Das Zeitalter des Menschen? | 4K UHD | Dirk Steffens | Terra X

Das Zeitalter des Menschen? | 4K UHD | Dirk Steffens | Terra X

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Language: German

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Jahrmilliarden haben elementare Kräfte unseren Planeten geformt. Mit Feuer, Wasser und Wind hat die Natur ihre eigene Geschichte geschrieben. Sie hat Landschaften geformt und die Wunder unserer Erde hervorgebracht. Sie hat uns Menschen eine Heimat gegeben. Soweit wir wissen, ist sie der einzige Ort, an dem wir leben können. Wir Menschen haben die Erde verändert, haben uns die Natur unterworfen. Ihre Kräfte, soweit es geht, gezähmt. Und die Welt nach unseren Ideen umgestaltet. Weil der Mensch die Erde so stark verändert hat, spricht die Wissenschaft vom Anthropozän. Dem Zeitalter des Menschen. Wir Menschen haben großartige Monumente errichtet, unser Überleben gesichert und Wohlstand für Viele geschaffen. Aber all das steht auf dem Spiel. Ich habe mich auf eine Reise rund um die Welt gemacht, um zu verstehen, wie es dazu gekommen ist, und was wir tun müssen. Um unseren Planeten für die kommenden Generationen zu sichern.
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Die Spuren unseres Wirkens sind bis in die letzten Winkel der Erde zu sehen. Wir verwandeln Wälder in Ackerflächen. Die Technosphäre, all das, was wir Menschen geschaffen haben, breitet sich immer weiter aus. Megacities wachsen in atemberaubendem Tempo. Unsere Zeit kennt keinen Stillstand. Die Weltbevölkerung nimmt immer mehr zu. Doch unsere Erde wird nicht größer. Im Jahr 2050 werden etwa 10 Mrd. Menschen auf der Erde leben. Wenn die dann alle so viel verbrauchen sollten, wie wir im Westen das heute schon tun. Dann bräuchten wir drei Planeten, um sie alle zu versorgen. In einem Land wie Äthiopien wird das heute schon sichtbar. Die Bauern sind gezwungen, selbst in unwegsamen Regionen Felder anzulegen. Zum Teil auf über 4000 Metern Höhe. Äthiopien braucht neue Anbauflächen, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Bevölkerung fast vervierfacht. Auf jetzt 110 Millionen Menschen. Die meisten Äthiopier arbeiten nach wie vor in der Landwirtschaft.
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Die Ernte-Erträge sind vergleichsweise gering. Ein Teil davon wird dann noch in andere Länder exportiert. Auch zu uns. Und Äthiopien ist nur ein Beispiel unter vielen. Weltweit werden landwirtschaftliche Nutzflächen knapp. Denn wir haben die Erde in einem Umfang verbaut wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Mittlerweile ist die Technosphäre schwerer als alle Tiere und Pflanzen zusammengenommen. Die Technosphäre ist ungefähr acht Mal so schwer wie die Biosphäre. Rechnerisch bedeutet das: Auf jedem einzelnen Quadratmeter der Erdoberfläche lastet ca. 50 Kilogramm Zeug, das wir Menschen gebaut haben. Unglaublich, oder? Dabei müssen wir mit der Fläche, die uns zur Verfügung steht, sehr behutsam umgehen, denn so viel ist es gar nicht. Nehmen wir an, dieser Apfel sei unsere Erde. Drei Viertel davon sind ja von Wasser bedeckt. Da können wir keine Landwirtschaft betreiben. Und von diesem Viertel, das noch übrig ist, von dem Stück hier,
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besteht ungefähr die Hälfte aus Bergen, Wüsten und Eisflächen. Da können wir auch keine Landwirtschaft betreiben. Alles, was wir dann noch haben, ist das hier. Dieses kleine Stückchen, ein Achtel der Oberfläche. Nur dort können wir Landwirtschaft betreiben, Nahrung erzeugen. Mehr gibt's nicht. Wir müssen damit auskommen. Schon heute wohnt mehr als die Hälfte von uns in Städten. Tendenz steigend. Aber jedes Haus, jede Straße, alles, was wir bauen, geht zu Lasten der Natur. Weltweit versiegeln wir immer mehr Flächen. Darunter auch viel fruchtbares Land, das für die Landwirtschaft verloren geht. Dabei dauert es Jahrtausende, bis aus festem Gestein neue Erde entsteht. Wasser und Säuren zersetzen das Gestein. Mikroorganismen wie Bakterien verwandeln abgestorbene Pflanzen in fruchtbaren Humus, den Regewürmer in den Boden einwühlen. Unser Planet hat einen Durchmesser von mehr als 12.000 Kilometern. Aber nur die obersten 30 cm davon sind wirklich fruchtbare Erde.
