Europasaga (1/6) – Woher wir kommen | Ganze Folge Terra X

Europasaga (1/6) – Woher wir kommen | Ganze Folge Terra X

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Ich bin Christopher Clark, Historiker in Cambridge, geboren in Australien. Von Europa aus gesehen am anderen Ende der Welt. Aber der europäische Kontinent mit seiner ganzen Vielfalt war mir immer nah. Auch in meiner fernen Heimat war mir immer bewusst, wie vieles in Europa seine Wurzeln hat. Und das Europa von heute ist eine der größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte. Die große Saga dieses Kontinents will ich erzählen. Und ihn dabei auch für mich noch einmal neu entdecken. Was meinen wir, wenn wir von Europa reden? Zunächst einen Kontinent. Doch wo fängt er an, und wo hört er auf? Hier bin ich an Europas südwestlichstem Punkt. Von hier an gibt es nur noch Wasser, dann kommt Amerika. "Aqui onde a terra se acaba e o mar comeca." "Wo die Erde endet und das Meer beginnt", so hat Luis de Camoes, der portugiesische Nationaldichter, dieses Kap schon im 16. Jahrhundert beschrieben. Und Europa ist nicht nur hier,
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sondern größtenteils vom Meer umgeben eine große Halbinsel. Seine Geschichte ist davon geprägt. Und sie beginnt vor 135 Millionen Jahren. Europa ist, so wie wir es kennen, erdgeschichtlich gesehen noch gar nicht so alt. Ganz am Anfang bilden alle Kontinente eine Einheit. Dann gerät die Welt in Bewegung. Landmassen brechen ab, driften auseinander und finden sich wieder. Dabei entstehen Berge und Flüsse. Allmählich nimmt der Kontinent seine heutige Gestalt an. Eismassen formten Fjorde, Berge falteten sich auf. Die gestalterische Wucht der Erde lässt sich auch heute noch im Strömen der Lava erahnen. Und irgendwann werden aus diesen elementaren Kräften so viele eigenständige Kulturen und Völker entstehen. Wie wohl nirgends sonst auf dem Planeten. Wie hat das alles angefangen? Asien, an dem dieser ziemlich kleine Kontinent als Appendix hängt, ist schon immer das Tor nach Europa gewesen.
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Auch für die ersten Menschen, die kamen. Aber wer waren die ersten Europäer? Als die ersten Menschen von Afrika aus den Rest der Welt erobern, herrscht Eiszeit. Wo heute London, Berlin und Warschau liegen, erstreckt sich damals ein kilometerdicker Eispanzer. Das schreckt den Homo sapiens nicht ab. Er kommt nach allem, was man weiß, über den Nahen Osten, die Levante und Rumänien auf den Kontinent. Und dann wird es ganz langsam wärmer in Europa. Die Eiszeit geht ihrem Ende entgegen. Die ersten Migranten werden hier auf die Neandertaler treffen. Und sich auch mit ihnen verbinden. So steckt bis heute in jedem Europäer ein Stück Neandertaler. Vor 30.000 Jahren stirbt diese Spezies aus. Der Homo sapiens, der "wissende Mensch", übernimmt. Er sammelt und jagt, lebt in mehr oder weniger großen Gruppen. Aber verstreut über riesige Gebiete. Oft in felsigen Gegenden, wo es Höhlen gibt. Wie in Südfrankreich und Nordspanien.
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Tatsächlich beginnt sich genau in dieser Zeit auch die geistige Welt der frühen Europäer zu formen. Die Tiefen der Höhlen sind für sie besondere Orte. Kathedralen der Urzeit, in denen man die Reiche des Übernatürlichen vermutet. Aber vor allem finden die Menschen hier Schutz und Wärme. Voraussetzungen für das Überleben. So sehen die ersten Zeugnisse der Ur-Europäer aus. Ich bin in der Höhle von Chauvet in Südfrankreich. Und ich kann es kaum fassen, dass Menschen vor 30.000 Jahren so etwas gemalt haben. Das Talent, die Präzision dieser ersten europäischen Künstler sind schwindelerregend. "Wir haben nichts dazugelernt", soll Pablo Picasso ausgerufen haben, als er solche Bilder sah. Vor fast 40.000 Jahren haben die Steinzeit-Menschen im Ardèche-Tal im heutigen Frankreich diese ersten europäischen Kunstwerke geschaffen. Und sie taten es für die Ewigkeit. Sicher ohne es zu ahnen. Denn sie konnten ja nicht wissen, dass auch wir einmal
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all die Wollnashörner, Höhlenlöwen, Mammuts und Bisons bewundern würden. Man hat hier das Gefühl, auf einer steinzeitlichen Arche Noah zu sein. Ein Quantensprung in der Menschheitsgeschichte. Der Homo sapiens wurde zum kulturellen Wesen. Er dachte über sich selbst nach, beobachtete seine Umgebung scharf. Und schuf mit diesen Bildern eine neue Kommunikationsform. Ein Bison mit acht Beinen. Das sollte wahrscheinlich Bewegung ausdrücken. Eine Art Steinzeit-Kino. Was in Felsenhöhlen begonnen hatte, setzte sich bald unter freiem Himmel fort. Vor 5000 Jahren gab es zum ersten Mal gleichzeitig in mehreren Gegenden Europas Kultstätten. Die ersten sesshaften Völker setzten tonnenschwere Findlinge zu Steinkreisen wie Stonehenge zusammen. Sie sind nach dem Sonnenverlauf ausgerichtet und dienten vor allem als Observatorium. Für die Menschen der Bronzezeit muss der Transport und Aufbau der Steine ungeheuer aufwendig gewesen sein.
