Abstieg in eine Parallelwelt unter der Erde | Heimatflimmern | WDR

Abstieg in eine Parallelwelt unter der Erde | Heimatflimmern | WDR

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Language: German

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Es gibt Orte in unserem Land, von denen nur Eingeweihte wissen, wo sie zu finden sind. Nur Wenige kennen die Zugänge. Diese geheime Welt zwischen Sauerland und Eifel misst viele Tausend Kilometer. Eine magische und schroffe Welt. Die letzten großen Abenteuer, sie liegen tief unter unseren Füßen. Wir begeben uns auf eine Expedition zu versunkenen Meeren und antiken Stätten. Wir steigen hinab in den Bauch der Berge und runter in das Reich der Schatten. Wir öffnen die Tore zum geheimen Leben unter unseren Städten und tauchen ein in eine fantastische Welt, wie sie bislang nur wenige erlebt haben. Untertitel: WDR mediagroup digital GmbH im Auftrag des WDR * Musik * Eine Gruppe von Abenteurern zieht es in die Tiefe. Sie scheuen weder Weg noch Aufwand,
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um an den unwahrscheinlichsten Plätzen zu tauchen. Bis 1957 wurde in dieser Grube bei Porta Westfalica Eisenerz abgebaut. Heute ist sie ein Besucherbergwerk. Einmal im Monat öffnet es seine Pforten für einen außergewöhnlichen Tauchgang. Mit der Grubenbahn geht es tief in den Berg, hinein in die Geschichte des Erzbergbaus. Ehemalige Bergleute erzählen heute noch von der Knochenarbeit des Steinebrechens, vom Höllenlärm der Maschinen und dem schweren Steinstaub. 100 Jahre lang wurde hier Erz abgebaut. Bis auf 200 m Tiefe räumten die Kumpel gewaltige Kammern aus, jede 12 m hoch und 600 m lang. Zurück blieben die mächtigen Säulen, die den Berg darüber tragen, ein gigantisches Höhlensystem. Ab der Endstation geht es nur noch zu Fuß weiter, noch einmal beschwerliche 150 m abwärts bis zur Einstiegsstelle. Nur ausgebildete Höhlentaucher dürfen hier ins Wasser.
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Uli Kunz hat schon im Eis der Arktis getaucht. Dennoch sind heute die 8° Wassertemperatur auch für ihn eine Herausforderung. Die Tauchstrecke muss gut vorbereitet sein. Wir tauchen dahinten durch, um den Pfeiler rum, wieder zurück, dann ins Tiefere, okay? Los gehts. Unter Wasser erwartet die Taucher ein Labyrinth von Kammern und Gängen. Nur ein Teil der stillgelegten Erzgrube ist zugänglich. Für den Rest gilt: Betauchen strengstens verboten. Seit den 60er-Jahren hat sich der untere Teil des Bergwerkes mit Millionen Litern Grundwasser gefüllt. Die Taucher müssen sich sehr vorsichtig bewegen, damit sie auf dem Grund den feinen Sand nicht aufwirbeln. Nur eine kleine, unbedachte Bewegung, und die Sicht ist binnen Sekunden gleich Null. Die Taucher erleben hier Sichtweiten, wie sie sonst nur im Roten Meer oder der Karibik vorkommen. Doch statt bunter Fische: Spuren der Vergangenheit. Es sind auf jeden Fall noch Überreste von der Bergbauzeit.
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Ich weiß nicht genau, wann das hier versunken ist. Da sind noch Spuren von dem Bergbau zu finden. Das macht Spaß, sich zu überlegen, was die vor 20, 30, 40 Jahren hier getrieben haben. "Blaue Lagune" wird der Tauchplatz genannt. Doch erst im Licht erscheint sie als märchenhafte Grotte. * Musik * Bei den großen Sichtweiten stellt sich kaum ein Gefühl der Enge ein. Unerfahrene Taucher könnte das dazu verführen, die Gefahr zu unterschätzen. Das Schwierige am Höhlen- oder Bergwerkstauchen ist, dass du eine Decke über dem Kopf hast. Du kannst an vielen Stellen nicht direkt nach oben zur Wasseroberfläche aufsteigen. Manche Leute kriegen da klaustrophobische Zustände. Du hast ein azurblaues Wasser, wunderschöne Sichtweiten, riesige Säulen da drin, riesige Räume und Hallen. Das hast du in Deutschland ganz selten. Es gibt nur wenige Orte, wo du solche gewaltigen Hallen hast. Das Wasser unter den Bergen.