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Dieses Zeug hier ist also von unschätzbarem Wert. Und man kann es auch nicht beliebig schnell erneuern. Um nur einen Zentimeter von dieser fruchtbaren Erde aufzubauen, braucht es zwischen 100 und 300 Jahren. Nicht immer haben wir sie zum Ackerbau genutzt. Bevor wir Menschen sesshaft werden, leben wir als Jäger und Sammler in Höhlen. Die Natur gibt uns genug zu essen. Denn damals bevölkern gerade mal eine Million Menschen die Welt. Doch dann entdecken unsere Vorfahren irgendwann die Möglichkeiten, die in fruchtbarer Erde stecken. Damit ereignet sich eine der größten Revolutionen in der Geschichte der Menschheit. Der Beginn von Ackerbau und Viehzucht. Wo früher fünf Menschen satt wurden, ernährt dieselbe Fläche jetzt auf einmal 35. Es ist auch die Geburtsstunde der ersten großen Hochkulturen. Wie etwa in Ägypten. Die Grundlage ihrer Erfolgsgeschichte sind kleine fruchtbare Partikel. Herangespült aus tausenden von Kilometern Entfernung.
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* Musik * Die Erde, die das Niltal Ägyptens in der Antike zu einer der fruchtbarsten Landschaften der Welt macht, wird alljährlich im äthiopischen Hochland während der Regenzeit ausgewaschen. Mit den Fluten des Nils gelangt sie nach Ägypten. Und verwandelt dort das Tal in eine riesige blühende Oase. Es zeigt auch, wie Dinge zusammengehören, die tausende Kilometer voneinander getrennt liegen. In Ägypten sorgen erstmals staatliche Beamte für die Verwaltung des fruchtbaren Landes. Denn Anbau, Vorratshaltung und die Verteilung der Ernte erfordern eine komplexe Organisation. So wird Landwirtschaft zum Motor der Staatenbildung. Denn nur wenn es gelingt, einen Überschuss an Nahrung zu produzieren, kann man Menschen für andere Aufgaben einsetzen. Z.B. für die Errichtung von Monumentalbauten. Für die Entwicklung von Religion, Kunst und Wissenschaft. Arbeitsteilige Gesellschaften entstehen. Damit nimmt der Prozess der Weltveränderung durch den Menschen
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langsam Fahrt auf. Um die Zeitenwende bevölkern zwischen 200 und 300 Millionen Menschen unseren Planeten. Mehr als 50 Millionen sind Untertanen des Römischen Reiches. Es wird zu einem Meilenstein auf dem Weg zum Zeitalter des Anthropozäns. In Rom, der Hauptstadt des gewaltigen Kolonialreiches, wohnen damals eine Million Menschen. Sie leben gut von den Kolonien. Für uns ist es ja völlig normal, dass wir jeden Tag frisches exotisches Obst und Gemüse aus der ganzen Welt kaufen können. Hier Kiwis aus Neuseeland. Das sind Mangos aus Peru. In der Box sind Avocados aus Chile. Dieses Zeug wird jeden Tag frisch vom anderen Ende der Welt hierher geflogen. Aber so ein internationales Angebot ist nicht nur ein Phänomen der Neuzeit. Das gab es früher auch schon, in der Antike, im alten Rom. Während man sich vorher von dem ernährt, was in der Umgebung wächst, schlemmen sich die reichen Römer "durch ihre Provinzen".
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Aus tausenden Kilometern Entfernung werden Waren herangekarrt. Das alles funktionierte nur, weil es gute Transportwege gab. Eine ganz hochentwickelte Infrastruktur. Mehr oder weniger führten damals alle Wege nach Rom. Deshalb gilt das Römische Reich auch als wichtiger Schritt hin zum Anthropozän. Zur Umgestaltung der Welt und der Nutzung all ihrer Ressourcen für unsere Zwecke. Nichts beschleunigt die Umgestaltung der Welt mehr, als der Bau von Straßen. Die Römer sind Meister darin. Erstmals durchziehen befestigte, gepflasterte Wege ganze Landschaften. Geradlinig, mit festem Unterbau, die bei jedem Wetter befahrbar sind. Eine gigantische Ingenieursleistung. Nicht weniger als 200.000 km befestigte Straßen erschließen das Großreich bis in seinen letzten Winkel. Eine Karte aus spätrömischer Zeit zeigt das damalige Straßennetz von den britischen Inseln über den Mittelmeerraum bis nach Asien. Am äußersten Rand im Osten ist Sera Major verzeichnet.
