Faszination Universum: Im Bann der Astrologie | Ganze Folge Terra X mit Harald Lesch

Faszination Universum: Im Bann der Astrologie | Ganze Folge Terra X mit Harald Lesch

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* Titelmusik * Lässt sich in den Sternen unser Schicksal lesen? Der Glaube an die Astrologie hält sich seit Jahrtausenden. Wissenschaftler widersprechen: Die Sterne haben keinerlei Einfluss auf uns. Doch die Macht des Himmels scheint allgegenwärtig. Wenn der Mond die Meere wie von unsichtbarer Hand heben kann. Warum sollten nicht auch die Planeten und Sterne Einfluss auf die Erde und damit auf uns haben? * Musik * Mit der Astrologie ist das so eine Sache: Keiner glaubt daran, aber jeder kennt sein Sternzeichen. Genauso mit den Horoskopen. Das ist doch alles Humbug, sagen viele. Trotzdem gehören Horoskope zu den meist gelesenen Rubriken vieler Zeitungen. Die Astrologie ist nach wie vor die beliebteste Zukunftsschau. Vor allem wenn es um Fragen geht, wie: "Wie finde ich einen guten Partner?" Da werden gerne Sterne befragt. Als aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts fragt man sich:
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Wie kann das sein? Wie soll irgendwas da oben mit uns hier unten zu tun haben? Andererseits: Wenn wir eine Sternschnuppe sehen, verschließen wir doch fast alle die Augen und wünschen uns, dass unser Wunsch in Erfüllung geht. Ist das alles Aberglaube, oder ist doch mehr dran an der Verbindung von Himmel und Erde? Kalifornien 1967. Ein Schauspieler wird zum Gouverneur gewählt. Später wird er sogar Präsident. Er hat Ratgeber, von denen viele nichts wissen. Am 3. Januar soll Ronald Reagan um 12 Uhr mittags als Gouverneur vereidigt werden. Doch Reagan lässt sich Zeit. Erst 10 Minuten nach 12 hebt er die Hand zum Schwur. Sein Astrologe hatte ihm diesen Moment empfohlen. Damals ist Astrologie in Kalifornien noch illegal. Sieben Jahre später wird Reagan persönlich dieses Verbot aufheben. Als er 1981 Präsident wird, wird aus der Neigung zur Astrologie eine Manie. Ausgelöst durch ein Ereignis wenige Wochen nach seinem Amtsantritt.
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* Schüsse * Ronald Reagan was 2 months into his presidency ... Der Präsident wird bei dem Attentat durch einen Schuss verletzt. Ein Schicksalsschlag, dem Ronald Reagan hätte entgehen können? Die First Lady ist überzeugt: Ihre Astrologin hätte einen Vorfall dieser Art vorhersehen können. Ab diesem Moment wird die Regierungszeit für Reagans Stabschef so kompliziert, wie keine andere zuvor im Weißen Haus. Ständig muss er Termine verschieben und Treffen im letzten Moment absagen. Die Reagans machen alles abhängig vom "richtigen Zeitpunkt". Kaum jemand ahnt, dass dieser oft von ihrer Astrologin bestimmt wird. Wie kann die Astrologie, wie können die Planeten die richtige Zeit bestimmen? Vorbilder dafür liefert die römische Mythologie: Der Sonnengott Sol überstrahlt alles. Der Göttervater Jupiter steht für Wissen. Der Kriegsgott Mars für den Willen. Die Mondgöttin Diana für die Erneuerung.
