Sternengold und der Hauch des Todes | Ganze Folge Terra X mit Dirk Steffens

Sternengold und der Hauch des Todes | Ganze Folge Terra X mit Dirk Steffens

SUBTITLE'S INFO:

Language: German

Type: Human

Number of phrases: 615

Number of words: 4597

Number of symbols: 26771

DOWNLOAD SUBTITLES:

DOWNLOAD AUDIO AND VIDEO:

SUBTITLES:

Subtitles prepared by human
00:24
Wie schön unser Planet ist berührt mich immer wieder. Es ist faszinierend, die Welt und ihre Geheimnisse zu erkunden. Natürlich lassen sich viele Natur-Phänomene heute wissenschaftlich erklären. Aber wenn man weiß, was dahintersteckt, dann werden die Wunder der Welt noch faszinierender. Hier zum Beispiel: Hierapolis. In der Antike glaubte man, dort läge der Eingang zur Unterwelt. Das Tor zur Hölle sozusagen. Aber an diesem Tor sind immer nur die Tiere gestorben. Und nicht die Menschen. Warum nicht? Oder Geysire. Einige von denen brechen so regelmäßig aus, dass man tatsächlich die Uhr danach stellen könnte. Und natürlich die wissenschaftliche Antwort auf die Frage: Welche Tiere leben wirklich im schottischen Loch Ness? Um diese Phänomene ranken sich so viele Mythen und Legenden. Da lohnt es sich doch, mal genauer hinzuschauen. Ein wirklich außergewöhnliches Phänomen führt mich in den Westen der Türkei. Ungefähr auf halber Strecke zwischen Izmir und Antalya
01:56
liegen die Ruinen der antiken Stadt Hierapolis. Heiße Quellen machten Hierapolis vor rund 2000 Jahren zu einem beliebten Kurort. Mit einem imposanten Amphitheater und dem größten bislang bekannten Friedhof Kleinasiens. Richtig berühmt war die Stadt aber für ein bizarres Ritual. In der Antike wurden überall Tiere geopfert. Zu Ehren der Götter. Aber hier in Hierapolis lief das anders ab als anderswo. Was hier geschah mit diesen Tieren, das war nicht weniger als ein Wunder. Und zwar ein Wunder, dem die Leute damals beiwohnen konnten. Und das ganz zuverlässig funktionierte. Sogar der griechische Gelehrte Strabo, bekannt als kritischer Geist, der staunte nicht schlecht, als er sah, was da vor seinen Augen passierte. Der Geschichtsschreiber und Geograf berichtet vor rund 2000 Jahren, wie die Priester von Hierapolis regelmäßig Opfertiere in das Heiligtum führten. Doch die Rinder, Schafe oder Ziegen wurden nicht wie sonst üblich geschlachtet.
03:14
Die Tiere brachen plötzlich und ohne menschliches Zutun zusammen und starben. Während die danebenstehenden Priester unversehrt blieben. Die Zuschauer, die die Opferhandlung von einer Tribüne aus beobachten konnten, waren davon überzeugt, dass sich in Hierapolis das Tor zur Hölle befand. Und dass die Tiere durch den tödlichen Atem von Kerberos, dem dreiköpfigen Höllenhund, starben. Der den Legenden nach den Eingang zur Unterwelt bewachte. Doch wie konnten die Priester den Hauch des Todes überleben? Italienische Archäologen haben das Plutonium, wie das Heiligtum nach Pluton, dem griechischen Gott der Unterwelt, benannt wurde, vor einigen Jahren wiederentdeckt. Heute bedeckt Grundwasser den Boden. Aber noch immer lauert hier eine tödliche Gefahr. Wer dem Rätsel von Hierapolis auf den Grund geht, der landet im Boden. Hier zum Beispiel, diese Spalte, die ist nicht menschengemacht, sondern Ergebnis tektonischer Aktivitäten.
04:24
Oder kurz gesagt: Der Boden hier bewegt sich. Und diese Bewegung ist die Ursache für das Wunder von Hierapolis. Wenn im Erdinneren kohlenstoffhaltiges Gestein aufgeschmolzen wird, kann Kohlendioxid, also CO2 freigesetzt werden. Durch die tektonischen Kräfte entstehen Spalten und Klüfte, die zum Teil bis an die Erdoberfläche reichen. Das Kohlendioxid strömt durch diese Risse aus dem Erdinneren nach oben. Und weil das Zeug schwerer ist als Luft, sammelt es sich dann in Bodensenken, wie dieser hier. In diesem Loch ist tatsächlich eine CO2-Konzentration von 40 Prozent gemessen worden. Dieses Gas, Kohlendioxid, kann man weder riechen noch schmecken. Und genau das macht es so gefährlich. Denn eine Konzentration von 40 Prozent, die ist tödlich. Deshalb darf ich auch nicht zu lange in diesem Loch hier stehen. Genau das ist damals den Opfertieren passiert. Die haben das CO2 eingeatmet und sind dann scheinbar ohne äußeren Einfluss einfach umgekippt.