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Sie mussten sich dafür so perfekt wie möglich organisieren und spezielle Techniken entwickeln. Auch der Ahnenkult hat wohl eine Rolle gespielt. Die Welt der Vorfahren in Stein für immer festgehalten. Kulte und feste Riten scheinen der Kitt für diese frühen Gesellschaften gewesen zu sein. Das alles entsteht etwa zu der Zeit, als die Ägypter ihre Pyramiden bauen. Von Spanien bis Schweden, von Polen bis Frankreich entstanden steinerne Monumente. In der Megalithkultur ist zum ersten Mal eine europäische Gemeinsamkeit zu erkennen. Aber während die Europäer noch in der Steinzeit leben, werden im heutigen Irak und in Syrien die ersten Städte errichtet. Europa bleibt Entwicklungsland. Im östlichen Mittelmeer fängt es allerdings an, sagenhaft interessant zu werden. Warum heißt Europa Europa? Die Antwort ist hier in Griechenland zu suchen. Hierher entführte der Göttervater Zeus in Gestalt eines prächtigen Stiers die schöne Europa.
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Tochter des Phönizier-Königs von Sidon im heutigen Libanon. Sofort verliebte sich Europa in den Stier, also in Zeus. Und schwamm auf seinem Rücken nach Kreta. Dort nahm der Stier Menschengestalt an und bat die Schöne, seine Königin zu werden. Und der Erdteil, der sie aufnahm, sollte für immer ihren Namen tragen. Das ist zwar eine Sage, aber sie enthält ein Körnchen Wahrheit. Denn viel vom Wesen Europas stammt von außen. Die Ursprünge liegen in Vorderasien, in der Levante und in Afrika. Von Anfang an trafen und mischten sich in Europa die Kulturen. Und das ist mit ein Schlüssel zur Kraft und zur Kreativität dieses Kontinents. Angefangen hat das alles auf Kreta. Die Bewohner der Insel waren begabte Seefahrer und Kaufleute. Die erste Handelsmacht Europas entstand. Und damit ein beeindruckendes Netzwerk über das ganze Mittelmeer. Bis nach Ägypten und Mesopotamien. Die Kreter bauten Oliven an
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und exportierten das wertvolle Öl zum Beispiel nach Ägypten. König Minos, der Sage nach Sohn des Zeus und der Europa, ließ vor über 3000 Jahren in Knossos einen prächtigen Palast bauen. Er erzählt noch heute von der Blüte der Insel und von den Minoern, der ersten europäischen Hochkultur. Das erste Königtum Europas entsteht hier. Aber vieles spricht dafür, dass die Minoer nicht so sehr an persönlicher Machtausübung interessiert waren. Nach allem, was man über diese geheimnisvolle Kultur weiß, spielten Herrscher und Helden nicht die wichtigste Rolle. Die ersten europäischen Gesetze und Gerichte haben hier ihre Wurzeln. Vom Familienrecht bis zum Strafrecht war alles geregelt. Buchstabe für Buchstabe. Die Minoer waren die ersten Europäer, die lesen und schreiben konnten. Ihre Schrift haben die Minoer von den Phöniziern übernommen. Das Alphabet aus dem Nahen Osten ist die Mutter aller europäischen Schriften.