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Einige Wissenschaftler deuten es als China. Auch hier hat der Mensch lange vor der Zeitenwende begonnen, die Landschaft großflächig für seine Zwecke umzugestalten. Auf unzähligen Terrassenfeldern werden im Lössplateau im nördlichen China seit Jahrtausenden Getreide und Gemüse angebaut. Die Grundlage dafür haben Naturgewalten geschaffen. Winde haben über hunderttausende Jahre fruchtbaren Löss herangeweht. Und eine unglaubliche, bis zu 300 Meter dicke fruchtbare Schicht hinterlassen, die die Bauern durch die Terrassen optimal nutzen. Im südlichen China wird damals schon eine Getreideart angebaut. Die ist heute zur wichtigsten Nahrungsquelle für mehr als zwei Milliarden Menschen geworden: Reis. Ein über Jahrtausende entwickeltes, ausgeklügeltes System für die Wasserverteilung sorgt für optimale Bewässerung der Terrassen. Selbst aus dem All ist zu erkennen, wie der Mensch allein mit der Kraft
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seiner Hände das Antlitz der Erde verändert hat. Aber ist das Grund genug, um unser Zeitalter neu zu benennen? Klassischerweise werden Erdzeitalter nach geologischen Veränderungen definiert, wie sie in Erdbohrkernen ablesbar sind. Die bisher von Wissenschaftlern festgelegten Erdzeitalter umfassen Jahrmillionen. Jedes hat eine bestimmte Charakterisierung, die sich durch eine Veränderung in der Bodenbeschaffenheit nachweisen lässt. Aus einem Bohrkern in Mexiko konnte die Wissenschaft herauslesen, wie die wohl größte Katastrophe der Erdgeschichte abgelaufen ist. Der Einschlag eines Asteroiden, der auch die Dinosaurier ausrottete. Natürlich steckt nicht in jedem Bohrkern so eine dramatische Nachricht. Aber jeder einzelne erzählt etwas über die Geschichte unserer Erde. Die Bohrkerne sind so etwas wie das Stammbuch unseres Planeten. Die unterschiedlichen Schichten geben Aufschluss über die Veränderungen, die sich im Laufe der Jahrmilliarden ergeben haben.
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So etwa das Erscheinen der ersten Pflanzen und Tiere. Oder auch massenhaftes Aussterben. Manche Veränderungen sind mit bloßem Auge erkennbar, andere nur mit aufwendigen Untersuchungen. Wenn wir die gesamte Erdgeschichte in einem Tag zusammenfassen, in 24 Stunden, dann taucht der Mensch erst in den letzten drei Sekunden auf. Das bedeutet, in solchen Erdbohrkernen haben wir bisher überhaupt noch keine großen Spuren hinterlassen. 4,6 Milliarden Jahre dargestellt als ein einziger Tag. Erdgeschichtlich gesehen sind wir gerade erst auf die Welt gekommen. Doch der Mensch ist längst zu einer Kraft geworden, die den Planeten komplett umgestaltet. Und das in nur drei Sekunden. Aus großer Höhe betrachtet zeigen sich die Folgen des Anthropozäns am deutlichsten. Wir haben der Erde geometrische Formen aufgezwungen, um sie besser ausbeuten zu können. Vor allem in der Moderne. Aber die von Menschen gemachten Umweltveränderungen
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reichen weit in die Geschichte zurück. * Musik * Selbst wenn man es auf den ersten Blick nicht vermuten würde: Auch auf einer dünn besiedelten Insel im Norden Europas haben Menschen die Landschaft verändert. Wann die ersten Siedler hier eintreffen ist bis heute nicht ganz geklärt. Sicher ist, dass seit dem 9. Jahrhundert Wikinger dauerhaft auf Island leben. Und damit beginnt die großflächige Veränderung der Landschaft. Island liegt weit oben im Norden. Das ist ein raues Land. Bäume haben es hier sehr schwer. Auf so einem Vulkanboden wachsen sie kaum, im rauen Hochland auch nicht. Und auf Gletschern natürlich gar nicht. Trotzdem, als die Wikinger zum ersten Mal nach Island kamen, da war noch ungefähr ein Viertel der Insel von Wald bedeckt. Heute ist es nur noch ein Prozent. Die frühen Siedler kommen nicht allein, sie bringen ihre Tiere mit. Sie beginnen, den Wald zu roden. Das Holz nutzen sie zum Hausbau, vor allem aber auch zum Heizen. Auf den freigelegten Flächen breiten sich ihre Herden aus.