05:31
Das gefährliche Gas strömt in Hierapolis noch immer an verschiedenen Stellen aus dem Boden. Besonders hoch ist die CO2-Konzentration an dem Ort, wo sich der Überlieferung nach das Tor zur Hölle befindet. Und auch der "Hauch des Todes" entfaltet bis heute seine Wirkung. Deshalb ist der Bereich auch für Touristen gesperrt. Der Vulkanbiologe Hardy Pfanz hat den vermeintlichen Atem des Höllenhundes Kerberos mit einem mobilen Analysesystem für Gaskonzentrationen eingefangen. Hier in Hierapolis ist das berühmte Tor zur Hölle. Da gibt es viele Mythen drumherum. Die Historiker haben das schon lange erforscht. Sie als Naturwissenschaftler sind mit dem Messgerät angerückt. Warum haben die Priester überlebt, und die Opfertiere sind gestorben? Das war ein Trick. Die Priester waren großgewachsene Leute. Und sie stellten sich auf Steine. Das CO2 ist schwerer als Luft und bildet einen Gas-See. Der arme Bulle stand mit seinen Nüstern im Gas-See,
06:47
während die Priester darüber standen. Das kann man sich jetzt gut vorstellen. Aber woher wussten die Priester das denn? Man kann das testen auch mit den damaligen Mitteln. Einfach mit einer Kerze. Die hält man dann mal höher, mal tiefer. Richtig. Dann geht die Kerze, die Flamme aus. Die Priester wussten mit ziemlicher Sicherheit, wo dieser tödliche Gas-See endet. Für die Gläubigen damals aber war der Tod der Opfertiere und das Überleben der Priester ein Zeichen göttlicher Macht. Hierapolis war nicht das einzige Heiligtum in der Antike, in dem Wunderliches geschah. Ungefähr 600 km von hier entfernt liegen die Ruinen eines Tempels. Und darin befand sich früher das berühmte Orakel von Delphi. Über Jahrhunderte galt die Orakelstätte in Zentral-Griechenland als der Mittelpunkt der Welt. Viele mächtige Herrscher kamen zum Tempel auf den Höhen des Berges Parnass, um sich die Zukunft vorhersagen zu lassen. Angeblich war es Gott Apollon selbst, der durch seine Priesterin Pythia
07:57
zu den Ratsuchenden sprach. Dabei soll Pythia über einer Erdspalte gesessen haben. Nur dort verfügte sie über ihre hellseherischen Fähigkeiten. Tatsächlich liegt auch Delphi über einer geologischen Störung. Und auch hier gibt es Gase. Diese könnten bei der Pythia Halluzinationen verursacht haben, die als Prophezeiungen gedeutet wurden. Und Delphi zum mächtigsten Orakel seiner Zeit machten. Gefährliche Ausdünstungen aus dem Erdinneren finden sich auf allen Kontinenten. Sie könnten auch der Ursprung einer mittelalterlichen Legende sein, die aus dem Erzgebirge stammt und eng mit dem Bergbau verbunden ist. In einer Grube im sächsischen Annaberg, so berichtet der Begründer der Bergbaukunde Georg Agricola Mitte des 16. Jahrhunderts, soll ein "schrecklich anzusehendes" Tier zwölf Menschen "mit dem Hauche seines Rachens" getötet haben. Früher glaubte man, dass in den Stollen Drachen hausen, die Eindringlinge mit ihrem todbringenden Atem vernichten.
09:22
Von Gaseinlagerungen im Gestein oder auch Fäulnisgasen, die sich entzünden und Explosionen auslösen können, hatte man wohl noch nichts gehört. Manchmal konnten die Bergleute unter Tage plötzlich nicht mehr atmen. Oder die Luft explodierte, und keiner wusste, warum. Weil man noch nichts von der Existenz geogener Gase wusste. Also erzählte man sich Geschichten von Drachen oder Höllenhunden. Solche mythologischen Herleitungen haben den Bergbau zwar kein bisschen sicherer gemacht. Aber nun hatte man eine Erklärung für die ganzen Unglücke. Der Bergbau hat auch in der Türkei eine lange Tradition. Schon im 2. Jahrtausend v. Chr. waren Metallwerkzeuge aus der Region in der gesamten antiken Welt begehrt. Aber hier gibt es nicht nur Erz und Kohle, sondern auch Gold. Schon in der Antike wurde in der Hafenstadt Smyrna, wie die Stadt Izmir früher hieß, mit dem edlen Metall gehandelt. So viel Gold. Und wie schön das glitzert. Aber für Geologen ist das ein Rätsel.