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Die Symbole des berühmten "Diskos von Phaistos" drucken sie sogar mit Stempeln in den Ton. Fast 3000 Jahre, bevor Johannes Gutenberg den modernen Buchdruck erfindet. Zwar gerät die Bedeutung der alten Schriftzeichen in Vergessenheit. Aber nach dem Beispiel der Minoer entwickeln die Griechen schließlich ihr Alphabet. Nach dem griechischen entstehen daraus auch unser lateinisches und das kyrillische Alphabet. Noch für Jahrhunderte wird Europa vor allem durch das geprägt werden, was in Griechenland entsteht. Was war so besonders an Griechenland? Zum einen seine Geografie. Etwa 1500 Stadtstaaten, "poleis", hatten sich rund um das östliche Mittelmeer und das Schwarze Meer gebildet. Das griechische Festland ist durchzogen von Bergen und Schluchten. So lebte man in kleinen Gemeinschaften, isoliert, aber auf Austausch und Handel miteinander angewiesen. Kleine, überschaubare, unabhängige Einheiten waren das. In manchen herrschten Oligarchien, in anderen Tyranneien.
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Aber eine Stadt bildete ein Herrschaftssystem, das tiefe Spuren in der Weltgeschichte hinterlassen sollte. Nichts ist mit der Glanzzeit Athens zu vergleichen. Hier findet man vieles von dem, was Europa auch heute noch ausmacht. Die Welt der Griechen bestand aus vielen Göttern, denen sie Tempel errichteten. Aber auch aus klugen Denkern, die den irdischen Dingen auf den Grund gehen wollten. Der stolze Parthenon-Tempel auf der Akropolis ist das schönste Symbol dafür, was auf den Straßen und Plätzen des antiken Athen entstanden ist. An Architektur, Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Literatur. Und eben auch an politischen Ideen. In Athen herrscht kein König, sondern das Volk. Zum ersten Mal in der Geschichte des Kontinents. Die Verantwortung für Entscheidungen, die alle betreffen, wird auf die Schultern aller Männer verteilt. Frauen spielten noch keine politische Rolle. Aber es ist ein Anfang. Die Demokratie ist geboren.
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Nun hört gut zu! Wer gegen den Vorschlag ist, der hebe die Hand! Und wer für den Vorschlag ist, der hebe jetzt die Hand! Von den alten Athenern können wir heute noch lernen. Bei der Ämterbesetzung vertrauen sie auf eine Wahlmaschine: Das Kleroterion. Das Los entscheidet. Keine Chance für Korruption oder Lobbys. Leonidas Linos, du bist gewählt! Das alles war nicht über Nacht passiert. Die Demokratie in Athen entwickelte sich langsam, Schritt für Schritt. Und sie wurde immer wieder reformiert. Die Demokratie Athens ruhte auf drei Säulen: Es gab eine Verfassung, die schon im 5. Jahrhundert v. Chr. entstand. Eine Volksversammlung, die "Ekklesia", in der Bürger über Staatsangelegenheiten diskutierten. Und es gab unabhängige Gerichte. Diese Einrichtungen prägten auch das Gesicht der Stadt mit prächtigen Bauwerken. Und auf den Plätzen davor wurde eifrig diskutiert. Vieles spielte sich unter freiem Himmel ab, das prägte die Menschen.
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Und so hat vielleicht sogar das Klima dazu beigetragen, dass die Demokratie von Athen 200 Jahre lang lebendig blieb. Man versteht also, warum sich in vielen Parlamentsgebäuden in Europa heute noch die Architektur Griechenlands widerspiegelt. Symbole für die Macht des Volkes. Auch wenn die attische Staatsform nur noch wenig mit der repräsentativen Demokratie unserer Zeit zu tun hat. Hier schließt sich der Kreis. Die Idee der Demokratie, der Ausgewogenheit der Macht soll dem goldenen Schnitt der Bauten entsprechen. Das alles geht auf das Streben der Griechen nach Vollkommenheit zurück. Demokratie wird später zu einem Gründungsgedanken des modernen Europa. Und zum Fundament dieser Staatengemeinschaft. Das demokratische Sportereignis schlechthin ist der Marathon. Jung, alt, dick, dünn: Jeder kann mitlaufen. Millionen Menschen weltweit werden jedes Jahr vom Marathon-Fieber gepackt.
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Benannt ist der Langlauf nach einer kleinen Stadt in Griechenland. Der erste Marathon-Läufer der Geschichte war ganz allein. Er rannte die rund 40 Kilometer von dem Ort Marathon nach Athen. Um auf dem Marktplatz den Sieg der Griechen über eine zahlenmäßig überlegene persische Armee zu verkünden. In einer entscheidenden Schlacht. Danach soll er tot zusammengebrochen sein. Nicht ohne seine Landsleute davor zu warnen, dass die restliche persische Streitmacht im Anmarsch sei. Und so gehen im Jahr 490 vor unserer Zeit Soldaten aus Athen in Stellung. Das war nämlich passiert: Von den konkurrierenden Städten Korinth, Sparta und Athen sieht sich das riesige Perserreich, die Weltmacht seiner Zeit, bedroht. Der gemeinsame Gegner schweißt die Griechen zusammen. Gemeinsam reagieren sie mit einem Präventivschlag. Zum ersten Mal fühlen sie sich als Europäer.