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In dem harten Klima hat die Vegetation kaum eine Chance, sich zu regenerieren. In den kurzen Sommern müssen die Siedler ausreichend Vorräte für sich und das Vieh anlegen. Die Bevölkerung wächst, und die Ressourcen werden knapper. Die berühmten Isländer-Sagas aus dem Mittelalter spiegeln eine konfliktreiche Gesellschaft voller Familienfehden. Die häufig eskalieren. Grund für die Gewaltausbrüche ist nicht selten der Streit um Weideland, Vieh- oder Fischfang. Und oft endet er mit dem Tod eines Kontrahenten. Die Straftäter müssen vor dem "Thing" erscheinen. Parlament und oberstes Gericht der Wikinger. Hier versucht man, dem katastrophalen Kreislauf von Mord und Blutrache Einhalt zu gebieten. Das Urteil für Mörder lautet meist Verbannung. So steckt in den dramatischen Überlieferungen aus der Wikingerzeit auch die Botschaft, dass der Raubbau an den Ressourcen zu gesellschaftlichen Krisen führen kann. Im Hochmittelalter nimmt die Weltbevölkerung zu.
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Um das Jahr 1250 leben 400 Millionen Menschen auf dem Planeten. Sie verteilen sich vor allem auf Europa, Indien und China. In Deutschland ist die Bevölkerung zwischen den Jahren 1000 und 1300 von 4 auf 11 Millionen angewachsen. Sie hat sich also verdreifacht. Und all diese Leute brauchten ja was zu essen. Deshalb wurden immer mehr Wälder abgeholzt, um dann auf den Flächen Ackerbau zu betreiben. Der Bevölkerungszuwachs führt zum Anwachsen und zu Gründungen neuer Städte. Die Umwelt verändert sich drastisch. Schon im frühen Mittelalter sind rund 30 % der Wälder verschwunden. Im Spätmittelalter, um 1300, sind es bereits 85 %. Damals gibt es weniger Wald in Deutschland als heute. Denn überall entstehen Äcker. Der Einsatz einer eisernen Pflugschar macht es jetzt auch möglich, schwere Böden zu bearbeiten. Der Pflug wirft dabei die Erde immer nur auf eine Seite. Dadurch erhält der Acker im Lauf der Jahre ungewollt eine Wellenform,
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mit Wölbungen und Mulden. Die "Wölbäcker" bieten aber ein leichtes Angriffsziel für den Regen. Im Juli 1342 kommt es zu katastrophalen Regenfällen. Sie werden als Magdalenenflut in die Geschichte eingehen. Nach einer Periode extremer Trockenheit sind Böden und Äcker nicht imstande, das Wasser aufzunehmen. Die Menschen damals glauben an eine göttliche Strafe, an die Wiederkehr der Sintflut. Ein Chronist schreibt: "Die Schleusen des Himmels waren offen." "Und es fiel Regen auf die Erde wie im 600. Jahre von Noahs Leben." Die Wassermassen können die fruchtbare Ackerkrume leicht mit sich reißen. Nicht weniger als 13 Milliarden Tonnen Erde werden in wenigen Tagen einfach weggespült. Das entspricht einer Menge, die sonst in 2000 Jahren verlorengeht. Dieses Desaster folgt einem bis heute immer wiederkehrenden Muster: Wenn der Mensch die Landschaft verändert, wird sie anfälliger für Katastrophen. Nach der Magdalenenflut erreichte die Ausbeutung der Natur
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dann noch mal 'ne völlig neue Dimension. Durch eine große, weltverändernde Entdeckung. Die Wiederentdeckung Amerikas ist einer der wichtigsten Schritte hin zum Anthropozän. Die indigene Bevölkerung fällt den Eroberern zum Opfer. Millionen Ureinwohner sterben vor allem auch an Krankheiten, die die Europäer einschleppen. Nur ihre Monumente überleben. Ihre Nahrungsmittel aber verändern die Welt. Vor allem eine Pflanze tritt ihren Siegeszug in der Geschichte an: Mais. Den Indios war es gelungen, aus einem mexikanischen Wildgras, der Teosinte, Maispflanzen zu züchten, wie wir sie bis heute anbauen. Mit einer jährlichen Ernte von mehr als einer Milliarde Tonnen nimmt Mais heutzutage den ersten Platz unter allen Getreidesorten ein. Und prägt ganze Landschaften. Erst an zweiter und dritter Stelle folgen Weizen und Reis. So sieht es heute fast überall aus: Monokulturen. Mais, Raps, Weizen, die "Cash-Crops", Geld-Pflanzen.