10:38
Es ist ein Rätsel, dass man Gold an der Erdoberfläche findet. Denn als schweres Element sollte es nach unten durchsacken Richtung Erdkern. Soweit die Theorie. In der Praxis gibt es aber doch eine ganze Menge hier oben. Gold spielt in fast allen Kulturen eine wichtige Rolle. Im Alten Ägypten galt es als das "Fleisch der Götter". Und auch anderswo wurden Abbilder der Götter und Ahnen bevorzugt aus dem glänzenden Metall hergestellt. Denn Gold überdauert wie kaum ein anderes Metall die Jahrtausende. Und zeigt auch dann kaum Spuren von Veränderung. Schätzungen gehen davon aus, dass bis heute weltweit knapp 200.000 Tonnen Gold geschürft wurden. Das ist extrem viel. Denn es müsste für uns Menschen unerreichbar sein. Zumindest, wenn es nach einer der wissenschaftlichen Entstehungstheorien der Erde geht. Der zufolge entstanden die Planeten in grauer Vorzeit durch die Kollision von Milliarden kleiner Himmelskörper.
11:45
Wobei sich immer größere Klumpen formten. Das Element Gold als ein Bestandteil im Baumaterial der Galaxien sank aufgrund seiner hohen Dichte in den metallreichen Kern des Planeten. In der Folgezeit kam es immer wieder zu Zusammenstößen. Wobei u.a. unser Mond entstand und die Erde ihre Masse vergrößerte. Schwere Elemente sammelten sich weiter im Kern. Nur wenn sie durch tektonische oder vulkanische Aktivität an die Oberfläche gelangen, haben wir darauf Zugriff. Aber woher stammen dann die relativ großen Mengen Gold, die bis heute gefördert und verarbeitet werden? Immerhin kommen weltweit jedes Jahr rund 3300 Tonnen hinzu. Die Wissenschaft hat eine These dazu entwickelt. Das Gold könnte ja auch erst auf die Erde gekommen sein, als die schon abgekühlt war. Möglich wäre das. Zum Beispiel mit Asteroiden. Wenn so ein Schauer die Erde getroffen hat, dann könnte das Gold einfach mit an Bord gewesen sein.
13:13
Asteroiden gelten schon länger als fliegende Schatztruhen. Und dass viel des in den erreichbaren Erdschichten vorhandenen Goldes kosmischen Ursprungs ist, gilt mittlerweile als erwiesen. 2017 haben Forscher die Spuren einer Kollision von zwei Stern-Leichen in den Tiefen des Universums nachgewiesen. Diese Neutronensterne waren zwar nicht besonders groß. Aber sie besaßen eine extrem verdichtete Masse. Bei der Kollision entstand ein Blitz, ein "Gamma-Blitz". Der nicht nur mehr Energie freisetzte als unsere Sonne in mehreren Milliarden Jahren. Sondern eventuell auch jede Menge Gold. Das legen registrierte Lichtwellen nahe. Wissenschaftler der NASA haben geschätzt, dass bei dieser Kollision so viel Gold freigesetzt worden sein könnte, dass sich daraus rund 200 Erden formen ließen. Die Inka haben gesagt: Gold sei der Schweiß der Sonne. Und vielleicht lagen sie ja mit dieser Sternentheorie gar nicht so falsch. Ein anderes Material, ganz irdisch,
14:27
wurde gerne für den Bau von solchen Protz-Anlagen wie diesem Amphitheater verwendet: Marmor. Und am besten natürlich weißer Marmor. Der war lange Zeit so kostbar, dass er als "weißes Gold" bezeichnet wurde. Warum? Die meisten Marmor-Vorkommen sind durch Beimengungen von Mineralien schwarz, grün oder rötlich gefärbt. Aber schon die Künstler der Antike bevorzugten die höchste Reinheitsstufe: Feinkristallin und strahlend weiß. Dabei ist Marmor gar nichts besonderes. Sondern bloß Kalkgestein, das hohem Druck und hohen Temperaturen ausgesetzt worden ist. Und es muss ja gar nicht immer Marmor sein. Auch aus Kalkgestein lassen sich ganz wunderbare Strukturen formen. Sehr beeindruckend. Dafür braucht es manchmal noch nicht mal Menschen. Nur einen Steinwurf von Hierapolis entfernt strahlen die weißen Sinter-Terrassen von Pamukkale. Seit Jahrtausenden strömt hier warmes Thermalwasser über die Felskante