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Und bezeichnen ihre Heimat auch als Europa. Geboren aus einer Schicksalsgemeinschaft. Athen gewinnt gegen die Perser. Zwar geht der Krieg weiter. Aber im Staub von Marathon entscheidet sich die Zukunft des Kontinents. Und die Story vom Sieg ist so gut, wir würden heute sagen hollywoodreif, dass sie gleich auf der Bühne umgesetzt wird. Ja, Athen ist auch die Geburtsstäte der Massenunterhaltung. Seit Homer lieben die Griechen Heldengeschichten. So auch die aus den Perserkriegen. Schauspieler schlüpfen in die Rolle ihrer alten Gegner. Und lassen den Sieg, auf den alle Griechen stolz sind, noch einmal aufleben. Seid streng, Brust raus, und die Augen geradeaus! Aischylos, ein Veteran der Schlacht von Marathon, ist der Autor des Spektakels. Unterstützt vom jungen Politiker Perikles will der Dramatiker den Wettstreit der Dichter gewinnen. Den richten die Athener jedes Jahr aus, um Dionysos zu ehren.
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Den Gott des Weines und der Freude. Auf dem Schlachtfeld hatte sich Aischylos nicht besonders hervorgetan. Aber mit seinem Stück will er sich unsterblich machen. Aischylos zeigt die Unsinnigkeit des Krieges, der den Menschen außer Schrecken, Verzweiflung, Tod und Trauer nie etwas bringt. Er berichtet aus der Sicht der Verlierer. Ohne sich dabei über die Niederlage der Perser zu erheben. So will er das Publikum auch erziehen. Und die Athener verstehen. "Die Perser" gewinnt den ersten Preis. Es ist das älteste erhaltene Theaterstück der Welt. Ob tragisch oder komisch, die Griechen machen der Welt vor, wie man gut unterhält. Die Erzählmuster haben alle Zeiten überlebt. Und der Gründungsakt Europas, die Perserkriege, wird immer noch und immer wieder aufgeführt, bis zum heutigen Tag. Ob Kunst, Architektur oder politisches Denken: Eine offene, kultivierte Gesellschaft war das damals im alten Griechenland. Europa hat immer wieder aus diesem Brunnen geschöpft.
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Hier liegen also die Ursprünge unserer europäischen Zivilisation. Aber außerhalb von Hellas versteht sich damals noch niemand als Europäer. Wie haben die alten Griechen ihre Kultur verbreitet? Und wie ist aus der griechischen eine europäische Kultur geworden? Im 4. Jahrhundert v. Christi Geburt erobert der Makedonier-König Alexander, später "der Große" genannt, alle griechischen Stadtstaaten mit Ausnahme Spartas. Dann will er dem Griechentum Weltgeltung verschaffen. Er errichtet ein Weltreich in Asien. Das erschien ihm vielversprechender als Europa. Die Griechen wiederum gründen Kolonien rund ums Mittelmeer. Darunter Massalia, das heutige Marseille. Von dort bricht im 4. Jahrhundert v. Chr. der Entdecker Pytheas auf. Der Zeitgenosse Alexanders des Großen will den Norden Europas erkunden. Und wird damit das Weltbild der Griechen gründlich verändern. Bis dahin glauben sie, dass die Klügsten und Besten nur am Mittelmeer zu Hause sein können.
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Dann trifft er auf die Kelten. Eine neue Macht tritt auf den Plan. Sie sind kein einheitliches Volk und gründen kein Reich. Sondern sie leben in vielen unterschiedlichen Stammesverbänden. Aber sie haben gemeinsame Bräuche. Und wenn sie sich bedroht fühlen, halten sie zusammen. Das klingt schon fast europäisch, könnte man sagen. Und tatsächlich: Im 1. Jahrtausend v. Chr. breiten sie ihre Stammesgebiete von Zentraleuropa bis nach Anatolien und Britannien aus. Ihre Kultur entwickelt sich immer weiter. Im Norden leben nur rückständige Barbaren, denken die Griechen. Kälte und Nebel hätten sie träge gemacht. Trotzdem geben sie ihnen einen schmeichelhaften Namen: Denn Kelten, das heißt: die Tapferen. Außerdem wollen die Griechen Geschäfte machen. Sie haben Oliven und Wein im Tausch für Bernstein und Zinn der Kelten. Aber erst einmal müssen sie den Kelten ihre Kultur nahebringen. Kleine Geschenke, möglichst aus Gold, erhalten die Freundschaft.