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Die, mit denen man am meisten Profit machen kann. Und am allermeisten verdienen die Landwirte, die auf immer größeren Feldern mit immer größeren Maschinen arbeiten. Doch was heute so spektakulär daherkommt, hat mal ganz einfach angefangen. Der Engländer Jethro Tull gilt als Begründer der modernen Agrarwissenschaft. Die von ihm um das Jahr 1700 erfundene Sämaschine sorgt für eine bis dahin unvorstellbare Präzision beim Aussäen von Getreide. Sie drückt Löcher in den Boden, legt jeweils ein Saatkorn hinein und bedeckt es wieder mit Erde. So wachsen die Pflanzen in exaktem Abstand zueinander. Und die Anbaufläche wird optimal genutzt. Über 300 Jahre später hat Präzision in der Landwirtschaft noch ganz andere Dimensionen erreicht. Im kalifornischen Central Valley überlassen die Farmer nichts mehr dem Zufall. Hier wird nicht nur jeder Quadratmeter künstlich bewässert. Längst stehen Ackerflächen unter ständiger Beobachtung aus der Luft.
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Die moderne Landwirtschaft setzt auf "precision farming": Die Analyse der Anbauflächen durch Spezialfirmen mithilfe von eigens dafür entwickelten Kameras aus der Luft. Ziel ist nicht zuletzt die Einsparung von Dünger und Pestiziden. Infrarotbilder und andere Aufnahmeverfahren offenbaren en detail den Zustand der Anbauflächen. Dem Farmer am Boden verraten die Aufnahmen punktgenau, wo er eingreifen muss und wo nicht. So erhält jede Pflanze nur so viel Chemie, wie sie tatsächlich benötigt. Dass in diesem wüstenähnlichen Klima überhaupt Landwirtschaft betrieben werden kann, ist nur dem menschlichen Eingriff zu verdanken. Vor allem Bewässerungskanälen von gigantischem Ausmaß, die das Wasser zum Teil aus hunderten Kilometern Entfernung heranführen. Der als Fruchtgarten der USA bezeichnete Landstrich ist einer der größten Wasser- und Energieverbraucher Nordamerikas. Die hochindustrialisierte Landwirtschaft setzt verstärkt auf automatisierte Maschinen.
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Den Traktor steuert ein Computer mithilfe von Sensoren. Er kann vom Schreibtisch aus überwacht und bedient werden. Diese Art der Hightech-Landwirtschaft gilt als die Zukunft der Agrarindustrie. Höhere Erträge durch maximale Effizienz. In vielen Bereichen sind die Erntemengen heute vier Mal so hoch wie noch vor 100 Jahren. Das liegt nicht nur am Einsatz von Maschinen, sondern vor allem an der verbesserten Ernährung der Pflanzen. Denn intensive Landwirtschaft laugt die Böden in kürzester Zeit aus. Dieses Problem ist schon ewig bekannt. Die Lösung allerdings auch. Deshalb hat man in Europa jahrhundertelang auf die Dreifelderwirtschaft gesetzt. Ein Feld Wintergetreide, ein Feld Sommergetreide. Und das dritte Feld darf sich mal ein Jahr lang ausruhen. So bleibt der Boden dauerhaft fit. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es dann aber 'ne Erfindung, die dieses System überflüssig gemacht hat. Diese Erfindung hat die ganze Welt dramatisch verändert. Es ist eine der bahnbrechendsten Erfindungen der Moderne,
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die als "Brot aus Luft" berühmt wird. Anfang des 20. Jahrhunderts gelingt den Wissenschaftlern Fritz Haber und Carl Bosch die Entwicklung eines Verfahrens, das es erlaubt, den Stickstoff aus der Luft in Ammoniak zu binden. Das ist der Ausgangsstoff für Kunstdünger. Bis dahin stand Stickstoff, der Motor des Pflanzenwachstums, nur begrenzt zur Verfügung in Form von Mist oder Gülle. Jetzt kann man davon so viel herstellen, wie man will. Das ist auch bitter nötig. Denn die Weltbevölkerung war sprunghaft angestiegen. 1804 erreicht sie zum ersten Mal eine Milliarde Menschen. Die nächste Milliarde wird dann schon in wenig mehr als 100 Jahren erzielt. 1927 sind wir schon bei zwei Milliarden. Und ab dann geht es steil bergauf. Brot aus der Luft, so wird das Haber-Bosch-Verfahren bis heute genannt. Und ohne es wäre es wahrscheinlich gar nicht möglich, inzwischen fast acht Milliarden Menschen auf der Erde zu ernähren. Die landwirtschaftliche Revolution macht die industrielle Revolution erst möglich.