15:38
und bildet diese märchenhafte Landschaft. Das gut 30 Grad warme Wasser enthält chemisch gelösten Kalk aus dem Untergrund. An der Erdoberfläche fällt der gelöste Kalk wieder aus. Und es entsteht ein mehr oder weniger poröser Kalkstein. Ein Liter von diesem Wasser hier enthält nur ungefähr 2 Gramm Kalk. Das ist nicht viel. Und von diesen 2 Gramm lagern sich auch nur ein paar kleine Teile hier auf diesen Sinter-Terrassen ab. Wie kann es dann sein, dass trotzdem der ganze Berg weiß ist? Hier strömen pro Sekunde 250 Liter Wasser aus dem Berg. Da kommt über den Tag gerechnet ganz schön was zusammen. Mehrere Tonnen Kalk jeden Tag. Und das schon seit einer Ewigkeit. Die Kalkstein-Terrassen sind als Welterbe der UNESCO geschützt. Als "Travertin" ist ausgefällter Süßwasserkalk jedoch ein weitverbreiteter Baustoff. Aus dem Naturstein sind die Kolonaden auf dem Petersplatz in Rom. Und auch einer der berühmtesten Brunnen der Welt:
16:53
Die "Fontana di Trevi" besteht zum Teil aus Travertin. Überhaupt wird das Material seit der Antike hoch geschätzt. Auch die Außenmauern des gewaltigen Kolosseums schmückt der helle Stein. Aber die alten Römer fanden auch Gefallen an einer Kalkstein-Variante aus Deutschland. In einer Villa im heutigen Bayern verlegten sie im 2. Jh. n. Chr. Bodenplatten aus der Region Solnhofen. Viele kennen die "Solnhofener Platten" nur als Fußboden-Fliesen. Vielleicht haben Sie auch eine zu Hause. Aber es ist viel interessanter, die Dinger wissenschaftlich zu untersuchen. Denn diese Kalk-Ablagerungen sind ungefähr 150 Mio. Jahre alt und stecken voller interessanter Fossilien. Meistens Fische. Die lebten in einer Zeit, als Bayern noch so tropisch wie die Bahamas war. Und das hier der Grund einer Lagune. Vor etwa 150 Mio. Jahren war fast ganz Mittel-Europa von Wasser bedeckt, dem "Jura-Meer". Es gab Schwammriffe, tiefere Becken und nur wenige Inseln.
18:02
Aber längst nicht überall haben sich Fossil-Lagerstätten gebildet. Warum also gerade hier? Nix, auch nichts. Das Einzige, was ich bisher gefunden habe, ist dieser dunkle Strich da. Das ist Fischkacke. Nichts besonderes, aber ich bin ja auch kein Profi. Die Fachleute haben hier allein in diesem Steinbruch schon sechs neue Arten entdeckt. Aber auch das ist schon ein kleines Wunder. Denn normalerweise zersetzt sich organisches Material. Wenn ein Fisch stirbt oder irgendein anderes Tier, und auf den Boden sinkt, dann verwesen die Weichteile. Die Knochen halten etwas länger, aber auch nicht ewig. Dann werden sie auch porös und zerfallen. Übrig bleibt dann nichts. Aber in diesen Kalk-Ablagerungen haben sich trotzdem komplette Formen, fast vollständige Tiere erhalten. Damit das klappt, müssen viele Sachen zusammenspielen. Zur einzigartigen Fundstätte für Fossilien wurde die Region vor allem durch die besonderen Verhältnisse am Meeresgrund.