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Es speist im Sauerland Flüsse und Seen. Schon vor über 300 Mio. Jahren, lange bevor diese Wälder wuchsen, gab es hier Wasser. Im Sauerland brandete einst ein Urmeer über ein tropisches Korallenriff. Das Meer ist längst verschwunden, das Korallenriff ist immer noch da und ein Besuchermagnet. * Musik * Eine Ewigkeit lang lag die Atta-Höhle in stiller Finsternis, bis Steinbrucharbeiter im Jahre 1907 durch einen Zufall auf die Höhle stießen. Eines der größten Naturwunder der Erde. Über 150.000 Menschen bestaunen Jahr für Jahr diese faszinierende bis gespenstische Tropfsteinwelt. * Musik * Erst wenn es still wird, kann man der Zeit bei der Arbeit zuhören. Die Tropfen erzählen vom langen Weg von der Erdoberfläche hinab ins Korallenriff. Jeder Tropfen höhlt den Stein
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und baut zugleich an einer neuen, märchenhaften Welt. * Musik * Kaum zu glauben, aber aus Spurenelementen von Dreck entsteht ein fantastischer Palast tief unter der Erde. Die Tropfen weben die feinsten Stoffe. An nur einem einzigen Millimeter bauen sie 10 Jahre lang. Ein Menschenleben misst hier nicht einmal 1 cm. Nur ein Teil dieser Märchenwelt ist allgemein zugänglich. Unbedachtheit und Vandalismus bedrohen diese verletzliche Welt. In Iserlohn muss der Zugang zur Unterwelt geheim bleiben, auch weil die Begehung Gefahren birgt. Wir haben hier Schächte bis zu 30, 40 m Tiefe. Wenn da unbedarfte Leute einsteigen würden, die würden schwer verunglücken, wenn man sich nicht auskennt. Deswegen schützen wir auch den Menschen vor der Höhle. Andererseits möchten wir auch die Höhle vor den Menschen schützen.
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Hier unten liegt eine der bedeutendsten Großhöhlen NRWs. Die Hüttenbläserschachthöhle, eine geologische Schatzkammer. Bisher haben nur wenige sie zu sehen bekommen. Nur erfahrene Höhlenforscher meistern die Risiken und Strapazen, die nun vor ihnen liegen werden. Es ist gefährlich. Es ist schon gefährlich, wenn man nur sich einen Knöchel verstaucht oder so was. Die Teamarbeit ist wichtig, weil du hast 3 Personen, die man braucht. Man muss sich auf jeden verlassen können. Die Hüttenbläserschachthöhle ist eine naturbelassene Höhle. D.h. es gibt keine Wege, keine Stufen. Es braucht körperliche Fitness und Gelenkigkeit, v.a. aber bergsteigerische Fähigkeiten. Jeder Tritt und jeder Halt will hier bedacht sein. Dabei geht es nicht nur um den Schutz der Tropfsteine, sondern auch um die eigene Sicherheit. Viele Höhlen sind labyrinthartig, auch der Hüttenbläser. Da kann man sich auch als erfahrener Höhlenforscher verlaufen.
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Entsprechend vorsichtig sollte man schon vorgehen. Weil eine Höhle, die ich vorwärts begehe, sieht auf dem Rückweg ganz anders aus. Die Höhle liegt mitten unter einem dichtbesiedelten Gebiet. Ein weitverzweigtes Geäst von Gängen, Schächten und Hallen über mehrere Etagen. Unsere Expedition folgt der rot markierten Route bis zum "Ballsaal". Nur 5 km Höhle sind bisher vermessen. Was man nicht kennt, was hinter dem Schwarzen liegt, das will man erforschen. Das ist ein gewisses Abenteuer, wenn man durch enge Löcher in den Berg kriecht und nicht weiß, was einen erwartet. Es ist ja nicht mit einem Sonntagsspaziergang vergleichbar. Die Expedition ins Erdreich ist ein ständiges, kräftezehrendes Auf und Ab bei frostigen 9°. Oft geht es nur auf allen Vieren voran. "Briefschlitz" nennen die Höhlenforscher diese Passage. Platzangst sollte man hier nicht haben. Es braucht starke Nerven, und auch die Knie werden nicht geschont.