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Eine einzige Erntemaschine leistet heute mehr als hunderte Pflücker in der Vergangenheit. Weil seit dem 19. Jahrhundert Maschinen die Menschen aus der Landwirtschaft verdrängen, stehen sie in den Städten als Arbeiter zur Verfügung. Und beschleunigen den Prozess hin zum Anthropozän. An einer Stadt wie New York wird die Veränderung sichtbar. Im Jahr 2008 leben erstmals in der Geschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Schon heute gibt es über 30 Megacities mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Und die Zahl nimmt weiter zu. Die Explosion der Städte nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit ist eines der deutlichsten Kennzeichen des Anthropozäns. Ein anderes ist nicht so offensichtlich, aber nicht weniger folgenschwer. Um von ihm zu erzählen, muss ich nach London fahren. Es geht um die Wanderung von Pflanzen und Tieren, die der Mensch um ein Vielfaches beschleunigt hat. In den altehrwürdigen Royal Botanical Gardens in London
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wird das Erbe von Generationen von Wissenschaftlern und Entdeckern aufbewahrt, die auch im Auftrag der Krone weltweit die Pflanzenwelt erforscht haben. Hier in Kew Gardens lagert die größte Pflanzensammlung der ganzen Welt. Sieben Millionen Exemplare, jedes Jahr kommen noch tausende hinzu. Allerdings mit einer Einschränkung: Die Pflanzen wachsen hier nicht in Blumentöpfen, sondern die liegen in Schränken gestapelt, getrocknet und gepresst in solchen Herbarien. Egal, was man hier aus dem Schrank zieht, es ist fast immer was Spannendes drin. Mal sehen, hier, was haben wir da? Trichomanes, das ist ein Farn. Gefunden auf den Kanarischen Inseln, auf der Insel Palma, registriert und archiviert im Juli 1845. Mit diesen Herbarien konnte man jetzt schon eine ganze Menge theoretisches Wissen über die Pflanzen anhäufen. Aber das hatte noch nicht so richtig viel praktischen Nutzen. Denn man konnte die Pflanzen noch nicht lebend über lange Distanzen transportieren. An Bord der Schiffe sind sie meistens eingegangen.
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Er sorgt dafür, dass sich das ändert. Nathaniel Ward, ein Londoner Arzt, und wie viele Engländer ein begeisterter Hobbygärtner. Aber in der rußgeschwängerten Luft Londons wollen seine Pflanzen nicht so recht gedeihen. Seine Idee: eine künstliche Biosphäre für Pflanzen im Miniaturformat. 1829 erfindet er ein transportables Gewächshaus. Alles, was er dazu braucht, sind Holzleisten und ein wenig Glas. Tatsächlich bleiben die im Kasten eingeschlossenen Pflanzen über einen längeren Zeitraum frisch, ohne mit Wasser versorgt zu werden. Seine Erfindung revolutioniert den Pflanzentransport. Und damit die Welt. Nutzpflanzen wie Tee oder Gummi reisen von da an um die Erde. 1848 gelangen Teesetzlinge von China nach Indien. Später folgen Gummibäume von Südamerika nach Asien. Mithilfe der Minigewächshäuser verändert der Mensch ganze Ökosysteme und Landschaften auf unserem Planeten.
