Dupré Digital: Dupré – der Impressionist (Episode 1– Subtitles in English, French and German)

Dupré Digital: Dupré – der Impressionist (Episode 1– Subtitles in English, French and German)

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Language: German

Type: Human

Number of phrases: 176

Number of words: 1910

Number of symbols: 9888

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Er ist eine große Persönlichkeit,  die gesammelt hat, was vor ihm war  und es der nächsten Generation weitergab. Man darf nicht vergessen, dass er zwei Kriege erlebt hat. Das ist für die Karriere und für das Leben ein schwerer Einschnitt. Es gibt dieses Video, in dem er improvisiert.  Darin ist er schon alt, hat ganz weiße  Haare, und freut sich wie ein Kind   „Oh, ich improvisiere eine Doppelfuge.“ Dabei wirkt er zufrieden.  Das finde ich toll! Obwohl er diese schrecklichen Kriege erlebt hat bewahrt er sich seine Freude am Leben. Und das ist schön Dürfte ich Sie, bevor Sie beginnen, fragen, in welcher musikalischen Form Sie improvisieren wollen? Lassen Sie mich eine Minute nachdenken, vielleicht auch weniger als eine Minute… Ich werde eine Doppel-Fuge machen. Ich bewundere, wie man das nach nicht mal einer Minute wissen kann. Ich lasse Sie nun, mein lieber Meister. Heute vor 50 Jahren am 30. Mai 1971 starb Marcel Dupré.  Er war Komponist, Konzertorganist, Liedkomponist,  Kirchenmusiker, Pädagoge, Improvisator,  
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Ehemann, Vater und Großvater. Ich bin Tobias Frank und möchte   mit Ihnen in den kommenden Monaten den  musikalischen Kosmos Duprés entdecken.  Ich möchte Sie neugierig und vertraut machen mit einem Komponisten, der heute eigentlich nur noch von Organisten geschätzt wird. Viele Werke Duprés sind bis  heute unveröffentlicht. Einige davon möchte ich Ihnen in diesem Projekt vorstellen. Sie eröffnen Ihnen eine überraschende stilistische Bandbreite Duprés. Mein Dank gilt an dieser Stelle Alice Szebrat, der Enkelin des Komponisten,  die mich bei meiner Recherche unterstützt hat.  Dupré digital bringt Ihnen Musik nahe, die  zum Teil noch nie zuvor aufgeführt wurde.  Interviews mit prominenten Gesprächspartnern  und Zeitzeugen bringen Überraschendes über den   Musiker und Menschen Dupré zu Tage und  betrachten ihn im zeitlichen Kontext.  Das Mammutprojekt wäre ohne Unterstützung  zahlreicher Ehrenamtlicher nicht möglich.  Ihnen gilt mein besonderer Dank  ebenso, wie den Sponsoren und Akteuren,   die mit ihrem Namen für Dupré Digital stehen. Einen Überblick über die Komplexität des Projektes  
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verschaffen Sie sich am besten auf unserer  dreisprachigen Website www.dupre-digital.org  Heute und in der nächsten Episode widmen wir  uns Dupré als Impressionist und Chorkomponist. Dupré entstammt einem  humanistisch gebildeten Haushalt.  In seinem Elternhaus in Rouen stand  eine Büste von Pierre Corneille.  Das deutsche Pendant wäre  vermutlich eine Goethe-Büste.  Durch diese Vorbildung und seine musikalische Begabung verfügte er über ein sensibles Gespür für Sprache und Musik. 1913 schrieb er seinen "Danse orientale".  Zu dieser Zeit studierte er in der Kompositionsklasse von Charles-Marie Widor.  Wie es dort zuging ist Thema der nächsten Episode. Grundlage für das in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche Musikstück,  ist das Gedicht "Les Bayadères", das von einer Tempeltänzerin,  einer Biene und einer pikanten Enthüllung handelt.  Orientalismus stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa und insbesondere in Frankreich hoch im Kurs.  Die Vorstellung des Orients beeinflusste viele  Maler und Dichter zu romantisierenden Werken.
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Verfasser des Textes ist Jean Lahors, der mit bürgerlichem Namen Henri Cazalis hieß. Viele seiner Libretti wurden vertont,   unter anderem von Camille Saint-Saëns in dessen "Danse macabre". Über die Texte der Chorstücke habe ich mich mit dem Romanistikprofessor  Dr. Albert Gier in Heidelberg unterhalten. Er verrät uns mehr über den Inhalt von "Danse Orientale": Es geht um Tempeltänzerinnen, die ihren Tanz vorführen.  Es kommt eine Biene, die gerät – wie auch immer – in den Busen einer Tänzerin.  Die erschrickt natürlich, denn das Tier kann ja auch stechen.  Bei dem Versuch die Biene loszuwerden, entblößt  sie sich und zeigt etwas mehr Haut als sonst.  Als sie bemerkt, dass es doch nicht gefährlich  wird, lacht sie und findet das komisch.  Sie beruhigt sich und bedeckt ihren Busen wieder. Die Zuschauer werden das sicher zu schätzen  
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gewusst haben, wenn man sich diese Situation real vorstellt. Europa befand sich zur Entstehungszeit des Gedichtes   im wirtschaftlichen Umbruch und das  Leben der Menschen nahm an Tempo zu.  Die Bilder, die die Maler aus dem Orient mitbrachten, vermittelten den Eindruck von Genuss- und Lebensfreude und wirkten wie ein Gegenentwurf zur Hektik Europas.  Die Harems- und Badehausszenen transportierten ein Bild der   Entspannung gepaart mit einem Hauch Erotik. Diese erotische Komponente bedient das Gedicht Les Bayadères von Cazalis auf voyeuristisch eindeutige Weise.  Besondere Aufmerksamkeit kommt dem Fuß zu, an dem ein kleines Glöckchen hängt: Gerade wenn die Damen tanzen, fliegen die Röcke ein bisschen. Der Fuß, zwar vom Schuh bedeckt, ist so ziemlich das Einzige,   was man vom Körper überhaupt zu Sehen bekam.  Eine Neigung zum Fußfetischismus war damals ziemlich ausgeprägt,  die nach 1918 keine Rolle mehr spielte, denn ab da gab es dann genug zu sehen, 
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von Körperteilen die vielleicht auch interessanter sind. Wie es ein derartiger Text in den Unterrichtskanon am ehrwürdigen Pariser  Konservatorium schaffte, davon weiß Prof. Rouger zu berichten: In Frankreich war das Konservatorium immer in der Opposition.  Es gab 60 Millionen Einwohner und es gab  gewissermaßen 60 Millionen politische Parteien.  Die katholische Kirche war sehr stark und  im Konservatorium hatte man die Chance,   weltliche Musik schreiben zu dürfen. Natürlich hat man die alten Meister wie   Palestrina gesungen, aber man hat als Gegenpol  viel weltliche Musik gemacht, weil man durch die   Kirchen sowieso viel Kirchenmusik machen musste. Das Konservatorium grenzte sich davon ab. Ich dachte mir, dass so ein Text im  katholischen Frankreich nicht so gut ankam.  Jedoch schien die damalige Gesellschaft  aufgeschlossener zu sein, als ich es vermutete: Die Frage ist, ob sich die Leute solche Bilder, die Haremsszenen mit nackten Odalisken zeigen, ins Wohnzimmer oder eher ins Arbeitskabinett gehängt haben,
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wo es nicht jeder zu sehen bekam. Man darf auch den Katholizismus nicht überbewerten. Es gibt beispielsweise den einflussreichen Literaturkritiker Brunetière, der ganz offen sagte, ‚ich bin nicht gläubig,  aber ich gehe trotzdem in die Kirche, und zwar wegen der sozialen Funktion.  Und wir müssen auch an der Institution Kirche festhalten,  weil das beispielsweise auch ein Mittel ist,   Teile des Proletariats zu disziplinieren‘. Das hat er vor 1914 ziemlich offen geschrieben. Es gab eine Strömung in der Gesellschaft, die mehr davon wollte.  Carmen von Bizet war zwar viel früher, aber  die Erotik war damals schon ein Skandal.  Und dieser Aspekt des Gefährlichen bzw. Verbotenen reizte die Leute.  Im Alltag durfte einem sowas zwar nicht passieren, 
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aber als Darstellung in der Musik oder in der Kunst war das in Ordnung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das ganz normal. Weil's ein unbekannter Name geworden ist, sagt man ‚interessiert mich nicht‘.  Dafür macht man lieber zum hunderttausendsten Mal ‚Die Zueignung‘ von Richard Strauss,   die ein großartiges Lied ist, aber man macht auch schwächere   Lieder von Richard Strauss, weil sie von Richard Strauss sind.  Und das ist schade, und so ergeht  es auch einem Komponisten wie Dupré.  Ich finde, es sollten sich alle beteiligen,    solche Leute wieder lebendig zu machen, denn oft sind besten Sachen dieser Komponisten viel,  viel besser als die schwächsten von den Berühmten.  Die werden aber unentwegt aufgeführt, weil sie eben Beethoven oder Strauss heißen. Dupré ist zwar weit davon entfernt,  als vergessener Komponist zu gelten.  Aber für Teile seines Schaffens trifft das durchaus zu. Dass das Frühwerk Duprés größtenteils im  Dunkeln liegt, liegt auch an Dupré selbst. 
