Verlorenes Wissen: Alternative Antriebe | Terra X mit Harald Lesch

Verlorenes Wissen: Alternative Antriebe | Terra X mit Harald Lesch

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Language: German

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Die Geschichte zeigt, manche Phänomene sind schon lange bekannt, aber es fehlt einfach das Wissen, um daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, und das gleiche gilt auch für Ideen: die müssen nicht nur gut sein, die müssen auch zur richtigen Zeit kommen. Viele Durchschnittstalente glauben ja nur, dass man nicht sieht, wie toll ihre Erfindungen sind, aber einige Genies teilen wirklich das Schicksal, dass ihre Ideen nicht richtig erkannt worden sind. Der Universalgelehrte Leonardo da Vinci erdachte im 15. Jahrhundert diverse Flugobjekte, Hubschrauber, Fallschirme, aber man hielt sie für Verrücktheiten und hat sie nicht umgesetzt. Erst Jahrhunderte später wurde die Funktionsfähigkeit seines Fallschirms bewiesen. Dass bahnbrechendes Wissen wegen fehlender technischer Voraussetzungen nicht umgesetzt werden kann, passiert sogar noch häufiger. So auch bei der Elektromobilität, die in Zeiten von Klimawandel und Ressourcenknappheit ein Hoffnungsträger ist. Neu ist die Idee allerdings nicht. Denn bereits um 1900 fuhren 38 Prozent der Autos in den USA elektrisch.
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Sogar das erste Auto, das es auf über 100 Stundenkilometer brachte, war ein Elektrowagen. Doch die Probleme damals waren die gleichen wie heute, mangelnde Reichweite und fehlende Lade-Stationen sorgten für ein schnelles Ende der ersten E-Auto Welle. Also die Elektromobilität ist kein Wissen unserer Zeit, sie feiert allenfalls ein glänzendes Comeback. Vor über hundert Jahren, da war Umweltschutz noch kein Thema und Benzin war günstig. Dass einmal zwei Drittel aller deutschen Erwachsenen ein Auto haben, war damals unvorstellbar, genau so wenig wie die Dimension der Umweltzerstörung durch den Verbrennungsmotor. In der Fortschrittseuphorie des frühen zwanzigsten Jahrhunderts ging noch eine andere geniale Idee verloren, die uns heute sehr nützlich sein könnte. Handelsschiffe sind das Rückgrat der Globalisierung. 80 Prozent des weltweiten Warenverkehrs laufen über die Meere. Auch Kreuzfahrten erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Diese gigantischen Flotten gelten aber auch als Klimakiller und verursachen mehr als 15 Prozent des weltweiten Ausstoßes an CO2. Wir haben das Problem, dass die Schifffahrt im Grunde in den nächsten Jahren,
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Jahrzenten umgebaut werden muss zu Nachhaltigkeit, zu mehr Umweltschutz. Wir müssen schon, dann auf regenerative Energien zurückgreifen, und da müssen wir schauen: was haben wir denn. Der Ingenieur und Schiffskapitän Michael Vahs arbeitet seit Jahren an alternativen Antriebsmöglichen. Auf den Meeren dieser Welt ist der Wind die wohl zuverlässigste Energiequelle. Aber wie nutzt man Ihn am besten? Schließlich erregt eine Idee aus den zwanziger Jahren Vahs Aufmerksamkeit: Der Flettner-Rotor. Wir haben uns da in der Hochschule schon sehr lange eigentlich mit Segelsystemen auseinandergesetzt und auch geforscht und dann, fast zufällig, fanden wir heraus, dass das ein sehr interessantes Konzept ist. Eine geniale Idee – gefunden auf dem Abstellgleis der Erfindungsgeschichte. Benannt ist er nach seinem Erfinder Anton Flettner. Ein deutscher Ingenieur, der bereits in den 1920ern ein ehrgeiziges Ziel verfolgt. Er will die Seefahrt revolutionieren und eine völlig neue Antriebstechnologie entwickeln.
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Er setzt dabei auf die Kraft des Windes. Flettner will sich ein Phänomen zu Nutze machen, über das er schon viel gelesen hat. Jeder kennt es von Fußballspielen. Der sogenannte Magnus-Effekt wirkt auf sich drehende Objekte ein. Wind und Drehbewegung erzeugen einen Unterdruck am Objekt und verleiht ihm zusätzliche Energie. Er sorgt etwa für die bananenförmige Flugbahn von Bällen. Flettner hat den Effekt unzählige Male beobachtet und er ist sich sicher: Was bei einem Fußball funktioniert, kann auch bei einem Schiff gelingen. Der Magnus-Effekt besagt, dass sich die Kraft im rechten Winkel zur Strömungsrichtung der Luft entfaltet. Im Falle eines Schiffs bedeutet das: kommt der Wind von der Seite, fährt das Schiff geradeaus. Zumindest in der Theorie eine einleuchtende Idee. Flettner will es genau wissen: er baut ein Modell, um seine Idee zu testen. Ja, er war eben Wissenschaftler, er hatte ein gutes Wissenschaftliches Fundament, dazu kam, dass er das gewisse Erfindergen hatte. Für den Antrieb des Rotors soll ein einfaches Uhrwerk sorgen.