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Im Grunde ist ja dieses Gebäude nichts anderes als eine gigantische Wardsche Box. Deshalb fühlen sich die Tropenpflanzen hier drin auch so wohl. Es ist feucht, und es ist heiß. Die kurzwellige Sonnenstrahlung kann fast ungehindert durch das Glas hier oben reinscheinen. Dann trifft sie auf die Pflanzen, auf den Boden und verwandelt sich in Wärme. Also in langwellige Infrarotstrahlung. Diese langen Wellen kommen nicht so gut durch das Glas wieder raus. Deshalb ist es hier drin so heiß. Das ist der Treibhauseffekt. Unter dem Glasdeckel der Wardschen Box reisen nun die besten Sorten um die Welt, so dass die Pflanzen überall zur Verfügung stehen. Die Kolonialwirtschaft erlebt im 19. Jahrhundert einen ungeheuren Aufschwung dank Nathaniel Ward. Was damals begann hat seitdem kein Ende gefunden. Zwischen 200 und 300 Millionen Container sind weltweit unterwegs. Die meisten auf Schiffen, denn 80 % der internationalen Handelsgüter
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werden per Seefracht transportiert. Die Welt ist zusammengewachsen wie nie zuvor. Auf einem Terminal werden jedes Jahr Millionen Container umgeschlagen. Und da steckt ja nicht nur die Fracht drin, sondern auch jede Menge blinde Passagiere: Tiere, Pflanzen, Mikroben, Pilze. Und die verbreiten sich mithilfe der Container über die ganze Welt. Eine Gefahr für die weltweit verbreiteten Monokulturen. Unsere geliebte Banane kämpft zurzeit ums Überleben. Alle heutigen Dessertbananen gehen auf eine einzige Staude des britischen Adeligen William Cavendish zurück. Der sie um 1830 in seinem Gewächshaus zog. Jetzt wird sie weltweit von Pilzen bedroht. Jetzt könnte man ja sagen: Na ja, die Banane, schade drum. Aber das ist doch nur eine Frucht von vielen. Leider ist das nicht so einfach. Denn die Lebewesen auf der Erde, die existieren ja nicht unabhängig voneinander, sondern sie sind miteinander verbunden. Das ganze Leben ist vernetzt. Und wenn man jetzt aus so einem Netz eine Art entfernt,
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dann könnte das schwere Folgen für alle anderen haben. Um die Pflanzenvielfalt zu sichern gibt es Samenbanken so wie diese hier. Ich bin schon seit geraumer Zeit damit beschäftigt, die winzigen Samen von einem australischen Kaktus aus der Schale zu pulen. Gar nicht so einfach, denn diese Art ist noch nicht im Archiv. Die Millenium Seedbank südlich von London wurde mit dem Ziel gegründet, Samen der gesamten englischen Wildflora zu sammeln. Bereits 2009 hatte man dieses Ziel erreicht. Seitdem sammelt man hier Samen aus der ganzen Welt. Sie sind sozusagen eine Lebensversicherung für die Artenvielfalt und für unsere Nutzpflanzen. Denn aus Wildsamen kann man bei Bedarf wieder Kulturpflanzen züchten wie Weizen, Mais oder Reis. Aber was nutzen uns Samenbanken, wenn es überhaupt keine fruchtbaren Böden mehr gibt? Sie sind die Grundlage unserer Ernährung. Und haben die menschliche Erfolgsgeschichte überhaupt erst möglich gemacht. Die große Herausforderung für die Zukunft lautet: Neue Anbauformen und Gebiete zu schaffen,
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ohne dabei die lebenswichtigen Kreisläufe der Erde zu zerstören. Doch die bringen wir immer mehr in Unordnung. Lange übersehen, aber inzwischen in ihrer lebenswichtigen Bedeutung für Ökosysteme erkannt: Insekten. Sie übernehmen das Bestäuben der meisten unserer Fruchtarten. Ihr Dienst für uns wird auf bis zu 500 Mrd. Dollar weltweit geschätzt. Jährlich. Aber die modernen Anbaumethoden haben Landschaften geformt, in denen Insekten kaum noch eine Überlebenschance haben. Was Martin hier misst, das wissen wir Autofahrer schon längst. Früher mussten wir bei jedem Tankstellenstopp die Windschutzscheibe sauber machen, weil die voller Insekten klebte. Heute ist das nicht mehr so. Inzwischen kann man den Insektenschwund auch messen. Dort, wo gemessen wurde, hat sich die Menge der Fluginsekten innerhalb von knapp 30 Jahren um 75 % verringert. Das ist unglaublich, drei Viertel weniger Fluginsekten. Es ist deshalb auch plausibel, anzunehmen, dass es in ganz Deutschland ein dramatisches Insektensterben gibt.