19:15
Verendete Fische wurden hier schnell von feinem Kalkschlamm bedeckt. In dieser salzigen, lebensfeindlichen Umgebung gab es kaum Aasfresser oder Bakterien, die den Körper zersetzten. Mit der Zeit lagerten sich dicke Sedimentschichten darauf ab, durch die aber noch Wasser sickern konnte. Die Weich- und Hartteile des Organismus reagierten mit im Wasser gelösten Stoffen. Im Laufe der Zeit wurde dabei fast sämtliches organisches Material abgebaut und in anorganische Verbindungen umgesetzt. Dabei handelt es sich in der Regel um Mineralien, die kristallisieren. Mit wachsender Auflast der Sediment-Decke, also unter Druck, wurde das Wasser immer weiter aus den tieferen Schlammpaketen gepresst. Und der Fisch zusammengedrückt. Nach mehr als 150 Mio. Jahren geben die Plattenkalke immer wieder bisher unbekannte Fossilien frei. Durch das Prinzip der Versteinerung wurden auch die Überreste riesiger Tiere konserviert, die früher auf der Erde gelebt haben:
20:35
Dinosaurier. Die Giganten gehören zu den Prunkstücken in den Naturwissenschaftlichen Museen weltweit. Die Versteinerungen ermöglichen uns heute den Blick in eine spektakuläre Epoche der Erdgeschichte. Durch sie erfahren wir vieles über die Lebensgewohnheiten von Tieren, die schon längst von unserem Planeten verschwunden sind. Vom "Tyrannosaurus rex" wurden bisher schon mehr als zwei Dutzend Exemplare gefunden. Sie geben heute Aufschluss über den Bewegungsapparat oder das Fressverhalten der Raubsaurier. Die Fossilien geben auch Auskunft über die ökologischen Verhältnisse: Welche Tiere und Pflanzen ausgestorben sind, und welche sich weiterentwickeln konnten. Im Jura-Museum auf der Willibaldsburg in Eichstätt wurde auch der Star der Solnhofener Versteinerungen untersucht: Der "Archaeopteryx". Seit dem Fund einer versteinerten Feder 1861 wurden bislang alle zwölf bekannten Exemplare in dieser Region entdeckt. Akribisch präparieren Wissenschaftler
22:07
noch das kleinste Detail aus dem Gestein. Unter ultraviolettem Licht werden Strukturen sichtbar. Die unter normalen Lichtbedingungen kaum oder gar nicht wahrgenommen werden. Die "UV-Fluoreszenz-Fotografie" macht bei manchen Fossilien auch nach Millionen von Jahren Wachstumslinien, Muskeln oder auch Reste von Haut, Federn und Organen erkennbar. Wie gut der Solnhofener Plattenkalk die Flora und Fauna konserviert hat, zeigen auch verschiedene Funde vom früher hier heimischen Pfeilschwanzkrebs. Das Fossil im Museum ist ungefähr 150 Mio. Jahre alt. Aber dieses Tier hier habe ich nicht gerade aus der Felswand geklopft. Das ist echt, das ist lebendig. Tatsächlich ist diese Art der Pfeilschwänze in Nordamerika sogar noch relativ häufig zu finden. Ist es nicht unglaublich? In dieser langen, dieser endlosen Zeit hat sich die Körperform fast überhaupt nicht verändert. Pfeilschwänze sind tatsächlich so etwas wie lebende Fossilien.
23:23
Und jetzt zurück ins Wasser. Wie genau die heute lebenden mit den ausgestorbenen Arten zusammenhängen, darüber wird in der Wissenschaft noch heiß diskutiert. Die Existenz solcher "lebenden Fossilien" nährt aber seit Jahrzehnten die Spekulation, ob vielleicht auch im Norden Europas ein Tier aus der Urzeit überlebt haben könnte. Ich bin in den schottischen Highlands. Eine wilde, ursprüngliche Gegend. Und ein Hort ungezählter Sagen und Legenden. Dieser See ist weltberühmt. Den kennt nun wirklich jedes Kind. Weil er untrennbar mit einem Mythos verbunden ist. Mit dem Ungeheuer von Loch Ness. Das Unglaubliche an der Geschichte ist, wie viele Menschen schwören, dass sie das Ungeheuer, Nessie, gesehen haben. Das sind hunderte, wenn nicht tausende, die glauben wirklich, dass sie dieses Monster gesehen haben. Wie kann das sein? Ein internationales Wissenschaftsteam versucht, der Sache endgültig auf den Grund zu gehen.
24:53
Der rund 37 Kilometer lange See ist vor etwa 12.000 Jahren nach der letzten Eiszeit entstanden. Mit Loch bezeichnen die Schotten übrigens alle stehenden Gewässer. Das können Seen, aber auch ruhige Meeresarme sein. Tatsächlich war Loch Ness wahrscheinlich ursprünglich eine Meeresbucht. Aber als die Eismassen schmolzen und das Land sich hob, wurde es zum zweitgrößten See Schottlands. Mit viel Platz für Fantasie. Der Nessie-Mythos ist schon uralt. Die erste Erwähnung eines Monsters hier am Loch Ness datiert aus dem Jahr 565. So richtig schlimm wurde der Hype dann erst knapp anderthalb Jahrtausende später. Im Jahr 1934, denn damals tauchte dieses Foto hier auf. Der angebliche Schnappschuss eines Londoner Arztes machte weltweit Furore. Und galt für viele über Jahrzehnte als der Beweis für die Existenz eines Ungeheuers am Loch Ness. Der See wurde zum Ziel von Reportern und Schaulustigen, die nach dem Monster suchten.
