionskräfte immer größer werden. Es sind genau die Kräfte, die die Bögen einst geschaffen haben,
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die sie irgendwann auch wieder zerstören. Auch Naturbauwerke halten nicht ewig. Irgendwann kriegt die Erosion alles klein. Und formt dabei manchmal wirklich eindrucksvolle Landschaften und bizarre Formationen, so wie das Ding hier. Unglaublich, dass der Stein noch immer da oben liegt. Das liegt daran, dass das untere Gestein weicher ist und schneller erodiert, als der harte Stein obendrauf. Aber irgendwann fällt natürlich auch der. Es weiß nur keiner, wann. Die Vielfalt der Formen ist atemberaubend. Diese Steinformation wird "Die Welle" genannt. Einzig der Wind hat sie modelliert. * Musik * Schaut man genauer hin, erkennt man, wie der Wind dieses "Kunstwerk" erschaffen konnte: Die Welle ist aus Sand gebaut. Weite Landstriche hier waren früher eine Sandwüste. Sie waren Teil einer der gewaltigsten Wüsten, die jemals existierten. Zu einer Zeit, als Amerika noch nicht geboren war. Vor 250 Millionen Jahren ist die gesamte Landmasse der Erde
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in einem einzigen Kontinent vereint: Dem Superkontinent Pangäa. Aus ihm gehen alle heutigen Kontinente hervor. Im Zentrum erhebt sich ein mächtiger Gebirgszug. In seinem Regenschatten entstehen große Wüsten. Unter der Oberfläche Pangäas staut sich die Hitze des Erdinneren. Die Kräfte zerren an den Landmassen. Der Kontinent zerbricht. Die Geburtsstunde Nordamerikas. Tektonische Kräfte treiben die Kontinentalplatten auseinander. Im Verlauf verändern sich Geografie und Klima stetig. Der Sand der großen Wüsten Pangäas wandert mit. Und wird zu den Felsen gepresst, die heute das Antlitz dieser Region prägen. Mit der Abspaltung Nordamerikas begann der erste Kampf um die Herrschaft über den Kontinent. Auf die Gewinner von damals kann man noch heute treffen, mit etwas Glück. America first. Das stimmt tatsächlich. Zumindest wenn man auf alte Knochen steht. In Amerika wurde nämlich das erste vollständige Dinosaurierskelett gefunden.
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Und bis heute sind die Ausgrabungen hier wirklich ergiebig. In der Wüste von New Mexiko, da hat die Geologie den Boden durchgewalkt wie einen Kuchenteig. Und dabei ist manchmal das Unterstete ganz nach oben geraten. In diesem Tal liegt jetzt zufällig genau die Bodenschicht an der Oberfläche, die so 60, 70 Millionen Jahre alt ist. Und das bedeutet: Wo immer man hier den Spaten ansetzt, hat man gute Chancen, einen Dinosaurier zu finden. Damals war die Landschaft von üppigem Grün bedeckt. Bevölkert von Dinosauriern, den unangefochtenen Herrschern über die Erde. Nordamerika war die Heimat der Arten, die heute jedes Kind kennt: Brontosaurus, Tyrannosaurus und Velociraptor, alles Amerikaner. Doch dann bereitet ein Asteroideneinschlag der Millionen Jahre währenden Herrschaft ein jähes Ende. Wirklich? Der Asteroid, der auf die Erde eingeschlagen ist, hatte einen Durchmesser von schätzungsweise zehn Kilometern.