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Als runden Körper, den der Wind antreiben kann, dient ein Stück Pappe, das Flettner zu einem Zylinder formt. Miteinander verbunden und auf einem alten Schiffsmodell installiert, ist er geboren - der Prototyp des Flettner-Rotors. Das war für ihn einfach, mit all seinen Kenntnissen, die er hatte, die beste Lösung in der Zeit. Fehlt nur noch die Bewährung in der Praxis. Ein nahgelegenes Gewässer wird für Anton Flettner zur Teststrecke. Der Wind steht günstig. Nun entscheidet sich, ob seine Idee das Potenzial hat, die Schifffahrt zu verändern, oder ob sie Schiffbruch erleidet. Schon der erste Versuch gelingt. Aus dem Modell Flettners wird 1924 die MS Buckau, die mehrere erfolgreiche Testfahrten absolviert und 1926 sogar den Atlantik überquert. Selbst Albert Einstein gratuliert Flettner zu seiner Erfindung. Doch mit Beginn der Wirtschaftskrise fehlt das Geld für neue Studien, und die Erfindung gerät schnell in Vergessenheit. Wissen braucht eben Zeit um Wurzeln zu schlagen.
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Diese Zeit hat Flettners Erfindung nicht. Ein anderes Antriebssystem setzt sich in den Zwanzigern durch und wird zum bis heute gültigen Standard. Die Verhinderung des Durchbruchs, von Flettners Erfindung, der Flettner-Rotor, ist eigentlich einzig und allein auf die Konkurrenz durch den Dieselmotor zurückzuführen. Dieselkraftstoff war kostengünstig, und das war ein so enormer Vorteil für den Dieselmotor, dass man mit dem besten innovativen Segelsystem nicht konkurrieren konnte. Doch in Zeiten steigender Rohstoffpreise und einer immer drängenderen Klimafrage ist Flettners verlorene Idee moderner als je zuvor. Deshalb beginnen die Forscher um Michael Vahs mit ersten Tests im Windkanal. Wie einst Flettner arbeiten sie zunächst mit einem Modell. Sie wollen wissen, was die sinnvollste Anordnung der Rotoren ist. Moderne Sensorik und computergestützte Analysen sollen für ein optimales Ergebnis sorgen. Es zeigt sich: an Bug und Heck ist die Installation der Rotoren am sinnvollsten.
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Nun gehen die Forscher noch einen Schritt weiter und speisen alle gewonnen Daten in einen Schiffssimulator. Dort können sie alle möglichen Szenarien auf hoher See realitätsnah nachbilden. Das Ergebnis ist sensationell: es fährt und spart Kraftstoff. Heute fahren wieder erste Rotorschiffe. Das ist aber erst der Anfang. 90 Prozent der Welthandelsflotte hat ein freies Vordeck, wo so eine Installation in Frage käme. Noch sind nicht alle Tests abgeschlossen, aber die Forscher rechnen mit einer Kraftstoffersparnis von bis zu 50 Prozent. Ein beeindruckendes Beispiel, wie das verlorene Wissen der Vergangenheit helfen kann, Probleme von heute zu lösen. Auch heute noch geht Wissen verloren. Nehmen wir zum Beispiel diesen Schatz hier: Eine Stradivari. Noch nie wurde ihr Geheimnis gelüftet. Niemand weiß wie sie genau gebaut wurden ist, um diesen besonderen Klang zu erzeugen und der Klang ist besonders, das kann ich Ihnen versichern. Als ich zum ersten Mal eine Stradivari gehört habe, da musste ich weinen, so sehr hat mich die Musik berührt. Die besten Geigenbauer verzweifeln daran und auch ausgeklügelte Analysen helfen nicht wirklich weiter.
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Gerade in unserer Zeit, die so viele Wissensinhalte generiert, drängt sich die Frage auf: Welches Wissen ist es eigentlich Wert bewahrt zu werden und wie? Wir werden ja wohl keine Bauanleitung für Plattenspieler mehr mit Sonden ins All schicken, also wie soll das Wissenswerte bewahrt werden? Das kulturelle Gedächtnis von uns Deutschen, das steckt im Barbarastollen hinter dicken Panzertüren auf Mikrofilm gebannt, und ich halte das für sehr wichtig, weil nur eine sorgfältig gepflegte Erinnerungskultur wird es uns möglich machen, Wissen zu bewahren und scheinbar verloren gegangenes Wissen wieder zu entdecken.

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