Artenschutz – Faszination Erde | Dirk Steffens | Ganze Folge Terra X

Artenschutz – Faszination Erde | Dirk Steffens | Ganze Folge Terra X

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Language: German

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Die Vielfalt des Lebens auf der Erde, die Fülle an Landschaften und Naturräumen lässt mich immer wieder staunen. Natur macht glücklich, sagt die Wissenschaft. Ich habe es auch erlebt. Na, du Kleiner. Viele der schönsten Momente in meinem Leben waren Begegnungen mit wilden Tieren. Doch wir verändern unseren Planeten. Und lösen das sechste Massen- Aussterben der Erdgeschichte aus. Das globale Artensterben ist für mich nicht nur eine abstrakte Bedrohung, sondern ein persönlicher Verlust. Aber Optimismus ist Pflicht, denn noch kann alles gut werden. Die Frage ist nur: Wie? * Musik * Der Steinadler gehört zu den größten Vögeln Europas. Jahrhundertelang wurde er gnadenlos gejagt. Nur in den unzugänglichen Regionen der Berge konnte der Raubvogel überleben, zum Beispiel in Südtirol. Ein Wissenschaftler vom Max-Planck- Institut für Verhaltensbiologie hat heute die italienische Bergwacht angeheuert. Die Männer wollen ein Jungtier aus dem Nest fangen.
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Ich schaue mir das Ganze vom Fuß der Felswand aus an. Die ersten 50 Tage seines Lebens ist das Adlerküken noch flugunfähig. Aber da man aus der Ferne das genaue Alter nicht bestimmen kann, weiß die Bergwacht nie genau, wie sich der Adler verhalten wird. Wird er wegfliegen? Oder lässt er sich einfach mit dem Netz fangen? Zum Glück geht alles gut. Ziel des Forschungsprojekts ist es, mehr über den Lebensraum der Adler und die Größe der Reviere herauszufinden. Deswegen wird das Tier besendert. Doch die Untersuchung kann erst an einer sicheren Stelle stattfinden. Da kommen dann Kami und ich ins Spiel. So sicher? - Super. Das ist ein Steinadler-Küken noch ohne Namen. Und das ist Kami, er ist Verhaltensbiologe und leitet das Steinadler-Projekt hier. Kami erstellt eine Art Steckbrief. Schnabel, Krallen und Flügellänge verraten ihm, wie alt das Tier tatsächlich ist. Ganz schön groß für ein Küken. Was sagt der Experte, wenn er auf die Federn guckt?
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Wie lange, bis dieses Tier flugfähig ist? Das dauert schon noch einen Monat, bis der tatsächlich ausfliegt. Der macht jetzt seine Übungen im Horst, um dann bereit zu sein, den ersten Flug zu unternehmen. Der größte Moment in seinem Leben. Ab jetzt zählt dieses Jungtier zu Kamis Team. Er wird den Vogel nun mehrere Jahre lang beobachten und genau ermitteln, welche Entfernungen er zurücklegt, und wo er ein Revier findet. Was Kami da gerade macht, das finde ich besonders spannend. Er schließt den Adler ans Internet an. Ans Internet der Tiere. Das Projekt heißt Ikarus und ist eine globale, satellitengestützte Tierüberwachungseinheit. Damit kann man Tausende, irgendwann vielleicht sogar Hunderttausend Tiere gleichzeitig bei ihren Bewegungen überwachen. Die Signale werden von einer Antenne auf der internationalen Raumstation ISS eingefangen. Ab jetzt auch die von unserem Jungsteinadler. Schon tausende Tiere tragen solche Sender. Es geht darum, die Routen von allen Tieren zu untersuchen,