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Die Erde hat einen Durchmesser von mehr als 12.000 Kilometern. Und das ist dann doch erstaunlich. Wie konnte diese Katastrophe so verheerende Folgen haben? Wieso konnte so ein kleines Ding, wenn es auf so ein großes Ding trifft, alle Dinosaurier auf dem ganzen Planeten ausrotten? Die Antwort ist so ähnlich wie beim Todesstern von "Star Wars: Das Ding war so gut wie unzerstörbar. Aber es hatte diese eine Schwachstelle. Die Schwachstelle der Erde befand sich südlich der USA. Der Asteroid schlug im Norden von Mexikos Halbinsel Yucatán ein. Hätte er woanders unseren Planeten getroffen, würden die Dinosaurier womöglich noch heute die Welt bevölkern. Diese Bohrinsel wurde direkt über dem inneren Kraterrand errichtet. Hier wollen die Forscher das Rätsel der "globalen Achillesferse" lösen. Die Bohrkerne geben Aufschluss über die Beschaffenheit des Kraters. Zunächst müssen die Forscher aber den seither neu gebildeten Meeresboden
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über dem Krater durchdringen. Sie warten auf eindeutige Hinweise, dass sie ihr Ziel erreicht haben. Graniteinschlüsse, die nur durch den Einschlag entstanden sein können, sind das erhoffte Zeichen. In 66 Millionen Jahren haben sich 600 Meter neuer Meeresboden abgelagert. Der Einschlag hat in nur zehn Minuten eine 130 Meter dicke Schicht entstehen lassen. Mit deren Zusammensetzung lässt sich die Katastrophe rekonstruieren. Der Asteroid schlägt eine Grube von 30 Kilometern Tiefe. Der gewaltige Rückstoß hebt den Boden 15 Kilometer in die Höhe. Binnen zehn Minuten fällt alles wieder zusammen, die Kraterränder türmen sich auf. Die neugeformten Gesteinsschichten finden sich heute im Bohrkern. In einem Umkreis von etwa 1500 Kilometern wurde alles Leben direkt ausgelöscht. Aber weiter entfernt konnten Dinosaurier die direkten Folgen des Einschlags überleben. Die totale Ausrottung muss andere Gründe gehabt haben. Die Vermutung: Die Verdunklung des Himmels
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könnte weiteres Leben zerstört haben. Neben Asche und Staub ist Schwefel im Verdacht: Er geht in der höheren Atmosphäre Verbindungen ein, die das Sonnenlicht abschirmen. Die Region, in die der Asteroid einschlug, ist sehr reich an Schwefel. Im Bohrkern selbst haben die Forscher jedoch keinen nachweisen können. Und das ist der Schlüssel: Wenn sich im Krater heute kein Schwefel mehr befindet, wurde er komplett in die Atmosphäre geschleudert: 385 Milliarden Tonnen. Diese Menge erklärt den Untergang. Die Wolken schirmten das Sonnenlicht weltweit ab. Alle Pflanzen verendeten. Es wurde global um 25 Grad kälter. Alle Tiere, die sich von Grünpflanzen oder Pflanzenfressern ernährten, starben wie die Dinosaurier. Nach der Katastrophe dauerte es ein paar Hunderttausend Jahre, bis sich die Wälder wieder ausbreiten konnten. Und aus genau dieser Zeit stammt dieser versteinerte Baum. Wahrscheinlich huschten in seinem Schatten ein paar kleine Säugetiere,
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die noch nicht ahnten, was für eine große Zukunft sie haben. Und auf den Ästen dieses Baumes zwitscherten die letzten verbliebenen Nachfahren der Dinosaurier: die Vögel. Schon einige Dinosaurier hatten Federn. Ihre Nachfahren entwickelten sich nun zu den neuen Herrschern am Himmel. Mit heute 10.000 verschiedenen Arten. Der schnellste unter ihnen ist der Wanderfalke. Er erreicht Spitzengeschwindigkeiten von 320 Stundenkilometern. Im Windkanal wollen Forscher den Falkenflug verstehen. Die Tiere können einzelne Federn aufstellen. Dadurch lassen sich bremsende Rückströme der Luft ausgleichen. So hält der Falke den Geschwindigkeitsrekord. Für sich muss der Falke kaum Feinde fürchten. Für seine Küken hingegen schon. Vor den Küsten Kaliforniens bedrohen Pelikane die Brut des Falken. Ein ungleicher Kampf. Denn nicht alle Vögel beherrschen das Fliegen gleich gut. * Musik * Jede Art hat sich an spezielle Lebensbedingungen angepasst.