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Und die Liebesgöttin Venus steht für die Gefühlswelt. Je nachdem, in welcher Beziehung die Himmelskörper gerade zueinander stehen, sollen bestimmte Handlungen empfehlenswert sein. Oder auch nicht. Für wichtige Verhandlungen ist z.B. die Konstellation Wissen und starker Wille günstig. Wenn zudem das Horoskop des Verhandlungspartners bekannt ist, bringt das weitere Vorteile. Vor einem Treffen 1985 ließ die First Lady das Horoskop von Michail Gorbatschow, dem damaligen Staatsoberhaupt der UdSSR, erstellen. Die Astrologin errechnete, dass Merkur bei Gorbatschows Geburt im "Wassermann" stand. Er sei demnach ein mitfühlender Mensch, eine ideale Voraussetzung für eine gute Kommunikation mit einem "Wassermann" wie Reagan. Das Gespräch war auch eine Vorbereitung auf den 12. Juni 1987. An diesem Tag folgt ein entscheidender Schritt: An der Berliner Mauer appelliert Reagan in einer berühmt gewordenen Rede an den sowjetischen Machthaber:
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Zwei Jahre später fiel die Berliner Mauer. Ob die Reagans glaubten, dass die Astrologie daran einen Anteil hatte, ist nicht belegt. Sicher ist aber, dass die Astrologie über die Termin-Vorstellungen der First Lady einen indirekten Einfluss auf die Politik und auf viele Menschen hatte, die davon gar nichts geahnt haben. Wobei die Reagans gar nicht nach konkreten politischen Ratschlägen gesucht haben, sondern nach dem richtigen Moment für eine Entscheidung. Im Fall seiner Rede vor der Berliner Mauer stimmte das Timing zweifellos. Genau darum geht es in der Astrologie: Um den richtigen Zeitpunkt. Für viele von uns heutzutage klingt das wie blanker Hokuspokus. Aber die Astrologie hat mal als seriöse Wissenschaft angefangen. "Lasset uns einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche." Damit zitiert das Alte Testament den babylonischen König Nebukadnezar. Archäologische Grabungen im heutigen Irak scheinen zu bestätigen,
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dass der Turm zu Babel tatsächlich gebaut wurde. Theologen werten das monumentale Turmbau-Vorhaben als Versuch der Menschheit, Gott nahezukommen. Der wahrscheinlichere Grund für den Turmbau war aber die Beobachtung des Himmels. Vor 3000 Jahren nutzen die babylonischen Priester das Dach des Gebäudes, um dort astronomische Beobachtungen durchzuführen. Sie sind die Ersten, die den Himmel systematisch durchforschen. Die Pioniere der Astronomie. Die Babylonier interessieren sich besonders für die Ereignisse am Himmel, die immer wiederkehren. Dazu gehören die Mondzyklen zwischen Voll- und Neumond. Sie erkennen, dass der Mond im Laufe eines Jahres zwölf Mal seinen Zyklus durchläuft. Nach ihrem Weltbild sind die regelmäßigen Abläufe kein Zufall. Sie müssen von einer höheren Macht gesteuert werden. Ihre Beobachtungen scheinen das zu bestätigen. Die Babylonier entdecken als Erste den sich wiederholenden Lauf von Jupiter, Saturn, Venus, Merkur und Mars.
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Ihre Keilschrifttafeln mit exakten astronomischen Daten füllen ganze Bibliotheken. Und je mehr Daten sie sammeln, desto mehr glauben sie an die enge Beziehung zwischen Himmel und Erde. In einer ihrer Schriften heißt es: "Auch wenn die Zeichen am Himmel getrennt von den Zeichen auf der Erde auftreten, sind sie doch nicht unabhängig voneinander." "Denn Himmel und Erde sind verbunden." Und so werden im Zweistromland die ersten Prognosen erstellt. Wenn z.B. während eines regnerischen Frühlings öfter eine bestimmte Konstellation erschien, sollte diese immer einen regnerischen Frühling anzeigen. Alles sollte ablesbar sein an den Zeichen des Himmels. Um ihre Prognosen zu systematisieren, ersinnen sie ein System, das uns bekannt vorkommt: den Tierkreis. Im Laufe eines Jahres wandert die Sonne von der Erde aus gesehen durch etwa zwölf Sternbilder. Entsprechend der zwölf Mondmonate ordnen die Babylonier jedem Monat eines dieser Sternbilder zu.
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Viele hochangesehene Spezialisten arbeiteten damals an der Deutung der himmlischen Zeichen. Akribische Beobachter, Dokumentaristen und Propheten: Die Wissenschaftler ihrer Zeit. Vor 3000 Jahren gab es noch gar keinen Unterschied zwischen Astronomie und Astrologie. Da war die Astronomie das Handwerkszeug des Astrologen. Und die arbeiteten zumeist im direkten Umfeld des Königs. Denn der war der Hauptadressat für göttliche Botschaften. "Mundanastrologie", da stand der Mensch nicht im Zentrum, sondern der Staat. Wie wird die nächste Ernte? Müssen wir in den Krieg ziehen? Sinken die Flusspegel? Und wann? Das waren die Fragen, auf die die Astrologen im alten Babylon sich Antworten von den Göttern am Himmel erhofften. Damit schufen sie das Fundament, auf dem die Astrologie bis heute aufbaut. Der Leitsatz der modernen Astrologen ist immer noch der, der von den Gelehrten vor 3000 Jahren vorgegeben wurde: "Wie oben so unten - wie im Himmel so auf Erden."
