Dupré Digital: Dupré - der Konzertorganist 2/2 (Episode 8 - Subtitles in English, French and German)

Dupré Digital: Dupré - der Konzertorganist 2/2 (Episode 8 - Subtitles in English, French and German)

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Language: German

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Number of words: 2019

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Im Laufe der Jahre eroberte Dupré nicht nur die Konzertbühnen und Orgelemporen der Welt, sondern verkehrte auch in den höheren Kreisen von Politik und Gesellschaft. Als Gesandter des französischen Präsidenten fungierte er während seiner Konzertreise nach Australien oder spielte bei der von den Boulevard-Zeitungen viel beachteten Hochzeit des Herzogs von Windsor, dem früheren King Edward VIII. mit der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson. Durch seine Reisen in zahlreiche Länder entwickelte er sich zur Person des öffentlichen Interesses und die Welt nahm Teil an seinem Leben. Vorallem in Amerika war das Interesse an seiner Person groß. Zwischen 1921 und 1948 tourte er 10 Mal über den Kontinent, bis ihm die Strapazen zu viel wurden. Neben Amerika spielte Großbritannien eine gleichbedeutende Rolle in seiner Karriere. In beiden Ländern genoss er hohe Anerkennung als Virtuose und Improvisator. Zudem wurde er als Bach-Interpret geschätzt, weshalb
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die Veröffentlichung seiner Bach-Edition mit Spannung erwartet wurde. Eigentlich Bestand keine Notwendigkeit einer weiteren Edition, denn kurz zuvor hatten Charles-Marie Widor und Albert Schweitzer ihre Bach-Ausgabe veröffentlicht. Aber Dupré schien es wichtig gewesen zu sein, eine Bach-Gesamtausgabe mit seiner persönlichen Prägung auf den Markt zu bringen. Aus Respekt vor seinem Lehrer erschienen die ersten Bände seiner Ausgabe erst nach Widors Tod. Dupré führte in gewisser Weise das Erbe Widors in der Bach-Tradition fort. Man muss wissen, dass sich die französische Orgelschule des frühen 20. Jahrhunderts mehr oder weniger als direkte Erbin Johann Sebastian Bachs verstand: Widor hat schon gesagt, es gibt eine Traditionslinie, die direkt von Bach zu uns führt. Zu Lemmens eigentlich. Aber das ist natürlich heutzutage undenkbar, dass man sowas sagt. Denn jedes Jahrhundert hat seine eigene Auffassung und Stil und hat Bachs originalen Stil geändert.
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Widor spricht dann von Aufführungsregeln. Er sagt „règles“ für die Aufführung von Bach. Dupré hat diese erweitert und hat das „lois“ genannt – Gesetze. Daraus spricht, dass er noch strenger und dogmatischer war. Bach war für ihn gleich in der Aufführungspraxis wie Mendelssohn oder Dupré selbst. Da war kein Unterschied. Das kann man heute natürlich nicht mehr verteidigen, dass das stimmt. Duprés Bach-Edition sollte sich für den Verlag wie für den Herausgeber zu einem lukrativen Geschäft entwickeln. Er ging in seiner Notenausgabe äußerst akribisch vor, stellte jedem Stück Metronomangaben voran, versah das Notenbild mit zahlreichen Pedal- und Fingersätzen und fügte noch andere, teils pädagogische Hinweise ein, die von ihm als Hilfen gedacht waren, aber nicht immer der Klarheit des Notenbilds dienlich waren.
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Duprés Bach-Interpretation und seine Notenausgabe werden heute oft belächelt. Beide sind Kinder ihrer Zeit und man tut ihnen Unrecht, wenn man sie nicht im zeitlichen Kontext betrachtet. Die Bach-Ausgabe von Dupré ist ein faszinierendes Artefakt des 20. Jahrhunderts, denn sie ist so etwas wie der ultimative Ausdruck einer bestimmten Art von modernistischer Ästhetik. Ich denke hier an die Art von maschineller Ästhetik, die ihren Ausdruck kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Dingen wie dem so genannten Futurismus fand, der in den Faschismus überging. Was Dupré in seiner Bach-Ausgabe tut, ist im Wesentlichen die Übertragung einer maschinellen Ästhetik auf die Aufführungspraxis von Bach. Wo jede Note eine Nummer hat, die mit einem bestimmten Finger gespielt werden muss, wo jede [Ton]Wiederholung mit einer kleinen Pause genau notiert ist und all dem... Ich denke also, und ich will das nicht zu weit treiben, es gibt eine interessante Analogie zu einer Art von Gesellschaftsbild,