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die regelmäßig größere Strecken zurücklegen. Wie lang sind die? Wohin führen sie? Und durch welche Lebensräume? Wer Tierarten schützen will, muss ihre Lebensgewohnheiten kennen. Und genau das ist die Idee des weltumspannenden Ikarus-Systems. Das ist 'ne ganz tolle Sache, denn dadurch können wir diese Tiere zu unseren Sinnen draußen in der Natur machen. Selbst wenn er dann den Horst verlässt, weiß Kami immer noch, wo er ist, und was er macht. Und Adler erleben und fühlen ja Sachen, die wir nicht kennenlernen. Zum Beispiel, wie viel Gift gibt es hier in den Bergen in der Nahrungspyramide, an deren Spitze die Adler stehen? Das können wir von ihnen besser lernen, als wenn wir selbst versuchen, es herauszufinden. Oder die interessante Frage: Wo ist es sinnvoll, Windkraftanlagen aufzustellen und wo nicht? Weil sie für die Tiere eine Gefahr werden können. All solche Sachen können wir lernen. Deshalb ist diese Grundlagenforschung so spannend. Jetzt kommt unser kleiner Schiefschnabel
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wieder in die Tasche und zurück ins Nest. Heute Abend füttern dich die Eltern. * Musik * Ausgewachsene Adler sind echte Langstreckenflieger. Täglich legen sie etwa 275 km zurück. Für die Gesundheit der Natur spielen sie eine wichtige Rolle, denn sie sind Räuber und Aasfresser. Und damit die Hygiene- und Gesundheitspolizei im Revier. * spannungsvolle Musik * Um Federsbreite wäre die einst in Europa weit verbreitete Art schon mal ausgestorben. Die schwer zugänglichen Alpen bildeten für die Tiere ein Refugium. Heute leben hier noch 2000 Tiere, ein Bruchteil von früher. Man merkt schon: Artenschutz ist gar nicht so einfach. Der Adler ist ja nur eine von sehr vielen Arten. Die Wissenschaft schätzt, es gäbe weltweit mindestens 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten. Davon sind rund eine Million vom Aussterben bedroht. Auf allen Kontinenten und in allen Lebensräumen. Und genau das macht den Schutz so schwierig. Bei dieser Vielzahl werden wir kaum alle schützen können.
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Doch wo anfangen? Gibt es Tierarten, die schützenswerter sind als andere? Betrachtet man den Aufwand, so stehen Pandabären ganz oben auf der Prioritätenliste. Im chinesischen Chengdu gibt es ein Forschungszentrum für die Panda-Nachzucht. Künstliche Befruchtung gehört zum Standardprogramm. Panda-Weibchen sind nur einmal im Jahr an nur drei Tagen fruchtbar. Die künstliche Befruchtung wird damit zu einer komplizierten Angelegenheit. Und sie ist auch teuer. Aber für Pandabären gibt es von der chinesischen Regierung großzügige Fördermittel. Die Erfolgsquote kann sich sehen lassen. Panda-Weibchen bekommen häufig Zwillinge. In der Wildnis kann die Mutter aber nur eines von beiden ausreichend versorgen. In Chengdu kommen beide Junge durch mit einem Trick. Die Wissenschaftler bringen der Bärin immer nur eines ihrer Jungen. Das andere ruht im Brutkasten, bis es an der Reihe ist. Wie winzig das Junge im Vergleich zur Mutter ist.
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Offiziell ist es das Ziel, Pandas für die Auswilderung nachzuzüchten. Denn in freier Wildbahn sind Pandas selten. Es gibt nur noch rund 1900 Tiere. Doch Pandas haben als Bambusfresser ganz spezielle Ansprüche. Genau daran scheitern die Auswilderungsprogramme bisher. Es gibt schlicht zu wenig intakte Bambuswälder. Die Pandas aus Chengdu landen stattdessen in den Zoos der Welt. Die chinesische Regierung verteilt sie als "Staatsgeschenke". Wobei "Geschenke" sind es nicht, es sind Leihgaben. Pro Panda-Paar wird eine Leihgebühr von einer Mio. US-Dollar im Jahr fällig. Auch im Berliner Zoo gibt es seit 2017 Pandas. Und 2019 gab es sogar Nachwuchs. Pit und Paule nennen die Berliner die Zwillinge, die auch mit künstlicher Befruchtung gezeugt wurden. Obwohl sie in Berlin geboren sind, bleiben sie chinesisches Eigentum. Und auch für sie ist eine Leihgebühr fällig. Das ist das Frühstück für die Stars im Zoo Berlin. Drei frische exotische Bambussorten immer genau abgemischt. Lecker.