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Das ist die Basis der Astrologie. Aber warum ist das nicht so geblieben? Seit wann passen Skorpion und Krebs zusammen? Und warum fliegen zwischen Löwe und Schütze die Funken? Bis zur heutigen Interpretation der Konstellationen am Himmel, der Astrologie, und dem "Horoskop für jedermann" vergingen noch Jahrhunderte. In der Antike leisteten die Griechen entscheidende Vorarbeit. Der Gelehrte Aristoteles verband die Tierkreiszeichen mit den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft. Sie bestimmen die besonderen Charaktereigenschaften der Sternzeichen, die in der Astrologie noch heute gelten. Die Feuerzeichen Widder, Löwe und Schütze stehen für Temperament. Die Erdzeichen Stier, Jungfrau und Steinbock für Bodenständigkeit. Die Luftzeichen Zwillinge, Waage und Wassermann gelten als unstet. Die Wasserzeichen Krebs, Skorpion und Fische als anpassungsfähig. Den ersten bürgerlichen Hype erlebte die Astrologie aber erst später.
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Ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. machen die Römer die Astrologie zu einer Angelegenheit für jedermann. Nicht mehr nur Könige und Adlige befragen die Sterne. In Rom wählen einige betuchte Bürger auch schon mal den Friseurbesuch nach den Sternen. Professionelle Astrologie kostet Geld. Die wohlhabenden Römer sind aber bereit, es auszugeben. Denn was könnte schon ein besserer Ratgeber sein, als ein Wink der Götter? Einige Römer tragen ihr auf Papyrus festgehaltenes Horoskop immer bei sich. Schließlich will man wissen, welche Stunde des Tages für welche Beschäftigung günstig ist. Der Besuch beim Friseur gehört ebenso dazu wie der Gang zum Arzt. Astrologie ist im Alltag angekommen. Zugleich gewinnt die Astrologie auch einen immer größeren Einfluss auf die Politik. In den ersten 200 Jahren der römischen Kaiserzeit gibt es kaum einen Herrscher, der sich nicht astrologisch beraten lässt. Es ist die Zeit, in der man die Hofastrologen
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sogar als "die Macht hinter dem Thron" bezeichnet. Mit ihren astrologischen Berechnungen bestimmen sie die Geschicke des Landes oft entscheidend mit. 64 n. Chr.: Rom brennt. Einige glauben, dass Kaiser Nero den Brand selbst gelegt hat. Andere meinen, die gerechte Strafe für ihren despotischen Kaiser sei gekommen. Denn zuvor hatte man einen hellen Kometen beobachtet: Ein himmlisches Zeichen, das Unheil zu verkünden schien. Neros Hofastrologe sieht nur einen Weg, dieses böse Omen abzuwenden: Die Exekution einiger wichtiger Persönlichkeiten. Kurz darauf hagelt es Todesurteile. Ein römischer Chronist schreibt: "Nero trachtet danach, den Kometen mit dem Blut der Edlen zu besänftigen." Tatsächlich wird Rom weitgehend verschont. Nero lässt sich feiern. Es schien, als hätte der Hofastrologe recht behalten. Seit dieser Zeit geht es um die Frage: Was sagen die Gestirne mir?
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Es ist die Individualastrologie, also die Prognose des eigenen Schicksals. Und keine Staatsangelegenheiten, was die Menschen bis heute interessiert. Für die Prognosen gibt es Koordinaten, an denen sich die Astrologen orientieren. Sie erstellen ein Abbild des Himmels zum Zeitpunkt der Geburt. Im äußeren Rahmen werden die Tierkreiszeichen durch Symbole repräsentiert. Im zweiten Ring sind die Planeten und andere Himmelskörper dargestellt. Im inneren Ring der Ort und die Uhrzeit der Geburt. Für Astrologen hat jeder Planet eine ganz bestimmte Qualität, die zur Geburtszeit gewirkt hat. Wenn sich ein Planet, der für Harmonie steht wie Venus, im Tierkreis Löwe befand, dann soll der Hang zur Ästhetik besonders ausgeprägt sein. Zusätzlich ziehen Astrologen noch weitere Details heran. Zum Beispiel den Aszendenten. Aufgrund dieses "Basis-Bauplans" machen die Astrologen ihre Aussagen über Herausforderungen und Chancen.