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Und Pelikane müssen eben auch schwimmen können. Der Asteroideneinschlag hat völlig neues Leben entstehen lassen. Und neue Herrscher hervorgebracht. Einer von ihnen sprengt alle Dimensionen. Wenn die Natur heilig wäre, dann würden die Menschen wahrscheinlich an diesem Ort hier niederknien, denn hier lebt Pando. Und das schon seit Zehntausenden von Jahren. Er ist das wohl gewaltigste Lebewesen auf dem Planeten Erde. Dieser Wald hier, den die Menschen Pando nennen, ist nicht weniger als ein Wunder. Allerdings eins, das man wissenschaftlich erklären kann. Hier wachsen auf ungefähr 40 Hektar über 40.000 Espenbäume. Aber genaugenommen sind diese Espenbäume, diese weißen Stämme, gar keine eigenständigen Pflanzen. Das alles sind nur Triebe aus einer einzigen Wurzel, die sich hier seit Zehntausenden von Jahren immer weiter ausbreitet. Aus diesem Grund sind auch alle Stämme genetisch völlig identisch. Biologisch betrachtet ist das hier also kein Wald,
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sondern nur ein einziger Baum, ein einziges großes Lebewesen. Wenn im Sommer das Espenlaub oben an den Zweigen sitzt, dann reicht schon eine ganz leichte Brise, um sie zittern zu lassen. Und dieses Zittern des Espenlaubs hat dafür gesorgt, dass die Menschen hier in der Gegend den Pando auch den "zitternden Riesen" nennen. Wenn ein Espenbaum oder ein Espenstamm nach oben Richtung Licht wächst, dann brechen die unteren Äste im Schatten ab und hinterlassen dabei eine Narbe am Stamm. Diese Narbe sieht so ein bisschen aus wie ein Auge. Und die Menschen sollen früher geglaubt haben, dass das die Augen von Mutter Natur sind, die uns beobachten. Heute ist Pando in Gefahr, denn Rehe und die Nutztiere der Menschen fressen die frischen Triebe. Der Wald kann sich nicht mehr verjüngen. Die Natur des Kontinents entwickelte sich lange vom Menschen ungestört. Während der Rest der Welt seit zehntausenden von Jahren erobert war, blieb Nordamerika menschenleer.
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Erst zum Höhepunkt der Eiszeit vor 20.000 Jahren gab es eine Landbrücke zwischen Asien und Amerika. Die sich überqueren ließ. Nur: Viel weiter als die Landbrücke reicht, kommen die frühen Einwanderer nicht. Gewaltige Gletscher versperren den Weg. Erst als es wieder wärmer wird, öffnet sich ein eisfreier Korridor. Die Erfolgsgeschichte des Menschen in Nordamerika begann demnach erst mit dem Ende der Eiszeit vor etwa 11.500 Jahren. So die gängige Lehrmeinung. Doch viele neue Funde liefern Indizien, die dieser Theorie widersprechen. Einer davon findet sich vor der Küste Kaliforniens. Auf der Insel Santa Rosa wurden Menschenknochen entdeckt, die nach der aktuellen Datierung etwa 1500 Jahre älter als die angenommene Besiedlungswelle sind. Menschen müssen also schon vor dem Ende der Eiszeit hierher gelangt sein. Menschen mit Booten. Entlang der Westküste konnten sie schon damals an schmalen eisfreien Landstrichen siedeln, so die neue Theorie.
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Die Frage ist, ob sie dort auch genug zum Überleben fanden. Die frühen Amerikaner mussten sich auf ihren Entdeckungsfahrten irgendwie selbst versorgen. Und dabei hat ihnen wahrscheinlich dieses Zeug hier geholfen: Kelp. Das kann man essen, und das schmeckt gar nicht mal so schlecht. Bisschen wässrig, klar, aber auch 'ne feine Salznote drin. In Japan wird das sogar in Delikatessengeschäften verkauft. Und getrocknet ist dieses Kelp ein richtiges Superfood. Also wirklich kein schlechtes Zeug, aber das Beste am Kelp: Da, wo es viel davon gibt, da gibt es im Meer dann auch noch viel mehr zu holen. Die Unterwasserwälder sind Anziehungspunkt und Heimat zahlreicher Meerestiere. Ein reichgedeckter Tisch für die allerersten Amerikaner. Doch die Menschen hätten davon nicht profitieren können, hätte es nicht schon damals unfreiwillige Helfer gegeben: Seeotter. Diese Tiere leben in und auf den Kelpwäldern.
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Sie sind die "Polizisten der Meere", denn der Wald im Meer hat Feinde: Seeigel. Heute sind sie eine Plage. Sie tauchen in Massen auf und können die Wälder komplett kahlfressen. Otter gehören zu ihren wenigen Feinden. Ein Otter ist in der Lage, massenweise Seeigel zu fangen und zu verspeisen. Heute sind die Seeotter vom Aussterben bedroht. Aber nur dort, wo es genügend von ihnen gibt, sind die Kelpwälder vor den Schädlingen geschützt. Nur mit ihrer Hilfe kann das reiche Ökosystem gedeihen. Die Seeotter waren also wichtige Partner der frühen Amerikaner. Denn ohne die Tiere hätten die Menschen an der Küste es viel schwieriger gehabt, ausreichend Nahrung zu finden. Die ersten Einwanderer folgten den Verlockungen des Kontinents. Nach dem Ende der Eiszeit beanspruchte der Mensch immer mehr Raum für sich. Etwa gleichzeitig starben die großen Tiere aus. Vor der Ankunft der Europäer lebten in Nordamerika bis zu 12 Millionen Menschen mit über 500 Sprachen und Kulturen.