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Das weiß auch Pytheas, der Entdecker aus Marseille, der als erster für die Griechen den Nordrand der damals bekannten Erde erreicht hat. Seine Forschungsreise verändert das Weltbild der Griechen. Die Kelten sind nicht nur gute Krieger, sondern auch begabte Metallhandwerker. Langsam finden sie Geschmack an der mediterranen Lebensart. Nicht zuletzt am Wein. Das mannshohe Gefäß aus Griechenland, das man im Grab einer Keltenfürstin fand. Und die allgegenwärtigen Trinkhörner zeugen vom unstillbaren Durst der Kelten. Es sind die Kelten, die die ersten Städte nördlich der Alpen bauen. Um die 150 an der Zahl. Eine der berühmtesten ist die Heuneburg im heutigen Süddeutschland. Man nimmt an, dass es sich um die älteste auch literarisch erwähnte Kelten-Siedlung nördlich der Alpen handelt. Schon der griechische Geschichtsschreiber Herodot hat sich für sie interessiert. Um das Jahr 600 v. Chr. gebaut war die Heuneburg ein keltischer Fürstensitz mit einer ausgeklügelten Befestigung.
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Gegen Feinde. Hinter den hohen Mauern organisierten die Kelten ihr Leben perfekt. Sie kannten die Arbeitsteilung und Geldmünzen. Bis zu 10.000 Menschen lebten in solchen Städten nach antikem Vorbild. Von hier aus trieben die Kelten tatsächlich immer mehr Handel mit den Griechen. Und mit der Heimatstadt des Pytheas, mit Marseille. Die Kelten waren keine planmäßigen Besatzer und Eroberer. Aber 387 v. Chr. nahmen sie die Stadt Rom kurz ein. Ein Trauma für die römische Nachwelt. Das Imperium Romanum, das Römische Reich, ist sicher kein direkter Pate für den heutigen Europagedanken. Aber in Rom liegen viele Wurzeln des modernen Europas. Die Idee der Republik, das Recht, die Architektur. In vielem konnten die Römer auf dem aufbauen, was von den Griechen kam. Das Pantheon ist ein schönes Beispiel. Hinter der griechisch anmutenden Fassade
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verbirgt sich eine der ältesten und größten Kuppeln Europas. Gebaut aus Zement, beides römische Erfindungen. In allen Lebensbereichen orientieren sich die Römer an den Griechen. Aber sie wollen es noch besser machen. So auch der ehrgeizige Gaius Julius Cäsar. Der sieht für sich eine große Zukunft. Er wäre gern ein Eroberer wie Alexander der Große. Aber bevor er Geschichte schreiben kann, muss er die vorgeschriebene Beamtenlaufbahn absolvieren. Die römische Ochsentour. Für seine Karriere scheut er weder Kosten noch Mühen. Unsummen gibt er für Bestechungsgelder aus. Und als Cäsar dann schließlich Konsul ist, häuft er ein riesiges Staatsdefizit an. Was er jetzt braucht ist ein Krieg, ein Beutezug, um Ansehen zu gewinnen und seine leeren Kassen zu füllen. Aber er hat ein Problem: Es gibt nicht mehr viel zu holen. Rund ums Mittelmeer haben seine Vorgänger die Konkurrenz schon ausgeschaltet. Bleibt nur der wilde Norden Europas.
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Das Land der Kelten, die von den Römern Gallier genannt werden. Cäsar will den Barbaren zeigen, wo der Hammer hängt. Knappe 300 Jahre nach der Plünderung Roms durch die Kelten. Besser spät als nie. Jetzt beginnt das, was auch heute noch Schüler im Lateinunterricht nervt: Cäsars Berichte über den gallischen Krieg. Im heutigen Frankreich stellt sich der Keltenfürst Vercingetorix den Legionen Cäsars in den Weg und verschanzt sich in der Stadt Alesia. Mit 50.000 Legionären umschließt Cäsar die Stadt mit einem doppelten Befestigungsring. Gesichert mit Wachtürmen, Wassergräben und Fußfallen. Ganz ohne Emotionen beschreibt Cäsar die Brutalität dieses Krieges. Vercingetorix schickt alle Kinder, Frauen und Alten aus der Stadt hinaus. Cäsar weigert sich, ihnen zu helfen. Der Wall bleibt geschlossen. * Kampfgebrüll * Dann greift Vercingetorix an. Vier Tage dauert die Schlacht.