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Moin Anja, wo kommt das hin? Wir haben hier mehrere Futterstellen. Hier vor dem Stein ein bisschen was drapieren. Die Hälfte ungefähr. Die Äste kommen jede Woche frisch aus Südfrankreich, rund 30 Tonnen pro Jahr. Die Pandas verursachen dadurch ein Viertel der Futterkosten im Zoo. Die fressen viel davon. Dann koten die bis zu 100 Mal am Tag. So viel zu deinem Traumberuf Pandapflegerin. Du bist ständig am Ausmisten, oder? Ja, wir fangen wieder von vorne an, wenn wir aufgehört haben. Aber immer gut, wenn da was rauskommt. Wo kommt das hin, die zweite Ladung? Die zweite Ladung kommt nach da hinten. Hier vorne, am besten so in diesen Stamm rein. Ah, wie 'ne Vase. Jetzt schnell raus, bevor das gefressen wird. Schnell raus, bevor wir auch Futter werden. Alle Pandas sehen kuschelig aus. Und die Kleinen sind wirklich harmlos. Aber die Panda-Mutter schaut man sich lieber mit Abstand an. Jetzt frühstückt auch die Mama. Als ich klein war, wusste ich nach meinem ersten Zoobesuch,
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was ich später mal werden will. Bei mir hat es also funktioniert. Zootiere werben für ihre wilde Verwandtschaft. Und wer so was sieht und davon nicht berührt ist, hat 'n Herz aus Stein, finde ich. Aber es fällt uns viel leichter, uns für solche Wonneproppen zu engagieren als für die Hässlichen und Gemeinen im Tierreich. Zum Beispiel für 'ne Gelbbauchunke. Dabei ist die gefährdet wie der Panda. Aber es kümmert keinen. Schlechtes Aussehen kann tödlich sein. Was Zoos wirklich für den Artenschutz leisten können, ist schwer abzuschätzen. Die Idee, bedrohte Arten hier zu züchten und dann auszuwildern, die funktioniert in der Praxis eher selten. Auswilderungen sind nämlich sehr kompliziert. Und wenn's keine Wildnis mehr gibt, in die man die Tiere auswildern kann, dann ist es völlig sinnlos. Denn das ist die Wurzel des Übels, der Verlust von Lebensraum. Der Habitat-Verlust ist für den Panda und viele andere Tiere das Hauptproblem, das ist ja auch kein Wunder.
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Es gibt heute rund 8 Milliarden Menschen auf der Erde, und die hinterlassen ihre Spuren. Drei Viertel der Landfläche weltweit sind bereits durch menschlichen Einfluss stark verändert. Und die Bedürfnisse des einen nehmen dem anderen den Lebensraum. Ein kaum lösbarer Interessenkonflikt. Die Wälder Indonesiens auf der Insel Borneo sind ein Ort, an dem dieser Konflikt schmerzlich zu spüren ist: Hier leben Asiens letzte Menschenaffen, die Orang-Utans. Ihre Zahl hat sich innerhalb eines Jahrzehnts halbiert. Der Grund dafür ist offensichtlich. Auf Borneo gibt es immer weniger Bäume. Was Tierschutzorganisationen mit ihren Auffangstationen leisten, wirkt da wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Welche Mühe man sich dennoch dort gibt, hat mich beeindruckt. Die Orang-Utan-Waisen und Findelkinder, die es hierher schaffen ins Sepilok-Aufzuchtzentrum, die haben noch Glück im Unglück gehabt. Sie haben zumindest eine Überlebenschance. Sowohl die Orang-Utans als auch die Menschen, zumindest die Kleinkinder, müssen jahrelang gefüttert
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und angelernt werden, bevor sie selbstständig leben können. Bei den Orang-Utans dauert das sieben, acht, manchmal auch neun Jahre lang. Das ist die Babystation. Hier werden die Tiere medizinisch gepflegt, gefüttert, bis sie etwas größer und stärker sind. Wenn alles gut läuft, kommen sie da rüber, auf die andere Seite in die Außenstation. Selbst wenn das Auswildern klappt, drohen den Orang-Utans noch viele Gefahren. Oft verirren sich die Tiere auf den Ölpalmen-Plantagen. Da werden sie von den Bauern getötet, damit sie die Ernte nicht klauen. Aus ökonomischer Sicht sind die Plantagen für das Entwicklungsland ein Segen. Die Hälfte des indonesischen Exports hängt von diesem Rohstoff ab. Der weltweite Hunger nach Palmöl scheint grenzenlos. Allein wir Deutschen verbrauchen jährlich rund 1,8 Millionen Tonnen. Palmöl ist vielseitig einsetzbar, von der Margarine über Babynahrung bis hin zu "Bio-Diesel" für unsere Autos. Fährt man hier über Land, ist es unübersehbar: Die Palmölindustrie hat die Region fest im Griff.