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Man hat so ein bisschen das Gefühl: Ein System, das so komplex ist, und dessen Wurzeln so weit in die Vor-Antike reichen, das kann gar nicht so verkehrt sein. Auch wenn man keine Hinweise darauf erwarten soll, wann endlich die große Liebe an die Tür klopft. Oder die nächste Beförderung zu erwarten ist. Sollen fachmännische Horoskope ja Persönlichkeits- und Charakterstudien liefern können. Und jeder will doch wissen, ob die Bewegung der Gestirne tatsächlich etwas über uns selbst aussagt. Ich ja auch. Deshalb hole ich mir heute mein Horoskop ab. Die Astrologin hat meine Daten schon seit ein paar Wochen. Ich bin sehr gespannt. Aber man kann sich vorher schon mal fragen: Wenn die Astrologie eine so universelle Wahrheit ist, dann muss sie doch überall auf der Welt ähnlich sein, oder? Im Jahr 2012 erlebte China einen Babyboom. Der hatte nichts mit der chinesischen Familienpolitik oder der gut laufenden Wirtschaft zu tun.
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Sondern mit dem Blick der Chinesen in den Himmel. Auch die Chinesen kennen zwölf Sternzeichen, die zwölf Tieren zugeordnet sind. Alle haben eigene Charaktereigenschaften. Diese Eigenschaften sind entscheidend für die unter diesem Sternzeichen Geborenen, auch für deren Glück oder Unglück. Dabei gibt es ein Ausnahme-Tierzeichen: den Drachen. Im Drachen vereinigen sich die Eigenschaften verschiedener Tiere: Sein großer Kopf entstammt dem ausdauernden Kamel. Die Hörner hat er von einem Hirschen, der für Langlebigkeit steht. Der Schlangenhals symbolisiert Schlauheit. Die Tigertatzen verleihen ihm Mut und Tapferkeit. Seine Haut hat er vom Fisch, dessen glänzende Schuppen Reichtum versprechen. Das Besondere: In der chinesischen Astrologie steht nicht jeder Monat, sondern jedes Jahr in einem anderen Zeichen. Ein zwölf-Jahres-Zyklus, der sich an der rund zwölfjährigen Umlaufzeit des Jupiters um die Sonne orientiert. Für die Chinesen ist das der Rhythmus der Welt,
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in den der Mensch eingebettet ist. Und der alle zwölf Jahre mit dem Drachen seinen Höhepunkt erreicht. Das letzte Jahr des Drachen war 2012. Für viele Paare der beste Zeitpunkt, um Eltern zu werden. Denn wer in diesem Zeichen geboren wird, dem soll ein besonders glückliches Leben und finanzieller Wohlstand bevorstehen. Auch Firmen werden besonders gerne im Jahr des Drachen gegründet. Sowohl in Hongkong als auch auf dem chinesischen Festland glauben mehr als 90 % der Menschen an Horoskope. Und bis heute an die Bedeutung des Drachen. Das zeigt sich sogar in der Architektur. Solche Öffnungen in Hochhäusern sind "Dragon Gates", Drachen-Tore. Sie sollen sicherstellen, dass die Drachen auf ihren Flügen nicht durch ein Gebäude behindert werden. Ich bin übrigens kein Drache, sondern eine Ratte, chinesisch gesehen. Aber auch Ratten kommen in der chinesischen Astrologie verhältnismäßig gut weg: Sie sind naturgemäß angriffslustig und neigen zur Querulanz,
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sind aber auch ehrlich und treu. Die chinesische Philosophie lehrt die Harmonie von Himmel, Erde und Mensch. Und ein Leben im Einklang mit dem Kosmos verheißt Glück und Erfolg. Und so lassen sich Chinesen heute von Astrologen den günstigsten Termin für eine Reise, für den Start in den Beruf oder sogar eine Heirat berechnen. Astrologie gehört in China zum Alltag. Warum nicht bei uns? Warum hat die Astrologie in der westlichen Welt den Ruf von Aberglauben und Hokuspokus? Schließlich ist der astrologische Lehrsatz "wie im Himmel so auf Erden" ähnlich wie in China auch bei uns eng mit unserer Kultur verknüpft. Er steht sogar in der Bibel. Aber Christentum und Astrologie hat noch nie richtig zusammengepasst. Um das Jahr 1500 bahnt sich ein gesellschaftlicher Umbruch an. Ein Krieg um die religiöse Deutungshoheit, der in die Spaltung der katholischen Kirche mündet. An der Spitze der Reformation stehen die befreundeten Kirchenmänner
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Martin Luther und Phillip Melanchthon. Wenn es aber um die Macht der Sterne geht, kann Luther seinen Mitstreiter nicht ernst nehmen. Wir haben noch ein Stück vor uns, komm weiter, ich habe Hunger. Es ist ja nicht so, dass ich nicht weiter möchte, aber ich habe gute Gründe. Was für Gründe sollen denn das sein? Meinst du, dein Herr lässt die Brücke zusammenstürzen? Der Herr wohl nicht. Aber ein Astrologus hat mir geraten, große Wasser zu meiden, wenn es dunkel ist. Ein Astrologus? So so. Ach Philipp, weißt du was? Du schaust in die Sterne und ich auf den Grund meiner Kanne Bier. Das Ergebnis ist das Gleiche. Du kommst nicht nach Hause, weil du Angst vor dem Wasser hast. Und ich nicht, weil ich zu viel getrunken habe. Weiter geht's. * Musik * Es ist fast unbekannt, aber der Theologe Philipp Melanchthon war nicht nur ein Anhänger der Astrologie. Sondern auch einer der populärsten Astrologie-Lehrer dieser Zeit.