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Mehrmals waren die Gallier daran, die römischen Wälle zu überwinden. Wurden aber jeweils unter großen Verlusten zurückgeschlagen. Am Ende wirft sich der römische Feldherr persönlich an der Spitze seiner Reitergarde in die Schlacht. Und stärkt die wankenden Reihen seiner Legionäre. Die Zahl der Gefangenen ist so groß, dass er jedem Legionär einen von ihnen als Sklaven schenkt. Nach sechs Jahren Kampf unterwirft sich Vercingetorix. Die Gallier, sein Volk, werden eingegliedert in das Reich der Römer. Damit erweitert Cäsar das Römische Reich weit nach Westen. Im 19. Jahrhundert mutiert der Gallier Vercingetorix zum Franzosen. Ihnen gilt er auch heute noch als Nationalheld, dem man ein Denkmal setzen muss. Als Symbol für ihre Einigkeit als Nation. Nach der Schlacht von Alesia ist die Welt der Kelten kleiner geworden. Erst verschwinden sie nördlich der Alpen.
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Dann erobert Cäsar Gallien und gliedert es ins Römische Reich ein. So dass am Ende nur mehr die Kelten auf den britischen Inseln übrig bleiben. Blut zeichnet Cäsars Weg. Nach eigener Aussage hat er über eine Million Menschen auf dem Gewissen. Sieh dich um und denke daran, dass auch du nur ein Mensch bist. Solche guten Ratschläge verhallen im Jubel der Massen. Mit den Huldigungen, die Cäsar sich entgegenbringen lässt, ist er tatsächlich zu einer Art Halbgott aufgestiegen. Und er weiß das. Der Größenwahn wird zum ständigen Begleiter. Nach seinem Sieg über die Gallier lässt er sich umso mehr feiern. Mit einem nie dagewesenen Triumphzug. Eine Machtdemonstration sondergleichen. Er verkleidet sich als Jupiter, den Obergott der Römer. Nur keine falsche Bescheidenheit. Und Cäsar präsentiert seine wichtigste Trophäe: Vercingetorix. Nur für diesen Auftritt lässt er ihn noch am Leben. Cäsar, der Barbarenbezwinger. Diese Botschaft kommt an.
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Mit Cäsar hält eine neue Idee Einzug in Europa: die Idee des Imperiums. Bis dahin war Rom eine Republik, regiert vom Adel. Aber die Senatoren übertragen Cäsar jetzt die volle Kontrolle. Sie ernennen ihn zum Diktator auf Lebenszeit. Die römische Republik wird zum Imperium Romanum, das sich weite Teile Europas einverleibt. Ausgerechnet einem der größten Egomanen der Weltgeschichte verdanken die Europäer eine erste politische Vereinigung. Auf Cäsar berufen sich europäische Imperatoren und Diktatoren von der Römerzeit bis ins 20. Jahrhundert. Aus seinen Nachfolgern, den "Cäsaren", werden später Kaiser und Zaren. Karl der Große, Iwan der Schreckliche. Napoleon. Kaiser Wilhelm II. Und Mussolini. Erst Cäsars Adoptivsohn und Thronerbe Augustus setzt die Idee des Imperiums
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endgültig durch. Und erst bei ihm entsteht ein Bewusstsein, was es bedeutet, einen Kontinent zu beherrschen. Und dazu gehörte auch die perfekte Kommunikation mit den Untertanen im Rest Europas. Darin war Augustus, der sich dieses Forum bauen ließ, ein Meister. Er verstand etwas vom Marketing der Macht. Auf dieser Münze ist er abgebildet. Und auf diese Weise gingen zum ersten Mal in der europäischen Geschichte die Bilder eines Herrschers auf Wanderschaft, millionenfach. Augustus hatte vorweggenommen, was Andy Warhol 2000 Jahre später postulierte: "Expose yourself." Nimm dein Bild, mach es groß und schick es um die Welt. Für die Generation von Instagram und Snapchat ist das natürlich eine Selbstverständlichkeit. Der Erfolg der römisch-griechischen Zivilisation beruht aber vor allem auch auf den Annehmlichkeiten des römischen "Way of Life". Überall gründen die Römer Kolonien. Von Südfrankreich und Trier bis nach Bath in Britannien,
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vom Atlantik bis zum Balkan. Und das dichte Straßennetz, das sie in den eroberten Ländern bauen, macht es für Legionäre, Händler und Reisende leicht, den Kontinent zu durchqueren. Über tausende Kilometer reichen die Römerstraßen kreuz und quer durch ganz Europa. Ein Kontinent wird organisiert. Die Römer verbinden Europa durch ihr Reich, ihre Sprache. Sie verbinden Europa durch ihr Recht, das bald überall im Reich gilt. Und das tägliche Leben der Menschen regelt. Einschließlich aller Streitigkeiten. Die Sitzung ist eröffnet. Es gibt ein Strafrecht und eine feste Strafprozessordnung. In Stein gemeißelt sozusagen. Das ist die Grundlage für alles, was danach kommt. Vor allem das römische Bürgerrecht hatte eine ungeheure Integrationskraft. Es wurde im Jahr 212 an alle Einwohner des Römischen Reiches verliehen. Ausgenommen waren nur Sklaven. Kaiser Caracalla sorgte für die Rechtsgleichheit. Und für das Vergnügen der Römer.
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Er ließ noch mehr Wasserleitungen und gigantische Thermen bauen. In Badekleidung und vor dem Gesetz sind jetzt alle ebenbürtig. Grundsätzlich haben alle die gleichen Aufstiegschancen. Theoretisch kann jeder Staatsämter übernehmen. Und die Römer zwangen niemanden, seine eigene Kultur aufzugeben. Viele Völker wollten ohnehin wie die Römer werden. Und passten sich früher oder später freiwillig an. So entstand die "Pax Romana", der innere Friede in diesem großen Reich. Und mit ihm eine lockere Gemeinschaft, die man "voreuropäisch" nennen könnte. Aber nicht alle Europäer sind bereit, ihre Freiheit gegen das Bad in einer römischen Therme zu tauschen. Die Völker im heutigen Deutschland und in Schottland wiedersetzen sich ebenso selbstbewusst wie hartnäckig. Statt die widerspenstigen Barbaren zu unterwerfen schotten sich die Römer ab: Mit dem Hadrianswall an der heutigen Grenze zwischen England und Schottland. Benannt nach dem römischen Kaiser, der ihn bauen ließ.
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Auch an Rhein und Donau errichten sie eine Grenzanlage gegen die Germanen: Den 550 Kilometer langen Limes, eine wirkliche "Kultur-Grenze", die quer durch Europa läuft. Auf der einen Seite, in den Städten, die zum Römischen Reich gehören, blüht die Zivilisation. Prächtige Bauten gibt es da, Thermen und florierende Märkte. Zur Zeit des Augustus lebten hier viele Millionen Menschen. Das nicht von den Römern besetzte Germanien ist dünn besiedelt und ähnelt einem riesigen Naturreservat. Östlich des Rheins leben die unterschiedlichen Stämme von Germanen und Slawen in weit verstreuten Dörfern. Eine ganz andere, eine archaische Welt. Über Tore im Limes gibt es im Grenzgebiet einen regen Warenaustausch zwischen Römern und Germanen. Im Großen und Ganzen arrangieren sich die europäischen Nachbarn. Nur manchmal müssen die "numeri", eine schnelle römische Truppe, eingreifen. Sie ahnden wie eine Art Grenzpolizei so manchen Raubzug,
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den germanische Horden auf der römischen Seite angezettelt haben. Dass Mauern und Zäune keine Dauerlösung sind müssen auch die Römer erfahren. Als im 4. Jahrhundert asiatische Reitervölker in Europa einfallen, zerbricht die schöne alte Ordnung. Der römische Offizier und Chronist Ammianus Marcellinus beschreibt die Ankunft des "Hunnenvolkes": "Es brennt vor entsetzlicher Gier nach Raub fremden Gutes." Und fällt "plündernd und mordend" über die "Grenznachbarn" der Römer her, schreibt Marcellinus. Nach über 300 Jahren ist es vorbei mit der "Pax Romana", dem Frieden im Innern des Imperium Romanum. Germanische Stämme fallen ins Reich ein. Als Flüchtlinge und als Eroberer. Die Goten sind die ersten, die Zuflucht im Römischen Reich suchen. Im Jahr 376 überqueren sie die Donau. Andere Germanenstämme werden ihnen folgen. Ammianus Marcellinus beobachtet die gewaltige Migration.
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Berichtet von immer weiter ansteigenden Massen unbekannter Barbarenstämme. "Unstet in einzelnen Gruppen mit Weib und Kind am Donauufer umhertreibend." "Am Anfang nahmen unsere Leute die Sache nicht ernst genug", schreibt er. Und tatsächlich: Allmählich verlieren die Römer die Kontrolle. Erst über die Grenzen, dann über ihr Imperium. Im Jahre 395 kommt die Teilung in ein Weströmisches und ein Oströmisches Reich. Die Völkerwanderung bringt die antike Ordnung Europas durcheinander. Aber gleichzeitig bekommt das heutige Europa Konturen. Auf dem Gebiet von Westrom entstehen schließlich germanische Königreiche, wie das der mächtigen Franken im heutigen Deutschland und Frankreich. Ich bin jetzt zu den Angeln und Sachsen nach England gereist. Genauer nach Cambridge. Europa, das hieß immer Bewegung. Völker kamen und gingen, alles vermischte sich.