26:05
Und nicht selten davon überzeugt waren, "Nessie" tatsächlich gesehen zu haben. Nur wirklich beweisen ließ sich das nie. Ich sah den Kopf, den Hals und einen ungefähr neun Meter langen Körper. Meiner Meinung nach, und ich habe mich ziemlich damit beschäftigt, ist es eine Art Weichtier. Derselbe Typ wie Kraken und Tintenfische. Es hört sich fantastisch an, aber das passt alles auf den Plesiosaurier, der seit 70 Mio. Jahren ausgestorben sein soll. Mehr oder weniger wissenschaftliche Expeditionen tauchten bis auf den Grund des Lochs. Oder durchsuchten das Gewässer mit Schleppnetzen und Sonar. Und mancher Schatten wurde dabei als Silhouette des Seeungeheuers interpretiert. 1993 wurde bekannt, dass das berühmte Foto eine Fälschung ist. Der letzte der Beteiligten hatte auf dem Sterbebett zugegeben, dass es sich bei dem mutmaßlichen Ungeheuer in Wirklichkeit um ein Spielzeug-U-Boot handelte. Mit angeklebtem Ungeheuer-Kopf aus Kunststoff.
27:31
Obwohl die Fälschung allgemein bekannt ist, sind immer noch viele Menschen von der Existenz des Monsters überzeugt. So ist Loch Ness auch zu einer der beliebtesten Touristenattraktionen Schottlands geworden. Vielleicht hält sich gerade deshalb hartnäckig der Wunsch, Nessie eventuell doch noch zu finden. Etwa in Form eines ungewöhnlichen Fisches. Oder besser noch: eines überlebenden Plesiosauriers. Doch warum hätten diese Saurier als einzige und ausgerechnet in Schottland mehrere Mio. Jahre überleben sollen? Wenn man wissen möchte, wer oder was in diesem See lebt, dann fragt man am besten den See selbst. Denn in dem Wasser sind alle Informationen enthalten. Wenn ein Tier hier durch den See schwimmt, dann verliert es ständig Fell, Federn, Schuppen, Haut, Urin, Kot. Lauter solche Sachen. Und die kleinen Restbestandteile davon finden sich in den Wasserproben. Deshalb hat ein internationales Wissenschaftsteam
28:55
ganz systematisch Wasserproben vom Loch Ness gezogen. Die dann mit ins Labor genommen, die DNA sequenziert, die da drin ist. Das Ergebnis der Mühen: Eine vollständige Liste aller Lebewesen, die sich in den Tiefen des Loch Ness verbergen. Nicht mal das kleinste Bakterium entgeht den Forscher-Augen. Das sind schlechte Zeiten für lichtscheue Seeungeheuer. Das Team hat im Sommer 2018 im Rahmen einer breit angelegten Gen-Analyse Wasserproben in mehreren schottischen Seen genommen. Darunter mehr als 250 allein im Loch Ness. Und die darin enthaltene DNA sequenziert. Ein Abgleich mit Erbgut in Datenbanken auf der ganzen Welt sollte endlich Gewissheit über die Existenz oder Nichtexistenz von Nessie bringen. Das Ergebnis: Im Seewasser wurden vom Bakterium bis zum Aal rund 3000 verschiedene Spezies aufgespürt. Darunter aber nichts, was auf ein reptilienartiges Ungeheuer weist. Wie kann es sein, dass ein Seeungeheuer, dass es nicht gibt,
30:12
angeblich schon mehrere tausend Male gesichtet worden ist? Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Eine davon ist das hier. Das sind die typischen Loch-Ness- Seeungeheuer-Beschreibungen. Mal sieht man nur den Rücken, mal nur den Kopf, mal Kopf mit Rücken. Oder diese Buckelform. Aber schauen Sie da mal hin. An was erinnert Sie das? Genau. An die Form von Wellen. Und die Wellen auf dem Loch Ness, die sind tatsächlich ziemlich speziell. Kreuzen sich auf der sonst glatten Wasseroberfläche die von einem Boot verursachten Wellen, entstehen Verwirbelungen. Die leicht für die Buckel eines Tieres gehalten werden können. Eine andere mögliche Erklärung wären große Äste oder kleinere Baumstämme, die von den fünf Haupt-Zuflüssen des Loch Ness in den See gespült werden. Bei bestimmten Licht- und Wellenverhältnissen könnte das Treibgut für ein Seeungeheuer gehalten werden. In beiden Fällen spielt uns die Wahrnehmung einen Streich. Wenn uns Vergleichsgrößen fehlen, oder das Gehirn die empfangenen Reize
31:32
nicht richtig verarbeiten kann, greifen wir häufig auf Erfahrungswerte zurück. Die zu Fehlinterpretation führen können. Wie im Yosemite-Nationalpark in den USA. Was auf den ersten Blick wie Lava aussieht, ist ein Wasserfall. Der ist so nur zu sehen, wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel steht. Auch der "Unterwasserfall" vor der Insel Mauritius ist eine optische Täuschung. Hier wird Schlick und Sand durch Strömungen vom Küstenbereich in tiefere Meeresregionen gezogen. Lange wurde auch über eine Erscheinung im deutschen Mittelgebirge gerätselt. Auf dem Brocken im Harz tauchte an nebeligen Tagen regelmäßig ein schemenhafter Gigant auf. Der schon Johann Wolfgang von Goethe erschreckte: Das "Brocken-Gespenst". Und noch zu Lebzeiten Goethes fand ein Naturforscher heraus, dass die unheimliche Erscheinung auf einem optischen Effekt beruht: Wie auf eine Kinoleinwand wird der eigene Schatten auf die Nebelwand projiziert und vergrößert.
