Dupré Digital: Dupré – der Kirchenmusiker (Episode 4 – Subtitles in English, French and German)

Dupré Digital: Dupré – der Kirchenmusiker (Episode 4 – Subtitles in English, French and German)

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Language: German

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Die Gläubigen sind auch die Mitglieder der Pfarrgemeinde von Monsieur Dupré. Ich meine nicht, die treuesten Verehrer des Meisters, die stets versuchen ihm nah zu sein. Es sind Unbekannte, die von weit herkommen, und in verschiedenen Sprachen den vorbeigehenden Priester oder die Angestellten fragen: "Um wieviel Uhr spielt Herr Dupré?" Man könnte sagen, es sei profan, wegen des Organisten und nicht wegen des Gottesdienstes zu kommen. Ich für meinen Teil denke, viele sind hier, um Herrn Dupré zu hören, und wurden durch seine Musik zum Gebet geführt. Was ich unterstreichen möchte: Dupré war sich seines Auftrags als Organist bewusst. Oft habe ich ihn sagen hören: „Ich bin da, nicht um das Gebet zu stören, sondern um es zu unterstützen. Ich stehe im Dienst der Liturgie." 65 Jahre lang war Marcel Dupré Organist an St. Sulpice in Paris. Zuerst 28 Jahre lang als Assistent von Charles-Marie Widor, ab 1934 als dessen Nachfolger bis zu seinem Tod 1971. Das Zitat zu Beginn stammt von Jean Gillet, der als Pfarrer an St. Sulpice mit Dupré zusammenarbeitete.
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Er erzählt von einem regelrechten Personenkult um Dupré. Teilweise kamen die Leute nur zum Gottesdienst, um Dupré zu hören. Die Kirchen in Paris haben ein durchaus unterschiedliches Prestige. Der Organist von St. Sulpice war ein begehrter und beneideter Posten und man wusste auch, der, der da berufen wird, ist gut. Mit Sicherheit wurde der Gottesdienst von Leuten besucht, die die Musik hören wollten und die sich vielleicht für den religiösen Aspekt nicht interessiert haben. Neben St. Sulpice zählen Notre-Dame, La Madeleine oder Saint Clotilde zu den musikalischen Leuchttürmen. Bis heute tummeln sich dort Besucher und Orgelenthusiasten um die Spieltische und beobachten gebannt den Spieler. Denis Rouger kam in seinen Jahren als Chorleiter an Notre-Dame oft in den Genuss der großartigen Improvisationen seiner Kollegen. Er kann das Erleben des besonderen Augenblicks,
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wenn eine Improvisation entsteht, so nah am Organisten gut nachempfinden: Vor allem diese Improvisationsschule war sehr wichtig. Wenn man an [Charles] Tournemire in St. Clotilde denkt, der war Feuer und Flamme, stand auf den Pedalen, hat geschrien und gespielt und so einen Zirkus gemacht. Die Leute haben große Augen gemacht. Er war eine wilde Figur. Oder Vierne in Notre-Dame oder Widor, das waren Leute die etwas ganz Besonderes gemacht haben und man musste auf die Empore gehen, um das zu erleben. Die Kreativität im richtigen Moment: ich kann verstehen, dass die Leute das früher erlebt haben und jeden Sonntag aufs Neue erleben wollten. Deswegen waren die Emporen immer so voll. Improvisation spielt in der katholischen Kirche bis heute eine große Rolle. Viele liturgische Elemente werden vom Organisten improvisierend begleitet. Diese Tradition ist sicher auch ganz praktischen Umständen geschuldet: Denn an den hohen Sonn- und Feiertagen
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folgen die Messen und Andachten teilweise sehr schnell aufeinander. Da ist es einfacher zu Improvisieren als jedes Mal Literatur vorzubereiten. Zudem kann man durch die Improvisation flexibler auf liturgische Erfordernisse reagieren. Zum Beispiel während der Altar für das Abendmahl vorbereitet wird, oder bei der Kommunion, die in der Länge je nach Anzahl der Besucher variiert. Wenn der Organist einmal zu sehr in seine Improvisation vertieft war, gab es in St. Sulpice ein Mittel ihn gewissermaßen anzustupsen… Dupré hatte in St. Sulpice ein Lämpchen. Wenn der Pfarrer das Gefühl hatte, Dupré ist gar nicht mehr dabei, leuchtete ein Lämpchen, was bedeutete, dass er anfangen oder aufhören sollte. Zwar klingt das erst mal ein wenig amüsant, jedoch auch ein bisschen respektlos dem Organisten gegenüber. Das Orgelspiel durfte nur so viel Zeit in Anspruch nehmen, wie es die liturgische Handlung erlaubte und durfte nicht zu eigenständig sein.