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Das Protokoll dieser ständigen Bewegung während vieler 1000 Jahre ist im Erbgut der Europäer festgehalten. Und mit den modernen Methoden der Gentechnik kann man es auch lesen. Jeder einzelne kann erfahren, aus welcher Mischung er besteht. Das ist doch spannend. Ich würde gerne wissen, wie viel Europa in mir als Australier steckt. Und welche Wege meine Vorfahren auf dem alten Kontinent gegangen sind. Mit Geduld und ein bisschen Spucke lässt sich das herausfinden. Diese Probe schicke ich an ein Labor. Mein Erbgut wird aufgeschlüsselt. Und dann bin ich gespannt auf das Ergebnis. Übrigens, das alles ist nur möglich, weil Francis Crick und James Watson hier in Cambridge entdeckt hatten, wie unser Erbgut aufgebaut ist. In diesem Pub gaben sie das im Jahr 1953 bekannt. Ab geht's in die Post. Bin gespannt, was dabei rauskommt. Gespannt warte ich auf das Ergebnis. Zwei Wochen später ist es da.
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Ach, das Ergebnis meines Gen-Tests ist da. Und da steht es: Zu 78,5 % bin ich britisch oder irisch. Aber immerhin zu 5,1 % Franzose oder Deutscher. Das kann man anscheinend nicht trennen. Zu 2,5 % bin ich Skandinavier, dann noch 11 % Nord- und Ostsee. Das ist vielleicht der Wikinger in mir. Aber es gibt auch 0,7 % Sardinien. Nicht schlecht, darauf bin ich besonders stolz. Und dann natürlich ein bisschen Neandertaler und Gene aus Nordafrika. Alles Resultate der Wanderbewegungen nach und in Europa. Ein buntes Völkchen hat sich da entwickelt seit der Steinzeit. Und auch ich als Australier bin dabei. Es ist die unglaubliche Vielfalt, die Mischung aus Sprachen und Sitten, die in Europa immer noch und immer wieder für Bewegung sorgt. So wie damals, als das Imperium Romanum zusammenbricht. Ein schleichender Prozess führte dahin.
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Nicht etwa nur spätrömische Dekadenz. Worin bestand dieser Auflösungsprozess? Westrom hat sich durch dauernde Bürgerkriege und durch eine schwindende Wirtschaftskraft praktisch aufgelöst. Auf dem Imperatorenthron sitzt der Kindkaiser Romulus Augustulus. Die Germanen haben immer mehr an Einfluss gewonnen. Jetzt reißen sie die Macht im Westen Europas ganz an sich. Die Geschichte des Römischen Reiches endet nach 503 Jahren mit der Entthronung des Kindkaisers durch den Germanenführer Odoaker. Im Jahr 476. Bring den kaiserlichen Umhang nach Byzanz. Und sag dem Kaiser von Ostrom, wir brauchen diesen Mantel hier nicht mehr. Ich werde von nun an einen neuen Titel tragen: Rex Italiae - König von Italien. Was ist geblieben? Das vielleicht schönste Gebäude in Rom ist für mich das Pantheon mit seiner gewaltigen Kuppel.
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Ein Ort, der die Höhen und Tiefen der europäischen Geschichte widerspiegelt wie kaum ein anderer. Ich will noch einmal dorthin zurück. * Er singt. * An dem Widerhall spürt man, vor allem wenn man hier alleine steht, die Großartigkeit dieses Tempels, er ist wirklich gewaltig. Als Michelangelo das Pantheon in Rom zum ersten Mal sah, meinte er: Dieses Wunder der Architektur könne gar nicht von Menschenhand geschaffen sein, sondern sei ein Werk der Engel. Das kann man auch nachvollziehen. Und es liegt daran, dass das Pantheon alle Verwüstungen in Rom durch die Germanen und auch noch ein paar Erdbeben überlebt hat. Die Machtübernahme der Germanen jedenfalls ist nicht etwa das Ende der europäischen Geschichte. Im Gegenteil: Sie vollendet die einmalige Mischung, auf deren Fundament die europäische Zivilisation bis heute steht: Die antike Kultur der Griechen und Römer wird nicht ausgelöscht. Die germanischen Krieger pflegen dieses große Vermächtnis.
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Und eine entscheidende Zutat kommt hinzu: Das Christentum. Was die Europäer die nächsten 1000 Jahre verbindet, aber manchmal auch teilt, ist ihr Glaube. * Triumphale Musik *

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