33:00
Durch die Wallungen des Nebels bewegt sich der Schatten und suggeriert so ein Eigenleben. Mit rund 300 Nebeltagen im Jahr ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dem Brocken-Gespenst persönlich zu begegnen. Das wohl bekannteste Phänomen dieser Art ist die Fata Morgana. Luftspiegelungen, die schon so manchen Reisenden in die Irre geführt haben. Was von Ferne wie ein See oder Fluss anmutet, entpuppt sich als Luftspiegelung, die verschwindet, sobald man sich ihr nähert. Die Erklärung für diesen optischen Effekt sind Luftschichten mit unterschiedlichen Temperaturen. Trifft ein Lichtstrahl von kalter auf warme Luft, wird er aufgrund der unterschiedlichen Dichte an der Grenzschicht gebrochen und nach unten reflektiert. Bei einer Fata Morgana sind auch Mehrfach-Spiegelungen möglich. Dann steht das Objekt nicht mehr auf dem Kopf, sondern sogar richtig herum. In der Seefahrt ist dieses Phänomen schon lange bekannt. Und wahrscheinlich mit verantwortlich dafür,
34:36
dass sich Legenden über Geisterschiffe gebildet haben. Die Objekte werden nach oben oder unten gespiegelt, je nachdem, wo sich die kältere Luftschicht befindet. Die bizarren Trugbilder lieferten auch an den Küsten zuverlässig Stoff für Legenden. Marco Polo hielt sie für Zeichen des Bösen. Goethe beschrieb sie als "Streif erlogener Meere". Kein Wunder, dass die zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verfremdeten Schiffe viele Seeleute in Angst und Schrecken versetzten. Die rätselhaften Phänomene der Natur lassen mich immer wieder staunen. So wie diese Nebelbank, die sich auf Island wie ein Wasserfall über die Felskante ergießt. Die spektakulären Landschaften auf der jüngsten Insel Europas hat die ersten Siedler glauben lassen, dass die Welt hier ihren Anfang nahm. Wie nur an wenigen anderen Orten unseres Planeten messen die Elemente hier ihre Kräfte. Im Tal von Haukadalur schießen vor allem an zwei Stellen riesige Fontänen mit kochendem Wasser aus der Erde.
36:04
Während die eine Quelle fast mit der Präzision eines Uhrwerks ungefähr alle 10 Minuten explodiert, ruht die andere meist. Dabei ist sie der Namensgeber des Phänomens. Das hier ist der große Geysir, der Vater aller Geysire. Seine Fontäne spritzt bis zu 70 Meter hoch. Allerdings werde ich das wohl nie mit eigenen Augen sehen können. Denn seit 1915 ruht dieser Geysir. Jedenfalls meistens. Er bricht nur noch sehr selten aus. Vielleicht ein paar Mal im Jahr. Und keiner kann vorhersagen, wann es das nächste Mal passieren wird. Was geblieben ist, ist der Begriff. Denn das hier ist DER Geysir. Auf Island gibt es zurzeit gut zwei Dutzend aktive Geysire. Aber warum plätschern viele heiße Quellen einfach vor sich hin? Und andere lassen das Wasser explosionsartig mit einer dampfenden Fontäne ab? Für das seltene Phänomen müssen mehrere Faktoren perfekt zusammenwirken. Ein unverzichtbarer Bestandteil eines Geysirs ist heißes Wasser.