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Zwischen dem, was auf Erden, und dem, was im weiten Kosmos geschieht, glaubt er, klare Zusammenhänge zu sehen. In Wittenberg bereitet er seine astrologischen Vorlesungen vor, denen hunderte von Studenten gebannt zuhören. Doch sein Freund Martin Luther, die Gallionsfigur der Reformation, hält nichts von der Astrologie. Für Melanchthon ist sie dagegen "die Krone in der Wissenschaft". Er sieht die Deutung der Sterne als einen weiteren Weg zu Gott. Luther dagegen bezeichnet die Astrologie als Unsinn. Die kirchlichen Astrologen rund um Melanchthon nennt er despektierlich die "Sternkücker". Für Luther war klar: Das Gleichnis von Adam und Eva, die vom Baum der Erkenntnis essen, beschreibt, dass Gott den Menschen das Geschenk des freien Willens gab. Zum Preis der Sterblichkeit. Und dieser freie Wille passt nicht zu einem durch die Sterne vorherbestimmten Schicksal. Außerdem sollten Christen nur an einen Gott glauben.
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Nicht an die Sterne und den durch Planeten repräsentierten Götter-Pantheon im Himmel. Im 4. Jahrhundert verboten die christlichen Konzilien ihren Mitgliedern sogar das Erstellen und Einholen von Horoskopen. Doch die Sterndeutung hielt sich trotzdem. Besonders in den Klöstern, den Wissens-Zentren des Mittelalters, wurde weiter astrologisch geforscht. Und an einigen Kirchen und Rathäusern wurden mit Billigung der Kirche "astronomische Uhren" mit astrologischen Symbolen angebracht. So wie die große Sonnenuhr der Frauenkirche in München. Natürlich zeigt diese Sonnenuhr die Tageszeit an. Aber im Laufe des Jahres ändert sich die Länge des Schattens und weist auf das aktuelle Sternbild hin. Von Juli nach Oktober, vom Löwen über die Jungfrau hin zur Waage. Astrologische Symbole gehörten zum Alltag. Deshalb fanden sie auch in und an Kirchen Verwendung. Auch in der Reformation war die Astrologie populär. Die Erneuerer nutzten sie sogar, um sich mit dem Papst anzulegen.
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Mit großem Interesse liest Melanchthon die Berichte des Hofastrologen Kaiser Friedrichs III. Dieser hatte Ende des 15. Jahrhunderts auf eine besondere Konstellation von Saturn und Jupiter hingewiesen. Der Astrologe hatte prophezeit, dass aufgrund dieser Konstellation bald nach 1485 ein geistlicher Mann von großer Heiligkeit geboren werden würde. Dieser Retter, so der Astrologe, würde sich auch durch seine besondere Begabung bei der Auslegung der Heiligen Schrift auszeichnen. Melanchthon ist sich sicher: Damit konnte nur Martin Luther gemeint sein. Der zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit seinen Texten die Kirche herausfordert. Luthers Schriften sind die ersten Texte, die dank der neuen Drucktechnik auch das gemeine Volk erreichen. Es ist seine neue Sicht auf die Kirche, die Luther damit verbreiten lässt. Melanchthon will unbedingt beweisen, dass Luther eben jener Retter aus der astrologischen Prophezeiung ist.