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Höhlenforscher sind engagierte Amateure. Ihrer Leidenschaft gehen sie in der Freizeit nach, mit Genehmigung der Naturschutzbehörden. Ihnen ist auch die Entdeckung des Hüttenbläsers zu verdanken. Ein unerklärlich warmer Luftzug mitten im Winter verriet die Höhle. Kein technisches Gerät hätte sie aufspüren können, allein Intuition und Erfahrung und der Wille, Neuland zu entdecken. Auch die Bislicher Insel bei Xanten birgt Überraschungen. Sie ist eine der größten Auenlandschaften am Niederrhein und ein einzigartiges Vogelschutzgebiet. Altrheinarme und ehemalige Kiesgruben haben hier eine Flusslandschaft geschaffen. So wie es sie vielleicht schon vor 2.000 Jahren gab, vor den Mauern des damaligen römischen Legionslagers. Doch unter dem Vogelparadies, in 900 m Tiefe, liegt ein schneeweißer Gletscher aus Salz, aus dem jeden Tag 10.000 t herausgebrochen werden. Der Zugang zu dem gigantischen Salzlager
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liegt 6 km Luftlinie entfernt in Borth bei Rheinberg. Antje Bräunig rast ihrem Arbeitsplatz mit 12 m/s entgegen. Kaugummikauen hält dabei die Ohren offen. 150 Bergleute arbeiten hier unter Tage. Meistens begegnen sie sich nur im Förderkorb. Das Bergwerk hat eine Fläche von 40 qkm. Da trifft man sich eher gelegentlich. Hier unten arbeiten überwiegend Mechaniker und Maschinenführer. Ohne Auto geht hier unten nichts. Das Bergwerk hat einen stattlichen Fuhrpark, der Geländewagen ist da noch das kleinste Gerät. Antje Bräunig arbeitet direkt unter der Bislicher Insel. 20 min braucht sie im Jeep für die 14-km-Strecke. Es ist eine Fahrt wie durch eine nächtliche Schneelandschaft, allerdings bei 30° und staubtrockenem Klima. * Musik * Antje Bräunig ist von Beruf Markscheiderin, Vermessungsingenieurin. Sie kennt sich mittlerweile aus in diesem riesigen Labyrinth.
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Als ich hier angefangen habe, war das sehr eindrucksvoll. Aber mit der Zeit hat sich das schnell gefunden, und ich konnte mich gut orientieren unter Tage. * Musik * Was die Lader auf die Schaufel nehmen, ist die Hinterlassenschaft grauer Vorzeit. Vor 250 Mio. Jahren verdampfte hier ein ganzes Meer unter Sonne. Zurück blieb eine mächtige Salzlagerstätte. Sie liegt unter dem Städtedreieck Xanten, Wesel und Rheinberg, in einer Tiefe zwischen 700 und 900 m. Seit 1926 wächst hier unten das Netz von schnurgeraden Transportwegen und leergeräumten Salzkammern. Jede bis zu 600 m lang und 20 m breit. Eine Planstadt aus Aberhunderten leerer Hallen und Bunker. Inzwischen ist sie unter der Bislicher Insel angekommen. Von hier aus werden neue Kammern erschlossen, mit genug Salz für die nächsten 25 Jahre. Einmal die Woche legt Antje Bräunig die Richtung des weiteren Vortriebs fest.
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Die Markscheiderin "hängt die Stunde". Ein Ausdruck aus frühen Bergmannstagen, als die Himmelsrichtung nach der Uhrzeigerrichtung ausgerufen wurde. Heute peilt der Laser digital und lautlos. Antje Bräunig mag diese Stunde unter Tage. Ich genieße den Moment der Stille. Es klingelt kein Telefon, keine E-Mail kommt an. Man kann seine Arbeit machen. Nach Schichtende wird es dann richtig laut. Wenn alle Bergleute das Revier verlassen haben, rücken die Sprengmeister an. 60 Zündlöcher bohrt der Meißel für den Sprengstoff 7 m tief in die Ortsbrust. * Musik * Dann wird gesprengt. 20 t Salz packt eine einzige Schaufel. Der Lader selbst hat das Gewicht eines Kampfpanzers. Das Salz unter dem Niederrhein ist ein Glücksfall. Es ist so rein, dass man es direkt aufs Frühstücksei streuen könnte. Doch es wird auch in der chemischen Industrie gebraucht, für Medikamente, Kosmetik, Reinigungsmittel.
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1/3 landet im Winter als Streugut auf unseren Straßen. Die Eifel, das Quellgebiet vieler Bäche und Flüsse und einer der größten Trinkwasserspeicher NRWs. Das klare Eifelwasser war schon in der Antike so begehrt, dass es die Römer quellfrisch genießen wollten. Und sie scheuten keine Mühe, es dafür selbst aus weiter Ferne heranzuschaffen. Vor 2.000 Jahren trank aus diesem Quellbecken eine ganze Stadt. Dafür errichteten die Römer das größte Bauwerk der Antike nördlich der Alpen. Mit einer unterirdischen Gefälleleitung führten sie das Wasser von der Quelle in die Rheinebene. Luftlinie wären es wenig mehr als 50 km. Doch sie wählten einen 40 km langen Umweg. Denn hinter Wachtberg lag die einzig mögliche Stelle, um das Vorgebirge zu überwinden und nach Köln zu kommen. Eine ingenieurstechnische Meisterleistung. * Musik * Doch wie gelang es den Römern, das Gefälle der Leitung
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über 95 km hinweg so präzise zu berechnen? Fast 40 Jahre hat Professor Klaus Grewe dieses Rätsel beschäftigt, und vermutlich konnte es nur ein Vermessungsingenieur lösen. Man muss sich in ein solches Bauwerk auch als Ingenieur hineindenken. Man muss den Gedankengang rekonstruieren, den der antike Ingenieur hatte. Dafür ließ Grewe das römische Vermessungsinstrument nach antiken Beschreibungen nachbauen. Ein 6 m langes Holzgestell, das durch 2 Lote genau waagerecht ausgerichtet wird. An den dafür eingeschlagenen Pflöcken lassen sich die Höhenunterschiede des Geländes ablesen. Und damit selbst über lange Distanzen präzise berechnen. Darin liegt die Genialität, dass ich mit einem einfachen Gerät solche Supergenauigkeiten erzielen konnte. Um das Jahr 80 n. Chr. wurde hier mit dem Bau begonnen. Nach nur 5 Jahren Bauzeit erreichte das Eifelwasser Köln. Ohne die Hilfe eines einzigen Pump- oder Hebewerks
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wurde es allein durch das perfekt kalkulierte Gefälle angetrieben. Es ist faszinierend. Eine Gefälleleitung funktioniert so, dass, wenn man in das fertiggewordene Bauwerk eine Kegelkugel hineinwerfen würde, die mit eigener Kraft von der Quelle über 95 km bis nach Köln laufen würde. Einige Passagen des Aquädukts sind noch begehbar, ein Großteil liegt verschüttet oder ist einsturzgefährdet. Die verschwundenen Teile rekonstruiert der Computer. An anderen Stellen war der Zufall behilflich. Auf der Suche nach Wasser für die Dörfer wurden bei Mechernich die Fundamente eines römischen Brunnenhauses entdeckt. Die Leitung wurde von 20 Bauunternehmen unabhängig voneinander errichtet. Heute kaum vorstellbar. Alle Bauabschnitte fügen sich perfekt aneinander. Der Klausbrunnen bei Mechernich zeigt die Präzision der römischen Tiefbauer. Das Quellbecken, die ankommende und die abgehende Leitung waren im Voraus berechnet. Doch sie trafen hier passgenau aufeinander.
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Gut so? - Ja. Rund 180 Jahre lang war die Wasserleitung in Betrieb. Erst mit dem Niedergang des Römischen Imperiums am Rhein verfiel sie und geriet in Vergessenheit. Wo die Menschen des Mittealters auf die unterirdische Röhre stießen, muss sie ihnen unheimlich erschienen sein. Ein schnurgerader Gang, der aus dem Nichts kam und auch ins schwarze Nichts führte. Wenn ein Bauer beim Pflügen, selbst vor 100 Jahren noch, mit dem Pflug die Wasserleitung aufriss im Boden und da ein Loch entdeckte, und dieses Loch ging nach rechts und links endlos ins Erdreich hinein, was sollte der denken, was das sei? Der kam nicht auf eine Wasserleitung der Römer, sondern der sagt, das ist ein Teufelswerk. Deswegen heißt die volkstümlich bei manchen die "Düwelskalle", die Teufelsrinne. Der Verlauf der Römerleitung ist weitgehend bekannt, doch nicht alle Gebiete sind exakt kartiert. Wer hier Land kauft, sollte sich vorher informieren.
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Die Leitung wird als ortsfestes Denkmal geschützt. Als solches ist es rechtlich ein Unterschied, ob ich auf meinem Grundstück ein Teilstück der Wasserleitung habe oder knapp daneben mich befinde. Mancher Landwirt zieht bedenkenlos seine Furche über sie hinweg. Wer hier jedoch sein Traumhaus plant, sollte wissen, auf was der Bagger stoßen könnte. Das hat Konsequenzen auf das Bauen, dass z.B. nicht mit einem Keller gebaut werden dürfte, sodass die Eifelwasserleitung darunter erhalten bleibt. Archäologen brauchen heute keinen Spaten mehr, um unter die Erde zu schauen. Aus der Luft sind Geländeeingriffe zu erkennen, selbst wenn sie schon 2.000 Jahre zurückliegen. Doch es bleibt eine kuriose Vorstellung. Unter diesem Feld rauschten einmal Millionen Liter Wasser lautlos zu Tal. Wasser für 50.000 römische Kölner. Wir haben mit 20 Mio. l Wasser pro Tag etwa die 10-fache Menge Wasser, die einem heutigen Kölner zur Verfügung steht.
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Das ist Wasserluxus, das ist Wasserverschwendung. Das war in römischer Zeit Gang und Gebe. Man brauchte das Wasser für alle möglichen Zwecke. Man brauchte es zum Baden, zur Trinkwasserversorgung, man brauchte es, um die Straßen zu durchspülen, das Kanalnetz zu durchspülen. Das war römischer Standard, eine Stadt mit einer solchen Menge Wasser zu versorgen. Dabei liegt Köln am wasserreichsten Fluss Deutschlands. Doch der Römer bevorzugte das klare Eifelwasser. Köln ist eine der ältesten Städte Deutschlands. Das alte Straßenbild haben die Bomben des Zweiten Weltkriegs zerstört. Die moderne Stadt steht auf den Grundmauern der historischen Quartiere. Dort, wo das Pflaster entfernt wird, tritt die Stadtgeschichte zu Tage, so wie hier vor dem historischen Kölner Rathaus. In Köln liegen 2.000 Jahre Stadtgeschichte dicht untereinander. Der Zivilisationsschutt der Epochen und Kulturen. Kaiserreich und Reformation, Mittelalter und Normannensturm.
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Zu Römerzeiten wäre man hier in 8 m Tiefe dem Eifelwasser wiederbegegnet, allerdings nach dem Gebrauch. Dies ist der Abwasserkanal. Köln wird seit 2.000 Jahren von der gleichen Stelle aus regiert. Der römische Statthalterpalast liegt direkt unter dem heutigen Rathaus. Und so dürfte unter manchem Kölner Keller noch immer die Antike schlummern. Das ist auch bei Kölns prominentestem Bauwerk der Fall. Die Fundamente des Doms reichen 16 m in die Tiefe. Sie gehen zurück bis in die Anfänge der frühen Christenheit, wo sich das römische Leben tief unter unserem heutigen Boden abspielte. Hier in der Kölner Domgrabung befinden sich römische Wohnhäuser, eine römische Fußbodenheizung. Wir finden Wohnzimmer im Grunde, die noch bemalt sind. Und wir können in diese Wohnzimmer schauen. Wir finden alte Kirchen. Hier an dieser Stelle befindet sich im Grunde der Nukleus dessen, was heute der Kölner Dom ist. Der Weg führt weiter in einen Bereich, der für die Öffentlichkeit verschlossen ist.
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Hier lag einst das Villenviertel des antiken Kölns und die Keimzelle des heutigen Doms. Einige vermuten, dass hier an dieser Stelle sich die ersten Christen in ihren privaten Wohnhäusern getroffen haben zum Gottesdienst. Und wundersamer Weise hat sich bis zum heutigen Tag auch die Stelle des Altares erhalten. Wir schauen hier auf den Fundamentbereich des heutigen gotischen Hochaltares des Kölner Dom. Römisches Erbe sind auch Kölns schnurgerade Ausfallstraßen. Fast 9 km vor der antiken Stadt, direkt neben der alten Heerstraße, bauten wohlhabende Römer schon zu Lebzeiten luxuriöse Wohnungen für die Ewigkeit. Der antike Grabtempel am Rande Kölns dürfte einst mit kostbarem Marmor dekoriert gewesen sein. Das vornehme Entree einer stattlichen Gruft. Diesen Weg ins Totenreich nahmen in der Antike auch Angehörige und Besucher. Der Hausherr erwartete sie schon damals im Kreise seiner Familie.
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In den Wandnischen standen nicht die Urnen der Verstorbenen. Sie waren für die Gastgeschenke reserviert, die die Toten erwarteten, kostbares Glas oder Schmuck. Der Gutsbesitzer hat sich das Jenseits luxuriös möbliert. Römischer Lebensstil auch für die Zeit nach dem Tode. Das Grabmal in Köln-Weiden ist sicherlich nicht im Katalog ausgesucht worden. Dort befindet sich ein ausgesprochen gut erhaltener römischer Sarkophag aus der Zeit um 300 n. Chr., der in Rom hergestellt wurde, dann bis nach Köln transportiert wurde. Der Grabinhaber wollte ein Grab haben, das praktisch en vogue ist, nach neuester römischer Mode. * Musik * Unter unseren Städten liegt eine Parallelwelt. Die wir im Alltag nicht wahrnehmen, aber tagtäglich ganz selbstverständlich nutzen. Allein unter Köln liegen 2.400 km Kanal. 550 davon sind begehbar, ja sogar befahrbar.
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Das entspricht in etwa der Entfernung Köln-München. Eine Milliardeninvestition. Damit man das Geld auch sieht, haben die Kölner im Jahre 1890 eigens einen Kronleuchter aufgehängt. Trotzdem hat der Kaiser die vornehme Kloake nicht besuchen wollen. Regelmäßig muss das Kanalnetz inspiziert werden. Wohin der Mensch selbst nicht vorzudringen vermag, da müssen Sonden Rohrbrüche und Verstopfungen ausfindig machen. * Musik * In den Tiefen des städtischen Untergrunds spürt der Roboter auch die lichtscheuen Bewohner auf. Wie viele Ratten hier unten leben, weiß niemand zu sagen. Bevor man sie zählen kann, suchen sie das Weite. Große Teile des Kölner Abwassersystems sind weit über 100 Jahre alt und werden bei jedem Hochwasser oder Starkregen auf die Probe gestellt. Und wenn es weiterregnet, wird das Wasser gleich über diese Mauer abschlagen und direkt in den Rhein runter fließen und braucht dann nicht mehr zur Kläranlage.