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Denn sein Hauptinteresse galt  ab den 1920er Jahren der Orgel.  Als Komponist und Interpret wollte er die  Orgel zu einem Mainstream-Instrument machen.  Mit Erfolg! Tausende füllten  die Konzertsäle der Welt um   seine vielbewunderte Virtuosität zu erleben. Die Virtuosität ist ganz wichtig.  Messiaen sagte: "Dupré war der Liszt der Orgel". Das ist doch ein sehr schönes Kompliment! Dupré selbst bezeichnete seine frühen  Werke einmal als „Jugendsünden“.  Aber sind sie das wirklich? Immerhin entstanden Sie zu einer Zeit,  als seine ersten Stücke bereits im Druck erschienen waren  und er mit seinen "Trois Preludes et  Fugues op. 7" erste Aufmerksamkeit erregte.  Besagtes Opus 7 zählt heute zu den  berühmtesten Werken des Komponisten  und galt aufgrund der völlig neuartigen  technischen Anforderungen für die damalige  Zeit als revolutionär und unspielbar. Natürlich atmen die Chorstücke  den Geist ihrer Entstehungszeit,  verfolgen aber trotzdem einen neuartigen Ansatz:
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Man spürt, dass er der traditionellen Schule treu bleiben will.  Aber trotzdem gibt es einen innovativen Ansatz. Er war komischerweise sehr kontrapunktisch orientiert.  Die Harmonien sind sehr schön  und erinnern an Paul Dukas.  Man spürt, dass er die Tradition respektiert,  wodurch manches ein wenig steif wirkt.  Und ich finde das auch wichtig für die neue  Generation, die etwas Neues komponieren möchte.  Sie können die alte Tradition als Inspirationsquelle nutzen.  Einmal kam ein Student in die Klasse von Olivier Messiaen  und sagte, er wolle unbedingt mit ihm studieren. (Messiaen) „Kennen Sie die Bach-Choräle?“  (Student) „Nein.“ (Messiaen) „Dann kann ich nichts für Sie tun. Tschüß“ und hat den Typ sofort rausgeschmissen. 
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Es war für Messiaen undenkbar, Neue Musik  zu schreiben, ohne die alte zu kennen.  Ich finde diese Haltung gut,  wenn man kennt was vorher war. Das Thema Kontrapunkt wird  uns immer wieder begegnen,  denn es war auch Duprés Ziel, alte  Formen mit neuem Leben zu füllen.  Doch das ist ein anderes Kapitel. Mit "La Source" schuf Dupré ein Chorstück mit einem  völlig anderen Charakter als "Danse orientale". Während er im "Danse Orientale" beinahe jeder  Textzeile eine andere Dramatik verlieh,   durchzieht "La Source" ein eher einheitlicher Affekt. Charles Leconte de Lisle, ein  bedeutender Vertreter der Parnassiens,   ist der Autor des Textes. Die Parnassiens sind eine   französische Dichtergruppe in der  2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.  Ihre Werke zeichnen sich durch  Formstrenge und emotionale Distanz aus. So passt Dupré den Affekt der  Musik der textlichen Vorlage an.  Das Gedicht handelt von unberührter Natur,  in der Menschen keine Rolle spielen. 
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Es gibt eine ganze Reihe von Wörtern und Wendungen  die diese Ruhe betonen: behäbige Hirsche, Bienen, die die Eichen umfliegen, Faune, die unter dem Schirm der Blätter schlafen. Das ganze Gedicht, sowie die deutsche   und englische Übersetzung finden  Sie übrigens auf unserer Website. Es ist eine Szene,  in der es keine Bewegung gibt.  Ein Bild der Ruhe und des Friedens.  Und in diesem Zusammenhang passt es auch, dass  die Musik einen einheitlichen Affekt verfolgt. Ich finde das ist eine tolle, sehr schöne Musik.  Sie gehört zur französischen Musiktradition  zu Beginn des 20. Jahrhunderts.  Ich finde das wunderschön. Ich bin Ihnen dankbar, dass  Sie das ausgegraben haben.  Das hätten wir Franzosen machen müssen. Aber egal.  Die Musik ist sehr inspirierend und Dupré hat das perfekt gebastelt, wenn man das so sagen kann. Das ist eine gute Entdeckung. Episode 2 ist ab 13. Juni 2021 online.

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