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Das würde Luthers Einfluss weiter stärken. Doch dafür braucht Melanchthon Luthers Geburtsdatum. Zwar war bekannt, dass er im November 1484 geboren wurde. Doch niemand kannte Tag noch Stunde. Aber Melanchthon gibt nicht auf. Von Luthers Mutter erhält er die Daten und lässt von einem Fachkollegen das lang erwartete Horoskop anfertigen. Doch damit gibt es ein unerwartetes Problem. Das Horoskop zeichnet das wenig schmeichelhafte Bild eines verborten Stubenhockers mit Geltungsdrang. Für Melanchthon gibt es dafür nur eine Erklärung: Luthers Mutter muss sich in den Daten geirrt haben. Er gibt ein neues Horoskop in Auftrag. Dieses Mal mit von ihm gezielt geänderten Geburtsdaten. Aus der Geburtsstunde um Mitternacht wird 9 Uhr morgens. Und aus dem 10. November der 22. Oktober. Zu uns komme dein Reich, dein Wille geschehe. Das so berechnete Horoskop passt nun besser zu einem charismatischen Anführer. Melanchthon schrieb dazu:
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"Diese wunderbare Konjunktion im Skorpion kann keinen streitbaren Mann hervorbringen." Doch prompt schlägt Papst Paul III., ein erbitterter Gegner der Reformation, mit den gleichen Waffen zurück. Er lässt ebenfalls Luthers Horoskop erstellen. Auch der Papst lässt die Daten anpassen. Solange, bis sich die Charakterzüge eines Frevlers und Ketzers ergeben. Bis heute herrscht keine Klarheit über Luthers tatsächliches Geburtsdatum. Noch nicht einmal das Jahr seiner Geburt steht fest. Je nachdem, wie man Luther sehen möchte, kann sich jeder seine Fassung zurechtlegen. Auch die Inschrift auf der Grabplatte wurde immer wieder geändert. Mein Geburtstagdatum kenne ich natürlich. Aber ich kenne auch meine Geburtszeit glücklicherweise. Das ist nämlich der zentrale Punkt in der Astrologie. Aus dem Geburtshoroskop unbekannte Talente und schlummernde Potenziale entdecken: Ängste, Begabungen, Defizite, die Vielfalt der Gefühle, Veranlagungen.
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Aber auch Talente und Schwächen. All das ließe sich aus dem Geburtshoroskop ablesen, so die Astrologen. Schauen wir mal. Frau Lechleuthner, wer ist denn Harald Lesch? Astrologisch gesehen ist Harald Lesch ein Löwe. Ist ein Mensch mit Sternzeichen Löwe. Sonne in Löwe ist jemand, der begeisterungsfähig ist. Der Mitreißend ist, der zu tun hat mit Selbstverwirklichung, Selbstbewusstsein: Hier bin ich, das kann ich. Hier findet sich, um es mal breitgefächerter zu sagen, der Universalgelehrte. Das wäre ein Ausdruck aus der alten Zeit. Aber heute sind ja so viele Spezialisierungen. Aber der Jupiter im Schützen ist auf allen Gebieten belehrt. Wenn wir gleich mit dem Aszendenten einsteigen, dann wäre Ihr Horoskop ein Steinbock-Aszendent. Sie hätten einen Steinbock-Aszendent. Aber auf hauchdünnen 0,37 Grad. wenn ich früher geboren worden wäre, dann wäre es besser,
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dann wäre ich mehr Steinbock? Dann wären Sie Schütze. Drei Minuten machen hier etwas aus. Woran liegt das, dass diese Präzision so hoch ist? Es ist doch erstaunlich, der Tag hat 86.400 Sekunden, hat 24 Stunden. Und wie viele drei-Minuten-Skalen da drin sind. Das klingt ja nach einem präzisen Uhrwerk am Himmel. Das ist genau die Beschreibung dafür, es ist ein Uhrwerk. Und das kommt im Horoskop zum Tragen. Da kann eine Minute sogar was ausmachen. Was sind denn so meine mir unbekannten Seiten? Neptun ist der Fische-Planet. Und Neptun steht für Spiritualität, für andere Welten. Zusammengesetzt bedeutet das jetzt: Sonne in acht. Sie machen Dinge sichtbar, die unten liegen. Der Schütze-Aszendent ist ein Suchender, oft ist der Weg das Ziel. Auf dem persönlichen Bereich ist Neptun - Sonne ein fantasievoller Aspekt. Aber manchmal so als Kind auch ein bisschen verunsichert.