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Stefan Schmitz ist der Herr über die Kölner Kanalisation. Er bewundert die Weitsicht seiner Vorgänger, ihre Vorkehrungen auch für extreme Wetterlagen. Das Wasser sattelt oben auf, drückt die Fäkalien und alles andere nach unten, und was abschlägt, ist fast klares Wasser. Ist natürlich biologisch verunreinigt, aber ohne große Anteile von Feststoffen. 1890, als dieses Bauwerk gebaut wurde, lebten in der Stadt vielleicht 200.000 Menschen. Heute haben wir ne Millionenstadt, und das Bauwerk ist in seiner Größe immer noch ausreichend. Na, das sind halt Visionäre gewesen. Auch heutige Stadtplaner bauen für die Zukunft und gehen dafür unter die Erde. Infrastrukturen, ohne die eine Stadt nicht funktionieren kann. Unter dem historischen Zentrum von Köln liegt längst eine 2. Stadt. Unterkellert von Tiefgaragen, Auto- und U-Bahnröhren. Mit Stationen wie Weltraumbahnhöfen. * Musik * Ein Transportsystem unter der Erde,
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eng getaktet und überlebenswichtig für die Städte. Die Wagen werden hier immer noch von Menschen gelenkt. Woanders geht es schon ohne. Unter dem Universitätsklinikum Köln fahren die Transporter, dirigiert wie von Zauberhand. Unter dem Großkrankenhaus befinden sich nicht weniger als 6 km Gänge und Flure. * Musik * Den Lieferservice übernehmen Roboter. Von morgens 5 bis abends 10 liefern sie Essen, Medikamente oder die Post aus, pünktlich und reibungslos. * Musik * Auch in Dortmund gibt es die Stadt unter der Stadt. Ein Erbe aus dunklen Zeiten. Die Union-Brauerei plante schon in den 30er-Jahren für den Kriegsfall. Gegenüber dem Turm lag damals die Geschäftszentrale der Brauerei. Im Falle einer Bombardierung sollte ein Tunnel den Fluchtweg sichern. Allerdings stand er nur wichtigen Personen
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und Werten des Unternehmens offen. Heute ist die frühere Union-Geschäftsstelle ein Hotel. Der Tunnel ist ein gut gehütetes Geheimnis. Kaum jemand kennt den Eingang oder weiß überhaupt von seiner Existenz. * Musik * Alle paar Wochen müssen die wenigen Eingeweihten kontrollieren, wie viel Grundwasser durch das Gemäuer eindringt. Heute teilt der U-Bahnschacht den früheren Union-Tunnel. Deshalb ist er nach 50 m zugemauert. Doch der Union-Tunnel ist nur ein winziger Teil eines riesigen Tunnelsystems unter der Dortmunder City. Unter dem Regime der Nazi-Organisation Todt errichteten Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter den größten Luftschutzbunker Europas, Zuflucht für bis zu 100.000 Menschen, 15 m unter der Stadt. Die wenigen Eingänge liegen versteckt, der Zutritt ist streng verboten. In dem 5 km langen Labyrinth kann man sich leicht verlaufen.
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In manchen Teilen sammeln sich gefährliche Stickgase. Bei den regelmäßigen Sicherheitskontrollen müssen deshalb Atemschutzmasken mitgeführt werden. Bei Bombenalarm hasteten die Menschen die steilen Treppen hinab, dicht gedrängt, immer in Gefahr, zu stolpern und überrannt zu werden. Unten kauerten die Menschen wie gelähmt in einem Angst-Raum, in stiller Erwartung des dröhnenden Bombenterrors. Was sich hier unten abspielte, daran erinnern sich heute nur noch die Kinder von einst. Alle hatten wir Angst. Ich saß dann in der Mitte bei den Eltern, und er sagte: Kind, jetzt musste du den Mund ganz weit aufmachen und die Ohren fest zudrücken. Sonst kann dir die Lunge platzen oder das Gehör. * Knall * Und das hab ich gemacht. Ich hab den Mund so weit auf... Ich hätte bald ne Maulsperre gekriegt. Ich hab den so aufgerissen, dass er nachher sagte: Jetzt ist gut, jetzt brauchst du es nicht mehr. Und da war wirklich unser Eingang zu.
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Wir kamen da nicht mehr raus. Und dann hab ich natürlich geweint. Weil ich dachte, jetzt sind wir da unten begraben. Weil ich ja gar nicht wusste, wie groß der Bunker war. In dieser Zeit lebten Tausende Dortmunder monatelang im Bunker. Meist bloß mit einem Koffer gekommen, gingen sie nur nach oben, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Für die Zurückbleibenden bange Stunden des Wartens. Meine Mutter holte Essen und mich ließ sie da unten. Jetzt war ich ganz allein da unten in dieser Einsamkeit. Und ich kriegte auf einmal so n Angstgefühl. Dann hab ich nur gerufen: Mutti, ich komm mit. Und bin hinterhergelaufen, aber ich wusste nicht, wo sie war. Und dann bin ich immer weitergelaufen, weitergelaufen, und dann kamen schon Leute, blutüberströmt, kamen mir entgegen, andere auf Bahren und alles. Und das war ein Geschrei. Dann bin ich schnell wieder zurückgelaufen. Das Geschrei hör ich heute noch.
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Manchmal, wenn ich dran denke, hör ich die Leute immer noch schreien. Die Mutter blieb zum Glück unverletzt und kam mit Essen zurück zu ihrer Tochter. Nach dem Krieg bauten die Dortmunder eine neue Stadt, über den kalten Katakomben. Der Bunker wurde verschlossen, die Erinnerung verblasste. Hier unten ist der Terror von einst nur noch von den Wänden abzulesen. Angreifer suchen sich heute andere Wege und Ziele. Über die elektronischen Nervenstränge suchen sie den Weg in die Schaltzentralen der Städte. Die internationale Datenpiraterie ist längst ein organisiertes Verbrechen und eine ernste Gefahr. Für Banken und Versicherungen ist der Datenverkehr existenziell, für seinen Schutz betreiben sie enormen Aufwand. Die Rechner des Düsseldorfer Versicherers ERGO z.B. liegen bombensicher unter den Bürotürmen. * Musik * Vor Hackern und Cyber-Angriffen schützen digitale Firewalls.
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Doch auch die elektronische Herzkammer des Konzerns liegt im Hochsicherheitsbereich. Geschützt durch Schleusen und Körperscanner. Nur eine Handvoll Mitarbeiter hat hier Zutritt. Der Code wird ständig gewechselt. * Musik * Wie Schließfächer in einem Tresorraum reihen sich hier Rechner und Speicher. Das aktive Vermögen des Unternehmens. Kundendaten, Verträge, Policen, Schadensregelungen, Rechnungen, das Allerheiligste des Dax-Konzerns. Als besondere Sicherheitsmaßnahmen haben wir dasselbe getan wie im Mittelalter: Das Anlegen von Versorgungstunneln und Versorgungslagern. Wir sind unter die Erde gegangen. Über die Großrechner werden jeden Tag 13 Mio. Transaktionen getätigt. Das entspricht einer Datenmenge von 250 Mio. Druckseiten. 50.000 Mitarbeiter müssen jederzeit auf diese Daten zugreifen können, auch immer mehr Kunden, online von zu Hause aus.
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Kein Wunder, dass es auf unseren Datenautobahnen immer enger wird. 4 europäische Glasfaserknoten pumpen in Düsseldorf im Nanosekundentakt Daten ins World Wide Web. Allein in NRW liegen High-Speed-Netze in der Länge des Erdumfangs. Was aber, wenn das digitale Nervensystem plötzlich gestört wird? Schon ein Stromausfall könnte fatale Folgen für die Rechner haben. Wir machen eines sehr konsequent und meines Erachtens auch sehr gut: Wir proben den Ernstfall. Bei einer gravierenden Störung eilt der Krisenstab zusammen. Abseits, hinter abgeblendeten Scheiben, entscheidet er über das weitere Vorgehen. Von einem Stabszentrum aus werden mögliche Störfälle regelmäßig durchgespielt. Wie im Tower eines Großflughafens begleitet der IT-Leitstand alle laufenden Prozesse. Gerät der Datenfluss irgendwo ins Stocken oder wird er unterbrochen, wird das Problem zuerst hier gemeldet. Datenströme werden dann umgeleitet, ruhende Rechnerkapazitäten aktiviert.
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2 weitere Rechenzentren laufen ständig an geheimen Standorten zur Sicherheit mit. Die leuchtenden Skylines unserer Städte, sie stehen über einer verborgenen Unterwelt. Oft Jahrhunderte alt und vergessen. Manchmal streng geheim und aufwendig geschützt. Eine aufregende Unterwelt, nicht weniger faszinierend als die glitzernde Welt darüber. Copyright WDR 2017

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