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Das hatte auch Einfluss auf Duprés Motivation, wie es sein Privatschüler Dominique Rebourgeon in Duprés letzten Lebensjahren erlebte: Während des Gottesdienstes hat er nie Bach gespielt. Weil er gesagt hat: „Ich spiele doch keinen Bach. Ich werde dauernd unterbrochen und muss mitten im Stück einen Schluss finden. Das mache ich nicht.“ Also hat er improvisiert. Ich konnte ihn eigentlich verstehen. Ich dachte, er hat recht. Wenn das Lämpchen mitten im Bach leuchtet, damit ich aufhöre und der Priester mit seinen allsonntäglichen Gewohnheiten einsetzen kann! Trotzdem lässt die katholische Liturgie dem Organisten viele Entfaltungsmöglichkeiten. Bis zum zweiten Vatikanischen Konzil gab es sogar eine liturgische Form, bei der der Organist musikalisch ganz frei war. Allerdings führte diese Form auf beinahe groteske Weise die inhaltliche Entfernung zwischen Altar und Orgelempore vor Augen:
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Litaize erzählte mir vom Prinzip der Stillen Messe. Ich weiß nicht, ob Sie wissen was eine Stille Messe ist. Sie dauerte nur 20 Minuten. Da murmelte der Priester allein am Altar die Messe. Die Leute standen in der Mitte. Der Organist spielte ohne Unterbrechung, nur nicht bei der Wandlung. Litaize sagte zu mir, dass das der Moment war, wo der Organist eine Symphonie von Vierne oder Widor spielen konnte, auf jeden Fall irgendwas Bedeutendes. Er sagte mir, was lustig war, dass der Priester oft den Rücken dem Organisten zuwandte, das heißt, jeder war in seiner Ecke beschäftigt, jeder für sich allein, es gab keine Gemeinsamkeit. Also spielte der Organist, ohne sich um den Gottesdienst zu kümmern. So war es früher auch schon in der Art. Das hat sich nach dem 2. Vatikanischen Konzil geändert. Mancher Pfarrer beäugte den Starkult um seinen Organisten argwöhnisch. Andererseits war ein berühmter Organist ein Garant für volle Kirchenbänke in den Sonntagsmessen.
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Die Kirche hat sehr schnell erkannt, dass ein großer Musiker viele Menschen angezogen hat. Wenn Vierne in Notre-Dame oder Widor in St. Sulpice spielten, kamen die Leute quasi nur für sie. Es war ein Muss, sie zu hören. Und so überließ man den großen Organisten Raum, die viel zu sagen hatten. Es wurde erzählt, dass die Orgelempore der letzte Ort war, wo man sich zum Plaudern reffen konnte. Das war eine wichtige Tatsache, die schon lange existierte. Schon zur Zeit von Widor, vor allem in Saint-Sulpice. Widor, war der, der einen kleinen Salon hinter der Orgel eingerichtet hatte. Widor spielte das "Entrée" der Messe. und ging dann üblicherweise in den hinteren Salon, bis er wieder zu spielen dran war, wahrscheinlich beim Credo oder Offertorium. Dann ging er wieder zum Salon und so weiter. Wenn er auf der Empore blieb, plauderten die Leute laut, und es geschah oft, dass die Vikare von Saint-Sulpice hochgingen und sagten: "Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, nicht so laut!"
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So geschah es früher. Und ich denke, zur Zeit Duprés war das auch noch so. Damals sorgte Madame Dupré für die Ordnung: „Achtung! Nicht so an den Meister!" "Nein, Sie bleiben da!" Man nutzte die Plattform um Leute zu empfangen. Es sieht so aus, als hätte sich bis heute nichts geändert, in Notre-Dame oder den anderen Pariser Kirchen. Michel Tissier erlebte das mitunter muntere Treiben auf der Orgelempore mit. Dupré lud ihn und seine Cousine nach einer Unterrichtsstunde auf die Empore von St. Sulpice ein: Nach der Unterrichtsstunde sagte er zu mir: „Gut, kommen Sie morgen nach Saint-Sulpice zum Gottesdienst!“. Er fragte nicht, ob ich konnte. Da gab es mit ihm keine Diskussion. Dann sind wir am nächsten Tag nach Saint-Sulpice gekommen. Er hat uns dann beide hochsteigen und auf seiner Bank sitzen lassen, zu beiden Seiten.