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Und man kann das wirklich messen. Der entomologische Verein Krefeld wurde über Nacht weltberühmt. Leider mit einer schlechten Nachricht. Dank jahrzehntelanger penibler Genauigkeit bei ihren Messungen können die Forscher den dramatischen Schwund gut belegen. Solche Sammlungen sind für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert. Aber viele Insekten, die heute auf der Erde leben, die werden wir niemals kennenlernen. Kein Insektenforscher, kein Entomologe wird sie jemals untersuchen und in solche Schaukästen stecken. Denn ganz viele Arten sterben aus, noch bevor wir sie entdecken. In China hat der Insektenschwund längst dramatische Auswirkungen. Hier müssen die Menschen das Bestäuben der Obstbäume von Hand übernehmen. In welchem Umfang und wie schnell sich Natur regeneriert lässt sich nicht genau vorhersagen. Deshalb wird in Hightech-Schmieden wie dem weltberühmten MIT in Boston schon an Ersatz gearbeitet. Dieser Mikroroboter hier, der wiegt noch nicht mal 1/10 Gramm.
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Und die Idee: Eines Tages könnten Millionen davon autonom draußen herumschwirren, um Pflanzen zu bestäuben. Doch ein komplexes Lebewesen nachzubauen stellt die Wissenschaftler vor enorme Herausforderungen. Dazu gehört die Beweglichkeit, die Flugweite, die Vernetzung, der Energiespeicher und vieles andere mehr. Natürlich steckt die Entwicklung von Roboterbienen noch im Larvenstadium. Aber fest steht: Im Anthropozän wird der Mensch künstliche Lebewesen in die Welt setzen. Ob die dann so erfolgreich sein werden wie ihre natürlichen Vorbilder. Und ob das Ganze eine gute oder schlechte Sache ist, das muss sich noch zeigen. Sicher ist, wir müssen nach neuen Wegen suchen. Nicht nur bei einem Ersatz für Bienen. Die wenige Fläche, die wir haben, besser nutzen. Den Anbau von Kulturpflanzen zum Beispiel auch in der Großstadt. In einer ehemaligen Stahlfabrik in der Nähe von New York wachsen jetzt Kräuter und Sprossen nicht nur nebeneinander, sondern auch übereinander.
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Im Vergleich zu einem herkömmlichen Treibhaus lassen sich so sehr viel höhere Erträge pro Quadratmeter Grundfläche erzielen. In der computergesteuerten Halle wird nichts dem Zufall überlassen. Erde gibt es hier keine mehr. Dafür sind Wasser- und Lichtzufuhr sowie die Düngung optimal auf die jeweilige Pflanze abgestimmt. Das hier ist die größte Indoorfarm auf der ganzen Welt. Und die Vorteile von so einem vertikalen Bauernhof liegen ja auf der Hand. Bei kleiner Grundfläche sehr viel Anbaufläche. 20, 30 Ernten pro Jahr, 95 % weniger Wasserverbrauch. Überhaupt keine Pestizide und Herbizide. Nicht schlecht, oder? Natürlich kann diese Technologie die traditionelle Landwirtschaft nicht ersetzen. Aber sie kann sie vielleicht sinnvoll ergänzen. Und das wäre ja schon mal was. Meine Reise um die Welt hat mir gezeigt, wie viele Arten es gibt, uns zu ernähren. Da gibt es nicht die eine richtige Art, Landwirtschaft zu betreiben.
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Denn sie ist so vielfältig wie die Regionen, in denen wir leben. Bis zu 12 Milliarden Menschen kann unser Planet ernähren, sagen Experten. Aber wir müssen die Ressourcen und Flächen klug nutzen. Und alle zusammenarbeiten. Und wir müssen Lehren aus der Geschichte ziehen. Der Natur Zeit zum Erholen geben. Wir können all das schaffen, es hängt allein von uns ab. Untertitel im Auftrag des ZDF, 2020

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