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in der die Noten alle Teile einer Fabrik sind. Es gibt alle Arten von Rädchen im Getriebe. Das Stück von Bach, das heutzutage am häufigsten in Duprés Fassung gespielt wird, ist die "Sinfonia" der Kantate 29. In Duprés Arrangement ist sie mitreißend. Sie ist absolut wunderbar. Aber dort funktioniert die Ästhetik ungemein gut, weil es eine Art "moto perpetuo" ist. Es hat also die ganze Zeit über diese Art von motorischem Antrieb. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das so gut bei einem Choralvorspiel funktioniert, das man vielleicht im "Orgelbüchlein" oder in den "18 Chorälen" findet. Aber Dupré überträgt die gleiche Ästhetik auf alles. In den Augen des 21. Jahrhunderts scheint es sicherlich eine seltsame Art zu sein, Musik zu spielen, die so viel Leben in sich trägt. Das ist fast so, als würde man das Leben aus ihr herausquetschen, indem man ihr ein System aufzwingt, an das man sich die ganze Zeit halten muss. Deshalb bringe ich das in Verbindung mit etwas aus Duprés Zeit. Jeremy Filsell warnt vor einer allzu strengen Bewertung der damaligen Praxis durch unsere heute vermeintlich aufgeklärten Augen.
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Er versteht Duprés künstlerischen und editorischen Ansatz als Reaktion auf die damals vorherrschende freigeistige Auffassung des Rhythmus‘. Pianisten und Organisten dieser Tage spielten mit ausgesprochen großer rhythmischer Flexibilität. Mahler spielte das Klavier mit immer arpeggierten Akkorden. Die rhythmische Form des Notensatzes spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Ich glaube Widor und Dupré reagierten auf diesen Stil damit, dass sie viel raffinierter und ordentlicher spielen wollten. Und ich bin mir sicher, dass das für beide mit der Wiederentdeckung von Bachs Musik zu tun hat. Für Dupré stand zwar der künstlerische Aspekt bei der Widergabe der Werke Bachs im Vordergrund, er machte sich aber auch Gedanken über den möglichen theologischen Gehalt der Werke. Mit seinem Schüler Dominique Rebourgeon teilte er seine Gedanken über Bachs große G-Dur Fantasie – das sogenannte „Pièce d’orgue“: Er hat es geheimnisvoll, ruhig,
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unerschütterlich, gleichmäßig gespielt. Er hat mich wachgerüttelt indem er gesagt hat: "Der erste Teil ist etwas Vorgeburtliches. 'Grave' ist die menschliche Strecke, die Existenz, das Hiersein. Und der Schluss ist nach dem Tod". 2015 realisierte die „Association des amis de l’Art de Marcel Dupré“ zusammen mit „Mercury Living Presence“ eine Neuauflage der alten Schallplatten auf CD. Darunter lässt sich auch Duprés Aufnahme besagter Fantasie von 1959 finden, die trotz ihres altmodischen Touchs eine große Intensität entwickelt. Aus den Erzählungen der 4. Episode, in der Dupré als Kirchenmusiker im Mittelpunkt stand, ergibt sich die Frage, ob sich Dupré eher als Kirchen- oder Konzertorganist verstanden hat?
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Dupré hat sein Ruhm und sein Prestige sehr geliebt. Und ich denke, die Erfolge die er als Konzertorganist hatte, waren für ihn sehr wichtig. Er hat auch gerne anderen von seinen Erfolgen beispielsweise in Amerika erzählt. Das war für ihn schon wichtig. In der Kirche zeigte er eine andere Seite seines Charakters. Aber ich denke, er war mehr Konzertorganist als Kirchenorganist. Das entsprach auch seinem ganzen Wesen und sein Charakter war mehr Konzertorganist als Kirchenorganist. In Großbritannien war Dupré ein gern gesehener Gast. Er konzertierte dort regelmäßig vor großem Publikum. Im Monat vor seinem Tod 1971 spielte er in der Royal Albert Hall sein letztes Konzert. Damit fand seine internationale Karriere an dem Ort ihr Ende, wo sie vor rund 50 Jahren begonnen hatte.
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Duprés Karriereanfang fiel in eine für die Orgelkunst ideale Zeit. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Orgelkonzerte insbesondere in den anglo-amerikanischen Ländern ein Publikumsmagnet. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen waren Orgelkonzerte im ganzen Land [England] noch sehr beliebt. Jede Stadt, die eine gewisse Größe hatte, verfügte über ein städtisches Gebäude mit einer Orgel, und oft beschäftigte die Stadt einen Organisten, der dort spielte. Und in der Tat war dies eine große Entwicklung im späten 19. Jahrhundert in den neuen wohlhabenden Industriestädten wie Manchester und Birmingham, Leeds, in Schottland und anderswo im Vereinigten Königreich. Wöchentliche Orgelkonzerte, die oft zur Mittagszeit stattfanden, waren sehr beliebt, und es gibt einige Reihen dieser Art, die sich bis heute gehalten haben. Dupré zog die Massen an, war aber nicht der einzige Star in der Orgelwelt jener Tage. Ein Vertreter Italiens unter den reisenden Organisten war zum Beispiel Marco Enrico Bossi,