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Es waren immer viele Leute da oben. Das war wie ein Salon auf der Empore. Madame Dupré versuchte, irgendwie Ordnung zu schaffen. Ab und zu waren auch Madame Falcinelli und ihre Mutter anwesend, aber auch andere schillernde Damen. Es war jedenfalls eine muntere Stimmung! Tatsächlich war Dupré jemand, der zu leben wusste! Duprés Ehefrau Jeanette spielte gewissermaßen die Zeremonienmeisterin auf der Empore. Einmal ging ich hinauf zur Tribüne von Marcel Dupré in Saint-Sulpice: was für ein Zeremoniell! Madame Dupré überwachte die Ankunft der Bewunderer. Sie mussten angekündigt werden, wie bei Hofe. Ich erhielt die Erlaubnis, die drei Stufen bis zur Höhe der Orgelbank hinaufzusteigen, um diesen riesigen Spieltisch und den brillanten Organisten zu bewundern. Er improvisierte eine Fuge in vier oder fünf Stimmen. Danach räumte ich meinen Platz für die nächste Person.
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Es gibt von Dupré selbst keine konkrete überlieferte Aussage über seine persönliche Religiosität. Er war davon überzeugt, dass Musik ein wesentliches Werkzeug der Glaubensverkündigung ist und das Gebet der Gläubigen unterstützt. Darüber hinaus war er ein Anhänger des „geisteswissenschaftlichen Zeitgeistes“: Dupré war ein Adept von Edouard Schuré. Die Theosophie entstand mit Frau [Helena Petrovna] Blavatsky. Es hat etwas mit seiner Spiritualität und vielleicht auch mit seiner Religiosität zu tun, obwohl er sich bei seinen Orgeldiensten ganz anders verhalten hat, als jemand der Ehrfurcht hat vor christlichem Geist. Ganz im Gegenteil: er hat zwischen dem Orgelspiel schweinische Witze erzählt und seine Einsätze vergessen. Aber das gehört zu Dupré:
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dieser Lebemann in dem ein verborgener Dupré steckt, der an Geisteskraft glaubt. An die Wirkungskraft durch die Musik. Die ist zwar nicht greifbar, aber trotzdem eindeutig da. Einen Glauben hatte er schon, aber wie tief er war, ist schwer zu sagen. Ich denke, er stand im Dienst der Liturgie 50 Jahre lang, begleitete den Gottesdienst dreimal jeden Sonntag, das ist schon ein Statement. Aber ... ... ein Mystiker war er nicht. Ganz bestimmt nicht. Wenn er an nichts geglaubt hätte, hätte er nie „Le Chemin de la Croix“ oder die „Symphonie-Passion“ komponiert. Vor allem war seine Religion die Musik.
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1912 komponierte Dupré sein „Cantique de Racine“. Beim Titel kommt einem unweigerlich die Vertonung Gabriel Faurés in den Kopf. Jedoch ist der Text ein anderer, lediglich der Autor ist identisch: Jean Baptiste Racine Er gehört zu den großen Autoren der französischen Klassik und wird gerne in einem Atemzug mit Pierre Corneille genannt. [Racine] gehört zu den Highlights der Klassischen Literatur. Es gehörte wohl auch schon früher zum Lehrplan, sich mit Racine zu beschäftigen. Seine Ideen sind schön, tief und nobel. Ich glaube, das gehört zu den Dingen, die eine Gesellschaft gerne empfinden möchte um sich als Mensch zu verbessern. Auch für profane Menschen ist er gut, denn die Religiosität ist nicht so vordergründig, dass es Menschen, die nicht daran glauben wollen, stören könnte. Niemand in Frankreich kann sagen, dass Racine keinen Wert hätte.
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Denn er ist für jeden gut und hält für jeden etwas bereit. Racine war ein Wortzauberer. Er nutzt die Sprache als Träger des Gefühls, wobei sie stark auf Klangwirkung ausgerichtet ist. Das 17. Jahrhundert ist für Frankreich das, was für uns [in Deutschland] die Goethe-Zeit ist. Der große Romanist Hugo Friedrich schrieb über die Lyrik der Moderne, es entstehen Verse die mehr tönen als sagen wollen. Und das kann man über Racine auch sagen. Die Musikalität von Racines Sprache, die hat die Komponisten natürlich angesprochen und inspiriert. Der Text zu Duprés „Cantique de Racine“ strotzt von ausdrucksstarker Lichtmetaphorik die den göttlichen Glanz verkörpert. Dieses Leuchten hat Dupré in Musik gebannt. [Dupré:] Das Nachdenken über das Schöne ist eine Form des Nachdenkens über Gott. Alles Schöne und die Kunst sind eine Annäherung an Gott, ein Weg zu ihm.

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