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Wenn man diese Früchte auspresst, entsteht ein geruchsloses und leicht zu verarbeitendes Öl. Das kann man für unglaublich viele Produkte verwenden. Deshalb steigt die weltweite Nachfrage immer weiter an. Wenn man aus einem deutschen Supermarkt alle Produkte rausräumen würde, in denen dieses Zeug steckt, dann wäre dieser Supermarkt halb leer. Ein weiterer Grund für die hohe Nachfrage: Palmöl ist spottbillig. Zumindest für uns Menschen. Den Preis zahlen nämlich andere. Die Orang-Utans und die vielen anderen Tiere, die durch die Rodung des Dschungels vom Aussterben bedroht sind. Doch es gibt noch viele fragwürdigere, absurde Ursachen für das globale Artensterben. Die Belege dafür kann ich mir am Frankfurter Flughafen anschauen. Das Artensterben ist kein abstraktes Problem in entfernten Ländern. Wir in Deutschland mischen da ordentlich mit. Heute darf ich einen Blick in die Katakomben des Flughafens werfen, das ist ein ziemlich gruseliger Ort.
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Das hier ist die Kammer des Schreckens. Die ist vollgestopft mit Monstrositäten, die Schmuggler in unser Land bringen wollten. Jeden Tag beschlagnahmt das Hauptzollamt zwei, drei solcher Exemplare. Eins geschmackloser als das andere. 27 Prozent aller Säugetiere werden gehandelt. Wer kauft denn so was? Von den Vogelarten sind es 23 Prozent. Und von den Reptilien 12 Prozent. Dieses blutige Geschäft wird von internationalen Verbrecherbanden kontrolliert. Die setzen damit jedes Jahr Milliarden um. Leider ist die Wilderei immer noch eine ziemlich lukrative Sache. In Südafrika konnte ich Tierschützer begleiten, die sich intensiv um Nashörner kümmern. Und dazu gehen sie selbst auf die Jagd. Will Fowlds ist nicht nur Tierarzt, er muss auch gut schießen können. Die Pfeile mit dem Betäubungsmittel müssen richtig sitzen. Schließlich soll das Nashorn nicht durch eine lange Verfolgung gestresst werden. Bis die Betäubung richtig wirkt, sind alle vorsichtig.
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So ein Nashorn kann wirklich gefährlich werden. Vier Tierärzte und zehn Helfer sind im Einsatz, um das Tier in eine sichere Lage zu bringen. Ob ich jetzt dabei eine Hilfe war? Na ja. Auf jeden Fall war's aufregend. Die ganze Aktion dient nur einem Ziel: dem Horn des Nashorns. So, das Horn ist ungefähr 17 Zentimeter. Will hat mir das genau erklärt: In acht Zentimeter Höhe von der Hornbasis werde ich das markieren. Genau da fangen dann die, die es wirklich können, an zu arbeiten. The rhino doesn't feel anything inside this part. Will erklärt mir: Im Horn haben die Tiere kein Schmerzempfinden, obwohl es etwas durchblutet ist. Darauf sind die Wilderer scharf: Ein Kilogramm davon kostet auf dem Schwarzmarkt 60.000 Dollar. Deshalb sind die Verbrecher auch so skrupellos. Angeblich soll das Horn in der traditionellen chinesischen Medizin heilsame Wirkung haben. Aber das ist Blödsinn. Das Horn besteht nur aus Keratin, genau wie Fingernägel oder Haare.
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Genauso riecht es auch, wie verbrannte Haare. Ohne Horn ist das Nashorn vor den Wilderern sicher. Überlebenswichtig ist es nicht, außerdem wächst es nach. In 18 Monaten müssen die Tierschützer es deshalb wieder kürzen. Ein ganz schöner Aufwand, um ein einzelnes Tier zu retten. Wollen wir den Artenverlust stoppen, müssen wir größer denken. Wir brauchen andere Strategien. Sonst begegnen wir vielen Arten von heute bald nur noch im Museum. Auf der Erde gab es bereits fünf Massenaussterben. Also die Big Five des Todes. Denn jedes Mal sind mehr als drei Viertel aller Tiere und Pflanzen ausgestorben. Die letzte Katastrophe dieser Art ereignete sich vor ungefähr 65 Mio. Jahren. Damals hat es neben vielen anderen auch die Dinos erwischt. Jedes Mal nach so einer Katastrophe dauert es dann mehrere Millionen Jahre, bis die Artenvielfalt wieder ein Niveau, jedenfalls ungefähr, wie vorher erreicht hat. Jetzt befürchten Forschende, dass das sechste Massenaussterben bereits begonnen hat.