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oder Edwin Lemare, eine glamouröse Persönlichkeit der englischen Musikszene. Er war mehrere Jahre lang Organist der Saint Margaret's Church in Westminster. Sie liegt direkt im Schatten der Westminster Abbey. Menschenmengen drängten sich auf dem Parliament's Square vor der Kirche, direkt gegenüber dem Palace of Westminster, um seine Konzerte zu hören. Die tumultartigen Szenen im Vorfeld von Lemares Konzerten ähneln den Berichten von Duprés Konzertreisen. Einmal musste sogar die Polizei eingreifen, um Lemare den Weg durch die Massen zu bahnen, damit er überhaupt auftreten konnte. Lemare war berühmt für seine Virtuosität. Ein unglaublicher Virtuose. In der Tat gibt es noch einige Orgelrollen von Lemare. Erstaunliche Virtuosität! Lemares großes Ding war die Transkription von Orchestermusik. Sie auf der Orgel gespielt zu hören, war nur einen Schritt davon entfernt, sie in echt zu hören. Lemare's wunderbare Transkriptionen bestehen aus einer großen Menge von Orchestermusik und auch von Opernmusik. Es gibt viele Transkriptionen aus dem "Ring"-Zyklus von Wagner.
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Diese zogen riesige Menschenmengen an. Dupré war also nicht allein auf der Weltbühne der Virtuosen und sicherlich gab es auch Konkurrenzdenken. Und so schließt sich der Kreis wieder, wenn man nach dem Geheimnis seines Erfolgs bzw. nach seinem Alleinstellungsmerkmal fragt. Jeremy Filsell hatte die Frage schon in einer früheren Episode beantwortet: in Duprés Improvisationskunst. Lemare brachte die Orchestermusik in den Konzertsaal oder in die Kirche. Was Vierne und Dupré und andere französische Organisten taten, war, etwas Exotisches aus einem fremden Land zu bringen. Wir sind zwar nahe Nachbarn, aber es erscheint dann doch wie eine andere Welt. Und das wurde, glaube ich, am deutlichsten in ihrer Improvisation zum Ausdruck gebracht. Organisten in Großbritannien haben schon immer improvisiert. Aber die Improvisation hat ihren Platz eher in den Ecken der Liturgie.
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Sie ist dazu da, Lücken zu füllen. In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts war die Idee der Konzertimprovisation, so glaube ich, etwas Neues und sehr Frisches. Sein Improvisationstalent war sogar für einen bürokratischen Trick nützlich. Sein Freund Sir Henry Wood, der Begründer der noch heute zelebrierten „Promenade Concerts“, für die Dupré seine große "Symphonie g-Moll" für Orgel und Orchester komponierte, wollte ihn für sein Händel-Festival im Crystal Palace engagieren. Das Problem war jedoch, dass beim Händel-Festival nur englische Staatsbürger auftreten durften. Wood fand einen Weg den verantwortlichen Stellen klar zu machen, dass man „nur“ mit dem französischen Meisterorganisten Händels Orgelkonzerte, wie im Original gedacht, mit einer improvisierten Kadenz aufführen könnte. Sein Plan ging auf und Dupré wurde wiederkehrender Gast beim Händel Festival. Eine dieser Kadenzen hat Dupré 1932 zu Papier gebracht. Sie ist ein Kuriosum und wartet mit einigen Überraschungen auf, die Sie zum Abschluss noch hören werden.
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Es wäre noch viel über den Konzertorganisten zu erzählen, aber ich mache an dieser Stelle einen Punkt. Marcel Dupré ist aktuell noch ein Nischenthema in der Welt der klassischen Musik. Sie können helfen, das zu ändern und eine große Öffentlichkeit für Dupré zu aktivieren. Nutzen Sie Ihre sozialen Kanäle oder Mailverteiler um auf Dupré Digital aufmerksam zu machen. Die Begeisterung für Dupré und das Projekt spornt mein kleines Team und mich an, diese Inhalte für Sie kostenfrei zugänglich zu machen. Allerdings belasten uns hohe bisher noch ungedeckte Kosten. Weshalb ich an Sie appelliere, „Dupré Digital“ finanziell zu unterstützen. Den Link hierzu sehen Sie eingeblendet. An dieser Stelle auch meinen herzlichen Dank an alle bisher eingegangene Spenden. Die Art und Weise, wie Händels Orgelkonzerte hierzulande zu der Zeit, als Dupré kam und sie spielte, am häufigsten gehört wurden, war wahrscheinlich nur in Orgeltranskriptionen. Die gesamte Serie wurde von W. T. Best für Orgel solo bearbeitet und mit komponierte Kadenzen ergänzt.
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Die Kadenzen sind ein bisschen so, als würde man eine Gilbert & Sullivan-Operette hören. Es ist also interessant, dass Dupré mit seiner eigenen Kadenz in gewisser Weise etwas Ähnliches macht. Es ist eine Art, sich in die Herzen des Publikums zu spielen. Interessant ist, dass er eine Fuge einbaut. Ich denke, das hängt mit Henry Wood und Woods Interesse an zeitgenössischer Musik zusammen. Es ist wichtig, Dupré als eine moderne Figur zu betrachten. Er ist natürlich ein bisschen altmodisch, aber ich denke, in den 1920er Jahren wurde er wahrscheinlich als ein sehr moderner Mensch gesehen, als ein Vertreter des modernen Zeitalters. Was er hier also tut ist, die Musik Händels in die Gegenwart zu holen, indem er seine Improvisation in diesem Stil einfügt.

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