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Vielleicht als Kind ein Träumer, jemand, der viel Fantasie hatte. Hier hat man es mit einer sehr empfindsamen Seele zu tun. Die natürlich überdeckt wird durch profiliertes Auftreten. Aber es ist jemand, der auch leicht zu verletzen ist. * Musik * Also Forscher, da hat sie ja recht. Und ein guter Lehrer hoffentlich auch. Aber Empathie, als Kind ein Träumer, sensibel, der Weg ist das Ziel. Das trifft ja für viele Menschen zu. Und das ist genau das Problem. Es ist eben für jeden was dabei. Es ist ein bisschen wie im Zirkus. Der Zirkusdirektor Phineas Taylor Barnum wusste, dass er nur dann erfolgreich sein kann, wenn er jedem Zuschauer etwas bietet. Die Geschmäcker sind nun mal verschieden. Für einige muss es Spannung sein, für andere Spaß. Wenn von allem etwas geboten wird, wird niemand enttäuscht. In der Psychologie wird dieses Phänomen bis heute der "Barnum-Effekt" genannt. In der Astrologie bedeutet das:
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Aus einem vielseitigen Horoskop bezieht jeder das auf sich, was er selbst passend findet. In meinem Horoskop heißt es, dass ein Tierkreiszeichen so stark betont ist, dass dessen Qualitäten meine Persönlichkeit maßgeblich prägen würden. Und das wäre der Löwe. Nicht schlecht, der Löwe gilt als optimistisch, selbstbewusst und gutherzig. Nur aus astronomischer Sicht muss ich sagen: Ich bin gar kein Löwe. Die Deutung mag ja stimmen. Aber was nicht stimmt, ist die Beziehung zum Sternzeichen. Die Rotationsachse der Erde ist um 23,5 Grad geneigt. Und diese geneigte Rotationsachse kreiselt in 26.000 Jahren einmal um sich herum. Das heißt, seitdem die heute noch gültigen astrologischen Regeln vor über 2000 Jahren aufgestellt wurden, haben sich die astrologischen Sternzeichen und die Sternbilder am Himmel um eine Position verschoben. Zum Beispiel aus meinem dominanten Tierkreiszeichen Löwe
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ist jetzt der Krebs geworden. Und wer heute unter dem Sternzeichen der Fische lebt, der ist nicht unter den Fischen, sondern unter dem Wassermann geboren. Die Astrologen entgegnen dann zumeist: Sie würden ein ganz anderes System verwenden. Und ihnen ginge es vor allem um die symbolische Bedeutung des Ortes am Himmel. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es aber noch was anderes, was gegen die Astrologie spricht. Die Sterne sind hunderte Lichtjahre voneinander entfernt. Und nur von der Erde aus stehen sie zufällig in der gleichen Himmelsgegend. Und nur von der Erdperspektive aus ergibt sich eine Konstellation wie zum Beispiel der Große Wagen. Ändert man die Perspektive ein wenig, dann verschwindet das Sternbild. Mit anderen Worten: Es ist gar keine Konstellation. Von diesen Entfernungen und den Verschiebungen der Tierkreiszeichen wusste man im 17. Jahrhundert noch nichts. Damals gingen Astronomie und Astrologie noch Hand und Hand. Selbst die besten, scharf denkenden Astronomen
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waren zugleich Astrologen. Einer von ihnen entdeckte allerdings in der Astrologie etwas, das bis heute Gültigkeit hat: die Psychologie. Das 17. Jahrhundert war eine Zeit, die von religiösen Fanatikern und ehrgeizigen Herrschern geprägt wurde. Der Dreißigjährige Krieg brachte endloses Leid über ganz Europa. In dieser Zeit lebt das Universalgenie Johannes Kepler. Er ist Naturphilosoph, Mathematiker, Astronom, Theologe und Astrologe. Neben seinen bis heute gültigen Berechnungen des Umlaufs der Planeten um die Sonne fertigt er auch mehr als 800 Horoskope an. Doch auch wenn Kepler noch an eine göttliche Harmonie im Universum glaubt. Und keinen Widerspruch zur astrologischen Interpretation der Himmelszeichen sieht: Die Astrologie des "gemeinen Mannes" mit ihrer persönlichen Zukunftsschau verachtet er. Anderseits leidet er an chronischer Geldnot. Und so nimmt er den Auftrag eines betuchten Klienten an,
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der zunächst anonym bleiben will. Dieser Klient ist ein wahrer Astrologie-Fanatiker. Er schickt Kepler Anmerkungen zu seinen Horoskopen zurück. Und benennt all die Dinge, die entgegen der Prognosen nicht eingetroffen sind. Kepler muss sich geirrt haben, so seine Überzeugung. Kepler ärgern die profanen Anmerkungen. Weil er aber das Geld braucht, findet er in der Folge neue Formulierungen und drückt die Daumen. Der Klient entpuppt sich als Albrecht von Wallenstein. Später der Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee im Heiligen Römischen Reich. Als schließlich viele von Keplers Prophezeiungen eintreffen, lässt der Feldherr die Horoskope seiner Gegner berechnen. Verschiebt Schlachten, plant Eroberungen und fühlt sich unbesiegbar. In seinem neuen Palast in Prag lässt Wallenstein ein riesiges Fresko anbringen. Das den Kriegsgott Mars bei seinem triumphalen Himmelsritt zeigt. Jeder wusste, wen Wallenstein damit meint.