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Christoph Kolumbus wähnte sich bei seiner Ankunft in Asien. Bei der Suche nach Reichtümern waren alle Mittel recht. Auch andere Europäer wurden angelockt vom Ruf der Schätze in der "Neuen Welt". Für die "ersten Amerikaner" bedeutete ihre Ankunft Unterdrückung, Ausbeutung und Tod durch Infektionskrankheiten. Arbeitskräfte aus Afrika wurden verschleppt und versklavt. Die Einwanderer aus Europa hofften auf ein besseres Leben. Viele folgten einem vagen Versprechen von Reichtum. Ein Schatz übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Wer den Schatz heben wollte, musste tief hinunter in den Untergrund. Im Zuge des größten Goldrauschs der Geschichte, 1849 in Kalifornien, gruben sich die Menschen kilometerweit in den Stein. Das Gold an der Oberfläche war schnell weg. Aber hier unten gab es noch jede Menge. Zunächst haben die Männer nach solchen Quarzschichten gesucht. Und da, wo das Quarz so wunderbar rostig ist, die rötliche Farbe hat,
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da ist die Wahrscheinlichkeit, dass da Gold drinsteckt, relativ hoch. Das Gold kommt aus dem Innersten der Erde. Den Weg an die Oberfläche bahnen die gewaltigen Kräfte der Tektonik. Es entstehen Risse im Gestein. Durch sie drängt heißer Wasserdampf aus der Tiefe nach oben. Er ist angereichert mit Mineralien wie auch Gold. Beim Erkalten kristallisieren sie. In diesen Quarzadern ist das Edelmetall dann gefangen. Die Kehrseite der Medaille, diese Goldadern, sind auch ein Indiz dafür, dass die Erde hier in Kalifornien gewalttätig und gefährlich ist. San Francisco 1906. Durch den Goldrausch wurde die Stadt zu einer der größten und modernsten der USA. Die Bewohner ahnen nicht, was sich unter ihren Füßen zusammenbraut. Wie nah bei Gold Segen und Fluch zusammenliegen. Bis zum 18. April. Nur 47 Sekunden dauert das Erbeben. Die Folgen wie die verheerenden Feuer gelten bis heute als die größte Katastrophe in den USA.
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Mehr als 3000 Tote und 200.000 Verletzte. Große Teile der Stadt zerstört. Die Gefahr ist immer noch gegenwärtig. Ganz San Francisco hat Angst vor dem großen Beben, vor "the Big One". Statistisch passiert so was drei bis vier Mal pro Jahrhundert. Aber jetzt ist es schon ein ganzes Jahrhundert lang relativ ruhig. Und das ist sehr ungewöhnlich, denn diese Stadt steht auf einem gewaltigen Riss in der Erde. Diese Spalte beginnt in Mexiko und verläuft von da nach Norden, vorbei an L.A. und San Francisco und dann raus ins Meer. Und genau unter dieser Verwerfung ist die Erde ständig in Bewegung. Da taucht nämlich die pazifische unter die nordamerikanische Platte ab. Und außerdem verschieben sich diese beiden Platten auch noch gegeneinander, ungefähr 3 bis 6 cm pro Jahr. Die eine ist auf dem Weg nach Norden, und die andere rutscht nach Süden. Zwischen San Francisco und Hollywood liegen heute ungefähr 400 Kilometer. Aber wenn das mit diesem Gerutsche der Platten weitergeht,
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dann wird man schon in einigen Millionen Jahren von hier nach da zu Fuß gehen können. Die Gefahr, die von dieser Region ausgeht, ist real. Die San-Andreas-Falte ist ein sichtbares Indiz dafür. Entlang dieser Linie gibt es die meisten Erschütterungen auf der Welt. Etwa 80 Prozent aller Erdbeben des Planeten finden hier statt. Und der Kontinent bietet noch mehr Extreme. Durch die Nord-Süd-Ausrichtung der Gebirgszüge kollidieren regelmäßig kalte und warme Luftmassen. Rund 300 Tornados entstehen so pro Jahr. An der Ostküste prallen Hurrikans auf den Kontinent. Sie gehören zu den gefährlichsten Wirbelstürmen der Welt. Sie entstehen durch die Erwärmung der Luft über dem Atlantik. Extrem sind auch die Einflüsse der arktischen Polarluft. Schneestürme legen regelmäßig ganze Städte lahm. Es gibt Temperaturstürze auf unter minus 40 Grad. Ein Land der unbegrenzten Katastrophen. Kosten von 306 Milliarden Dollar allein 2019. Die globale Krise des Klimas verschärft die Extreme.