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Und dass es noch schneller und verheerender abläuft als bei den Dinos. Aber manchmal geschehen auch Wunder. Er stand schon mal am Rande des Aussterbens: der Waldrapp. Auch heute ist er noch einer der seltensten Vögel der Welt. Dabei war der Ibisvogel in Mitteleuropa einmal weit verbreitet. Dass einige Exemplare der kuriosen Tiere in Tierparks überlebt haben, ist heute sein Glück. So, leckere Mehlwürmer. Guck mal hier. Nimmst du mir den von der Hand. Was ich hier mache, ist völlig unmöglich. Ich füttere eine Tierart, die schon vor Jahrhunderten bei uns in Mitteleuropa ausgestorben ist. Aber jetzt gibt es sie wieder, zumindest ein paar davon. Du kannst doch nicht meinen Ring essen. Das ist Sherlock, der kommt gleich in die Box. Und dann rüber in den Windkanal. Da sollst du fliegen lernen. Sherlock muss fliegen lernen, ne. Sherlock wird fliegen. - Noch ein Würmchen? Na gut, ein Würmchen noch. Aber nicht, dass du zu viel futterst.
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Waldrappe sind Zugvögel. Doch woher sollen die Jungen aus der Zucht wissen, wo sie im Herbst hinfliegen sollen? Die Überlebenden in den Tierparks mussten diese Reise ja noch nie antreten. Ihre einzige Chance: Den Flug von ihrer Aufzuchtstation in den Süden müssen die Jungtiere von ihren menschlichen Ersatzeltern lernen. Jetzt sind die Vögel drei Monate alt und müssen fit gemacht werden für ihre Reise über die Alpen. Ortal befestigt jetzt so 'ne Art Fitness-Uhr auf dem Vogel, um die Herzfrequenz zu messen. Das ist ein Weg, um Respirometrie zu betreiben, die Analyse des Energieumsatzes dieses Tieres. Warum ist so 'ne Grundlagenforschung wichtig? Eine ausgestorbene Art wieder zu einem Zugvogel machen. Damit das funktioniert, muss man verstehen, wie viel Energie das Tier braucht, um von A nach B zu fliegen. Hat es so viel Energie? Wie viel muss es fressen? Das ist eine wichtige Grundlagenforschung, um zu verstehen, was einen Zugvogel zu einem Zugvogel macht.
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Jetzt sind die beiden fast fertig. Dann wird Sherlock diese Haube abgenommen, vorher muss ich raus. Denn wenn Sherlock mitkriegt, dass ein Fremder im Raum ist, ist der durch den Wind, und die Untersuchung funktioniert nicht. Für das Forschungsprojekt wurde ein Windkanal gebaut. Sherlock muss täglich 30 Minuten trainieren. Der Jungvogel muss gegen Windgeschwindigkeiten von 120 Kilometern pro Stunde anfliegen. In dieser Größenordnung bläst der Wind nämlich nicht selten beim Flug hoch über die Berge. Zum Ende des Sommers wird es ernst für die Waldrappe. Mit Ultraleichtfliegern werden die Vogelschützerinnen zu Lehrmeisterinnen für die Jungvögel. Sie geleiten sie auf der Zugroute über die Alpen. Die Vögel folgen den Rufen und Stimmen ihrer Zieheltern. 1400 Kilometer in ihre Überwinterungsquartiere bis in die Toskana. Die Reise startet am Bodensee. Dort haben die Tiere eines ihrer Brutgebiete. Je nach Wetterlage brauchen sie acht Tagesetappen. 29 Tiere gilt es zusammenzuhalten.,
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Und das ist keine leichte Aufgabe. Doch alle Waldrappe haben durchgehalten, keiner ist verloren gegangen. Es ist bereits das 14. Mal, dass Menschen Jungvögel vom Brut- zum Überwinterungsgebiet begleitet haben. Und jedes Mal endet die Reise mit einem Abschied. Doch nach einigen Jahren Erfahrung ist klar: Die Tiere finden den Weg selbstständig zurück in ihr Brutgebiet am Bodensee. GPS-Daten zeigen, dass die Tiere zwar auf unterschiedlichen Routen fliegen, aber das natürliche Zugverhalten ist zurück. Es hat bisher 4,5 Millionen Euro gekostet, 142 Tiere wieder zu Zugvögeln zu machen. Besser, man lässt es erst gar nicht so weit kommen, dass Arten aussterben. Und so ist es das immer mit zerstörter Natur. Sie zu reparieren ist irre teuer und auch irre aufwendig. Oft funktioniert es auch nicht. Eine ausgestorbene Art, die ist weg, und zwar für immer. Artenschutz ist aber auch kompliziert. Denn wir wissen ja nicht, wie viele Arten es gibt.