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Doch als der erfolgsverwöhnte Wallenstein im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges immer mehr Verluste hinnehmen muss, will er von Kepler eine Erklärung. Und verlässliche Prognosen für die Zukunft. Kepler kann diese nicht liefern und kündigt seine Dienste. Doch mit einem frühen Wallenstein-Horoskop sollte er recht behalten. Es enthält eine Warnung vor dem Jahr 1634. Und tatsächlich wird es Wallensteins Schicksalsjahr. Gnade! Wird nicht gegeben! Zu diesem Zeitpunkt war Kepler bereits vier Jahre tot. An seiner Einstellung zur Astrologie hätte das aber vermutlich nichts geändert. Einerseits glaubte Kepler an den Einfluss der Sterne auf den Menschen. Denn der Kosmos besaß für ihn eine andere, eine göttliche Qualität. Andererseits aber deutet sich in Kepler bereits die Trennung von Astrologie und Astronomie an. Denn Kepler war ein objektiver Wissenschaftler. Der auf die Fragen Wallensteins nach dessen Zukunft und Schicksal
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im Jahre 1608 in einem Brief mit den mutigen Worten antwortete: "Wer darauf aus ist, aus der Gestirnung bestimmte Ereignisse und Schicksale abzuleiten, der ist wahrlich noch nie recht in die Schule gegangen." "Und hat das Licht der Vernunft, das Gott ihm angezündet, noch nie recht geputzt." "Wenn das Raten auf Ja und Nein gerichtet ist, so trifft man allerwegen ungefähr zur Hälfte und irrt zur Hälfte." "Das Zutreffende behält man im Gedächtnis." "Vergisst aber das Verfehlen, weil das nichts besonderes ist." "Und so bleibt der Astrologus in Ehren." Das Erstaunliche ist: Diese 400 Jahre alte und treffende Erkenntnis ist immer noch aktuell. Aber warum? Man weiß doch, dass die Astrologie Psychologie ist. Trotzdem sind bis heute viele Menschen von der Astrologie, sogar von den oberflächlichsten Zeitungshoroskopen fasziniert. Für einen Astrologen sind Zeitungshoroskope ja eher Unfug. Aber es ist nun mal das, was uns tagtäglich begegnet.
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Auch wenn es kein Geheimnis ist, dass es sich dabei um Satzbausteine handelt, die ein Computer bunt zusammenwürfelt. Keine andere Rubrik hat sich so lange so erfolgreich in den Zeitungen gehalten. Wissenschaftlich ist es die Astronomie, die seit der Zeit der Aufklärung für die Erscheinungen am Himmel zuständig ist. Astronomen, die deuten ja nicht, die beobachten und rechnen. Und rechnerisch beweisen lassen sich die Horoskope und die Astrologie ja nicht. Und wer offen zugibt, die Sterne um Rat zu befragen, der erntet schon mal ein stirnrunzelndes "interessant". Oder wird mitleidig belächelt. Das heißt aber nicht, dass der Glaube an die Kraft im Kosmos verschwunden ist, ganz im Gegenteil. Die Faszination für den Einfluss der Sterne bemerkt man an Kleinigkeiten: Der Walk of Fame für die "Stars" in Hollywood, die Sterne auf dem Trikot der Nationalmannschaft, unendlich viele Popsongs.
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Einer davon klingt wie eine Hymne auf ein Sternzeichen. "Aquarius, Aquarius." Es geht um "Aquarius", das Zeichen des Wassermanns. Das Lied bezieht sich auf den Glauben der New-Age-Anhänger. Die Welt sei Mitte des letzten Jahrhunderts in ein neues kosmisches Zeitalter getreten: Das Zeitalter des Wassermanns. An die Kraft der Sterne zu glauben fällt nicht schwer. Dafür reicht ein Blick in den Nachthimmel. Und wohl deshalb ist die Astrologie bis heute nicht verschwunden. Weil aber der Leitsatz der Astrologie "wie im Himmel, so auf Erden" wissenschaftlich nicht haltbar ist, polarisiert die Astrologie heute mehr denn je. Einerseits leben wir in aufgeklärten Zeiten, in der Wissenschaft und Vernunft unser Leben bestimmen. Andererseits aber bleiben die großen Fragen: Woher kommen wir, wohin gehen wir, und was soll das alles? Ehrlicherweise müssen wir sagen, dass die Wissenschaften uns da auch keine Antworten liefern.
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Da wir Menschen niemals aufhören werden, diese Frage zu stellen, wird die Astrologie für viele für immer ihre Bedeutung behalten. Nicht als Wissenschaft, aber als eine Disziplin, die einigen von uns einen Platz im endlosen Kosmos schenkt. Untertitel im Auftrag des ZDF, 2019

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