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In Kalifornien haben Hitze und Trockenheit den perfekten Nährboden für Feuer geschaffen. Die letzten 20 Jahre waren die trockensten seit mehr als 100 Jahren. Und immer öfter erobern die Flammen auch den Raum, den der Mensch zu kontrollieren glaubt. Wenn man an so einem trockenen Tag wie heute eine Sache auf gar keinen Fall machen darf, dann offenes Feuer in einem Wald. Es sei denn natürlich, man ist mit Jeff unterwegs. Jeff darf das, der arbeitet hier im Humboldt County nämlich für die PBA. Und die legen Feuer auf Rezept, das heißt tatsächlich so: Free described burnings. Hier ist jetzt genau das passiert, was auf keinen Fall passieren soll: Der Baum hat sich entzündet. Das trockene Moos am Stamm brennt fast wie Zunder. Und jetzt rennt das Feuer hier den Stamm ganz nach oben. Dann breitet es sich in der Krone aus. Und dieses Feuer fällt dann vom Baum wie brennender Regen.
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Dann kann aus so einer Aktion wie der hier tatsächlich was Gefährliches entstehen. Boah. Solange das Unterholz so dünn ist wie jetzt, ist das gar kein Problem. Man kann das alles kontrollieren. Aber wenn das Unterholz dicht wird und gerät dann in Flammen, dann wird das Feuer viel intensiver und heißer. Und dann brennt der ganze Wald. Dann brennen auch die Stämme, und das will man ja vermeiden. Man will kein großes unkontrolliertes Waldfeuer. Kontrolliertes Feuer ist ja schön, aber in den Augen brennt es genauso. Dass der Klimawandel die Sache mit den Waldbränden nicht besser macht, das versteht sich doch von selbst. Alles wird wärmer und trockener, und die Brandgefahr steigt. Das ist nicht nur für Menschen gefährlich, sondern auch für die Tiere, die hier leben. Und darunter ist einer, der mir persönlich ganz besonders gefällt. Der vielleicht süßeste Amerikaner, den es gibt. Der Pfeifhase. Er hat sich einen besonders anspruchsvollen Platz
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auf dem Kontinent gesucht: das felsige Bergland der Rocky Mountains. Sein hochgelegenes Nest zwingt ihn, jeden Tag viele Kilometer zurückzulegen. Der Pfeifhase verträgt keine hohen Temperaturen. Deshalb baut er das Nest in der Höhe und nicht weiter unten in Futternähe. Ein Risiko. Seine Vorräte wecken die Begehrlichkeit seines Nachbarn. Der Konkurrent wartet auf seine Chance. Der Weg zum eigenen Nest ist nun viel kürzer. Aber der Dieb wird entdeckt. Und der Bestohlene lässt sich diese Frechheit nicht bieten. Die Welt der Pfeifhasen ist voller Gefahren. Das Grün zwischen den kahlen Felsen lockt viele Diebe an. Diesmal hat er keine Chance, die Übeltäter zu vertreiben. Doch die größte Herausforderung für die "niedlichsten Amerikaner" ist eine ganz andere. Ab Temperaturen von 25 Grad meiden die Pfeifhasen die Gegend. Die Erderwärmung zwingt sie in immer größere Höhen. Und ihre Wege werden immer weiter.
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Doch irgendwann können die Pfeifhasen nicht mehr ausweichen. Der Mensch hat die Macht, die Natur zu verändern. Sein Handeln ist entscheidend für die Zukunft aller Lebewesen. Nur mit Erfindungsreichtum lassen sich die Herausforderungen des Kontinents bewältigen. Die Eroberung und Beherrschung der Natur steckt ganz tief in der amerikanischen DNA. Aber im Kampf mit den Kräften des Kontinents ist auch das hier nur ein Land der begrenzten Möglichkeiten. Denn am Ende siegt immer die Natur. Tschüs aus Amerika, und bleiben Sie fasziniert. Untertitel im Auftrag des ZDF, 2020

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