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Hier im Berliner Naturkundemuseum in der Glaswand sind 3000 Arten beispielhaft zusammengefasst. Aber wissenschaftlich beschrieben sind ungefähr 2 Millionen. Der Weltartenschutzrat geht von 8 Millionen aus. Tatsächlich sind es wohl noch viel mehr. Wie viele genau, das werden wir wahrscheinlich nie erfahren. Denn sehr viele Arten sterben aus, bevor wir sie kennenlernen können. Die Zeit wird also knapp. Wir müssen uns ranhalten, denn jede einzelne Art zählt. Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung in den artenreichen Tropischen Wäldern. Ich war schon oft dort und hatte ein paar unvergessliche Begegnungen. Einmal habe ich mich auf etwas wirklich Schräges eingelassen, damit mir ein Tier besonders nahe kommt. Ich weiß, was Sie jetzt denken, aber ich kann das erklären. Ich verkleide mich grade als bunte Blume, so wie Kolibris sie lieben. Außerdem sind die kleinen Vögel auch noch zuckersüchtig, und ich hab hier Zuckerwasser. Kolibris verdrücken unglaublich viel Zucker.
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Das entspricht ungefähr der Menge von 1000 Schokoriegeln, die ich am Tag essen würde, allerdings dann ohne dick zu werden. Ist ja auch kein Wunder bei deren Flatterfrequenz. So, und jetzt mal gucken, ob es klappt. Zuckerwasser, Blüte gelb und rot funktioniert am besten. Jetzt stillhalten und warten. * Musik * Über 8000 Pflanzenarten hängen von den kleinen Vögeln ab. Denn bestimmte Blütenformen passen nur zu bestimmten Kolibri-Schnabelformen. Der Vorteil für die Pflanze: Die Pollen gelangen zu einer "passenden" Blüte, einer Blüte derselben Art. Der Kolibri hat ein Monopol auf die Futterquelle. Doch diese exklusive Beziehung birgt ein Risiko: Verschwindet einer der Partner, ist auch der andere zum Aussterben verurteilt. Derzeit stehen über 30 Kolibri-Arten auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Wie viele Pflanzen aussterben, wenn die Kolibris verschwinden, wissen wir nicht. Wir wissen noch wenig darüber, welche Lebewesen zum Überleben welche anderen Lebewesen brauchen.
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Noch sind nicht alle Abhängigkeiten im Netzwerk der Regenwälder bekannt. Noch schwerer zu durchschauen sind die Ökosysteme der Meere. Die karibischen Riffe beherbergen einen unschätzbaren Artenreichtum. Im Leben zwischen bunten Korallenstöcken herrscht ein sensibles Gleichgewicht. Es ist der natürliche Lebensraum von tausenden Fischarten. Dringt ein Fremdling wie der Rotfeuerfisch in die heile Riffwelt ein, dann hat das dramatische Folgen. Einst von Aquarienbesitzern ausgesetzt, frisst diese invasive Art rund 80 % aller Jungfische. Darum ergreifen Naturschützer inzwischen drastische Maßnahmen. Rotfeuerfische sind auf der ganzen Welt beliebte Fotomotive bei Tauchern, aber hier werden sie gejagt. Wer da gerade danebengeschossen hat, das ist Nick. Er arbeitet hier in einem Meeresschutzgebiet. Nick, da ist noch einer. Sie sind eine eingeschleppte Plage, die den einheimischen Arten das Leben richtig schwer macht. Deshalb wird alle paar Monate die kontrollierte Jagd eröffnet.
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Das ist nicht besonders schön, aber würde man es nicht machen, dann wären viele einheimische Fische und andere Meerestiere in ihrer Existenz bedroht. Das ganze Ökosystem wäre gefährdet. Naturschützer können den Vormarsch der Rotfeuerfische nicht mehr aufhalten. Wegen seiner Giftstacheln hat er kaum natürliche Feinde. Nur einer macht um den Feuerfisch keinen Bogen: der karibische Riff-Hai. Sein Maul scheint unempfindlich gegenüber den Stacheln. Für die Lebensgemeinschaft am Riff ist er besonders wichtig. Haie sind Schlüsselarten in verschiedenen Lebensräumen. Als Räuber an der Spitze der Nahrungspyramide sorgen sie für ein gewisses Gleichgewicht zwischen den Spezies. So sehen Korallenriffe aus, wenn es keine Haie mehr gibt. Fehlt der große Räuber, vermehren sich Barracudas ungehindert. Barracudas machen vor allem Jagd auf Papageifische, die wiederum die Algen von den Korallen knabbern. Ohne Papageifische ersticken die Korallenpolypen unter den Algen.
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Und das Riff beginnt zu sterben. Das alles nahm seinen Anfang mit dem Verschwinden der Haie am Riff. Der Hai ist eine "Keystone Species", eine Schlüsselart. Er sorgt dafür, dass Nährstoffe aus dem Tiefenwasser für das Leben weiter oben verfügbar werden. Fische werden angelockt. Davon profitieren wiederum Milliarden Menschen. Haie sorgen zudem für intakte Riffe und damit für natürlichen Küstenschutz. Mindestens 300 Mio. Menschen weltweit sind dadurch von Stürmen und Wellen abgeschirmt. Ohne Hai fehlt der entscheidende Baustein für ein stabiles Riff-Ökosystem. Das bedeutet aber auch: Schützt man den Hai, so kann man allein damit ein ganzes Ökosystem bewahren. Im Artenschutz ist deshalb die Suche nach den "Keystone Species" ganz entscheidend. Es lohnt sich, dabei auch die Kleinen, Unscheinbaren und deren Rolle im Netzwerk der Natur genauer anzusehen. Zum Beispiel die vielen Insekten. Wer denkt schon beim Frühstück daran, wie unersetzlich Bestäuber sind. Auf rund ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion
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müssten wir ohne Bienen und andere bestäubende Insekten verzichten. Ohne die Keystone Species Bienen bliebe auf dem Tisch nicht allzu viel übrig. Aufrufe zum Bienen-Schutz gibt es viele. Doch die westliche Honigbiene Apis mellifera ist gar nicht vom Aussterben bedroht. Sie ist wie Schweine oder Kühe eine weltweit gehaltene Nutztierart. Gut betreut von den Imkern. Richtig schlecht geht es dagegen der wilden Verwandtschaft. Es gibt in Deutschland circa 600 Bienenarten, die Hälfte davon steht auf der Roten Liste. Und die Wildbienen haben leider keine Lobby. Naturwiesen, auf denen sie leben können, werden immer seltener. Klar, Bienen brauchen Blüten. Aber sie müssen auch einen Ort haben, an dem sie wohnen können. Ideal dafür sind solche Abbrüche. In dem Sand, die kleinen Löcher, sind Bienennester. Die können hier in die Erde ganz leicht ihre Gänge reinbohren. Allein auf diesem kleinen Stück nisten 30 verschiedene Wildbienenarten. Und auf der ganzen Wiese leben schätzungsweise
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120 verschiedene Arten. Einige von denen sind sogar richtig selten. Das ist eine Knautien-Sandbiene. Die steht auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Warum habe ich als Bienenlaie trotzdem sofort eine gefunden? Weil das hier eine Knautie ist. Und diese Bienen ernähren sich fast ausschließlich von den Pollen dieser Blüte. Wenn man so 'ne Blume sieht, dann muss man nur ein bisschen warten, und dann ist diese Biene hier meistens nicht weit. So, flieg weg. Sie versucht noch, mich zu stechen, die hat einen kleinen Stachel. Zack, weg ist sie. Es ist überraschend, was für faszinierende Bienen man bei uns in Deutschland auf einer Wiese finden kann. Meine persönliche Lieblingsbiene ist die Schneckenhausbiene. Die Biene baut sich ein Haus aus einem Schneckenhaus. Dazu muss sie es in die richtige Position bringen. Im nächsten Schritt sammelt sie Pollen und deponiert sie im Schneckenhaus als Proviant für ihre Larven.
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Und wenn das erledigt ist, bringt die Biene kleine Steinchen herbei und verschließt damit den Eingang zu ihrem Nest, um es vor Feinden zu schützen. Der nächste Bauabschnitt ist der faszinierendste. Auf mehr als 100 Transportflügen liest die Biene Halme und Stöckchen auf und tarnt damit ihr Schneckenhaus. * Musik * Das kleine Tier kann Halme von bis zu 10 cm Länge heranfliegen. Wahnsinn, oder? Bis das Nest fertig ist, dauert es drei Tage. In ihrer Lebensspanne von nur rund eineinhalb Monaten legt die Schneckenhausbiene fünf bis acht solcher Nester an. Das ist wirklich ein fleißiges Bienchen. Die besten Lebensräume für Wildblumen finden sich an Standorten mit einem nährstoffarmen Boden. Das klingt vielleicht seltsam, ist aber ganz logisch. Wenn der Boden nährstoffarm ist, können die Pflanzen einer Art, die denselben Nährstoffmix benötigen, nicht dicht beieinander wachsen. Dazwischen gibt es immer einen gewissen Abstand. Da können dann andere Pflanzen wachsen,
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die einen anderen Nährstoffmix brauchen. Deshalb sorgt Nährstoffarmut im Boden für Artenreichtum. Jeder Hobby-Gärtner weiß das. Aber die moderne Landwirtschaft arbeitet anders, sie düngt intensiv und verwandelt nährstoffarme in nährstoffreiche Böden. Der Mensch greift damit tief in den natürlichen Stoffkreislauf ein. Die Landwirtschaft gilt als eine der Hauptursachen für das Artensterben. Rund 50 % der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Entsprechend groß ist der Impact auf die Natur. Und den genau zu bestimmen ist ziemlich kompliziert. Selbst in einem Naturschutzgebiet kann es zu Problemen kommen, mit denen man gar nicht gerechnet hat. Hier sieht's ja ganz wunderbar aus, aber genau genommen viel zu grün. Zu viel Gras und zu wenig bunte Blüten. Das ist ein Anzeichen für Eutrophierung, für Überdüngung. Und das ist doch sehr seltsam, oder? Denn das ist doch ein Naturschutzgebiet. Hier hat seit Jahrzehnten keiner gedüngt. Also wo kommt das Zeug her?
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Das ist wirklich unglaublich: Der Dünger kann von weit herkommen. Das Problem sind Stickoxide, die wir ja aus der Feinstaub-Debatte in den Städten kennen, wo sie durch Autos, Heizungen und Industrieanlagen in die Luft gelangen. Neue Studien zeigen aber, dass diese Stickstoffverbindungen auch für die Natur ein Problem darstellen können. Mit dem Wind können sie sich verbreiten und irgendwo anders runterregnen. Stickstoff-Dünger aus der Luft. Das zeigt das Hauptproblem im Natur- und Artenschutz: Ursache und Wirkung lassen sich oft nicht klar ausweisen. Wir fangen gerade erst an, mehr über all die gegenseitigen Abhängigkeiten in Ökosystemen zu lernen. Es ist längst nicht klar, welche Tier- und Pflanzenarten wie voneinander abhängen. Und wie wir Menschen da mitmischen. Das macht es so schwer, manchmal vielleicht sogar unmöglich, zu entscheiden, welche Arten besonders geschützt werden müssten. In unserem eigenen Interesse. Wenn von den vielen Millionen Arten ab und zu mal eine ausstirbt,
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dann ist das für uns Menschen nicht bedrohlich. Nehmen wir mal an die Waldrappe, das hier sollen sie sein. Die würden aussterben, aus dem Lebenssystem verschwinden. Dann bricht nicht gleich das ganze System zusammen. Wenn jetzt auch noch die Orang-Utans aussterben und die Nashörner oder auch noch die Pandas, dann ist das für uns Menschen wahrscheinlich immer noch nicht bedrohlich. Aber inzwischen sterben ja jeden Tag schätzungsweise 150 Arten aus. Ungefähr alle 10 Minuten eine. Und das ist bedrohlich, denn irgendwann wird das System instabil. Und wenn es zu instabil wird, dann bricht es zusammen. Und das wird dann auch für uns Menschen eine existenzielle Bedrohung. Außerdem wäre es auf diesem Planeten doch ziemlich langweilig ohne all diese wunderbaren Tiere und Pflanzen. Tschüs bis zum nächsten Mal. Und bleiben Sie fasziniert. Untertitel im Auftrag des ZDF, 2020

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