37:15
Und das gibt es auf Island reichlich. Viel häufiger als Geysire finden sich heiße Quellen. Einige von ihnen sind wirklich kochend heiß. Und andere nur so ein bisschen lauwarm. Und wieder andere, so wie diese hier, für mich genau richtig. Ich würde mal schätzen, das sind knapp 40 Grad. Und zwar das ganze Jahr über. Egal, wie kalt es hier auf Island auch immer werden mag. Eiskalte Gletscher und dazwischen heiße Quellen und Vulkane. Das ist typisch für Island. Etwa 30 Feuerberge auf der Insel gelten als aktiv. Im April 2010 hat der Ausbruch des Eyjafjallajökull den Flugverkehr in Europa für einen ganzen Monat lahmgelegt. Und das könnte auch jederzeit wieder passieren. Unter Island befindet sich ein "Hot Spot". Wie ein Bunsenbrenner schmilzt aufsteigendes heißes Material die Erdkruste immer wieder auf. Durch diese "plumes" steigt Magma nach oben. Das flüssige Gestein aus dem Erdinneren ist die Grundlage für die vielen Vulkane.
38:36
Und das einzigartige Thermalsystem, das sich der Mensch überall auf der Insel zunutze macht. Energie gibt es auf Island nun wirklich genug. Im Grunde muss man bloß irgendwo ein Loch bohren, ein Rohr reinstecken und dann den Hahn aufdrehen. Und hat jede Menge heißes Wasser. Die Energiewende ist ganz einfach, wenn man auf einem Vulkan wohnt. Damit aus einer Thermalquelle ein Geysir wird, reicht vulkanische Energie aber nicht allein. Es bedarf noch einer geologischen Besonderheit. Geysire entspringen immer einem verengten Schacht. Der Vulkan heizt das Wasser von unten auf. Aber die Wassersäule im Schacht übt durch ihr Gewicht so viel Druck aus, dass das Wasser nicht wie sonst bei 100 Grad zu sieden beginnt und verdampft. Sondern auch noch bei höheren Temperaturen flüssig bleibt. Das Prinzip kennen wir vom Dampfkochtopf. Erst wenn das Wasser so heiß wird, dass sich auch im oberen Bereich Gasblasen bilden, drückt der Dampf etwas Wasser aus dem Schacht.
39:58
Durch die Entlastung ändern sich die Druckverhältnisse. Jetzt kocht das Wasser explosionsartig auf und geht auf der gesamten Länge in den gasförmigen Zustand über. Das Volumen vervielfacht sich dabei um das bis zu 1600-Fache. Das erklärt auch die hohe Energie, mit der der Geysir das Gemisch aus Dampf und Wasser in die Höhe schleudert. Sensationell. Egal, wie oft man es gesehen hat. So ein Geysir ist immer wieder großartig. Und es gibt dazu auch immer wieder neue wissenschaftliche Untersuchungen. In dieser Region hat man jetzt festgestellt, dass es mehr als 360 thermische Spots gibt. Und all diese heißen Quellen und Geysire sind wahrscheinlich unterirdisch miteinander verbunden. Durch kleine Risse und Kanäle im Gestein. Wenn es jetzt ein Erdbeben gibt, und das kommt hier auf Island ja relativ häufig vor. Dann werden einige dieser Kanäle durch die Verformung in der Erde geschlossen. Und an anderer Stelle eröffnen sich vielleicht neue. Das kann dann wiederum dazu führen, dass der eine Geysir versiegt.
41:15
Und an anderer Stelle ein neuer entsteht. Neben Haukadalur auf Island sind rund um den Globus nur fünf größere Geysir-Felder bekannt. Auf der Nordinsel Neuseelands. Östlich der Atacama-Wüste in Chile, Auf der russischen Halbinsel Kamtschatka. Und nicht weit davon auf der zu Alaska gehörenden Insel Umnak. Das aktivste Geysir-Feld der Welt liegt im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark. Unter den rund 500 Springquellen ist auch der berühmte "Old Faithful". Alle 60 bis 110 Minuten stößt er eine bis zu 56 Meter hohe Fontäne aus. Dafür sprudelt der Riverside-Geysir bis zu 20 Minuten lang. Erst 1941 wurde auf der Halbinsel Kamtschatka das größte Geysir-Feld Asiens entdeckt. Auf sechs Kilometern Länge brodeln etwa 90 Geysire und viele heiße Quellen. Immerhin noch 60 aktive Geysire hat das Feld von El Tatio östlich der chilenischen Atacama-Wüste zu bieten. Und belegt damit auf der Liste der Regionen mit den meisten Geysiren
42:30
den dritten Platz. Geysire sind nicht nur selten, sondern auch empfindlich. Schon kleinste Veränderungen in der Umgebung oder auch menschliche Eingriffe können sie zum Versiegen bringen. Aber so ist es in der Natur ja immer. Wie für so rätselhafte Phänomene der Natur gilt auch hier: Staunen erlaubt, aber bitte nicht stören. Untertitel im Auftrag des ZDF, 2020

DOWNLOAD SUBTITLES: