Michael Sandel: Why we shouldn't trust markets with our civic life

Michael Sandel: Why we shouldn't trust markets with our civic life

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Language: German

Type: Human

Number of phrases: 279

Number of words: 1854

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Übersetzung: Meret Nehe Lektorat: Judith Matz Hier ist eine Frage, die wir zusammen neu durchdenken müssen: Welche Rolle sollten Geld und Märkte in unseren Gesellschaften spielen? Heute gibt es sehr wenige Dinge, die man nicht mit Geld kaufen kann. Wenn Sie in Santa Barbara, Kalifornien, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurden, dann können Sie sich, falls die Standard-Unterkünfte Ihnen nicht gefallen, einen Gefängniszellen-Upgrade kaufen. Ehrlich. Was glauben Sie, wie viel das kostet? Was schätzen Sie? Fünfhundert Dollar? Es ist nicht das Ritz-Carlton. Es ist ein Gefängnis! 82 Dollar pro Nacht. 82 Dollar. Wenn man in einen Freizeitpark geht und nicht in den langen Schlangen vor den populärsten Attraktionen warten will, gibt es jetzt eine Lösung. In vielen Themenparks kann man draufzahlen,
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um direkt an den Anfang der Schlange zu gelangen. Das nennt man Schnellspur oder VIP-Tickets. Und das passiert nicht nur in Freizeitparks. In Washington, D.C., entstehen manchmal lange Warteschlangen bei wichtigen Kongressverhandlungen. Nun warten aber einige nicht gerne in langen Schlangen, manchmal nachts, sogar im Regen. Nun also, für Lobbyisten und andere, die ganz scharf auf solche Verhandlungen sind, aber nicht gerne warten, gibt es Unternehmen, schlangestehende Unternehmen, und man kann zu denen gehen, ihnen eine gewisse Summe zahlen, sie stellen Obdachlose und andere ein, die einen Job brauchen, um so lange wie nötig in der Schlange zu stehen, und der Lobbyist kann sich, kurz bevor die Verhandlung beginnt, seinen oder ihren Platz am Anfang der Schlange und einen Platz vorne im Raum einnehmen. Bezahltes Schlangestehen. Es ist so weit, der Rückanspruch von Marktmechanismus und Marktdenken und Marktlösungen,
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auf größeren Bühnen. Nehme man die Art, wie wir Kriege bestreiten. Wussten Sie, dass es in Irak und Afghanistan mehr private Militärunternehmer am Boden gab als US-amerikanische militärische Streitkräfte? Das liegt keineswegs an der öffentlichen Diskussion darüber, ob wir den Krieg an Privatunternehmen outsourcen möchten, aber so ist es passiert. Über die letzten drei Jahrzehnte haben wir eine stille Revolution durchlebt. Wir haben uns, fast ohne es bemerkt zu haben, von einer Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft bewegt. Der Unterschied ist folgender: Eine Marktwirtschaft ist ein Werkzeug, ein nützliches und effektives Werkzeug, um produktive Aktivität zu organisieren, aber eine Marktgesellschaft ist ein Ort, an dem fast alles zum Verkauf steht.
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Es ist eine Lebenshaltung, in der Marktdenken und Marktwerte anfangen, jeden Aspekt des Lebens zu dominieren: persönliche Beziehungen, Familienleben, Gesundheit, Bildung, Politik, Recht, öffentliches Leben. Warum also sollte man sich Sorgen darum machen, dass wir Marktgesellschaften werden? Aus zwei Gründen, denke ich. Der eine hat mit Ungleichheit zu tun. Je mehr Dinge man mit Geld kaufen kann, desto mehr zählt Wohlstand oder der Mangel an Wohlstand. Wenn das einzige, was Geld bestimmen würde, der Zugang zu Jachten oder teuren Urlauben oder BMWs wäre, dann würde Ungleichheit nicht sehr viel ausmachen. Aber wenn Geld immer mehr den Zugang zu den essentiellen Dingen eines guten Lebens regiert,
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angemessene Gesundheitsversorgung, Zugang zur besten Bildung, eine politische Stimme und Einfluss in Kampagnen – wenn Geld all diese Dinge regiert, dann macht Ungleichheit ziemlich was aus. Und so verstärkt die Vermarktung von allem den Stachel der Ungleichheit und seine sozialen und bürgerlichen Konsequenzen. Das ist ein Grund, sich Sorgen zu machen. Neben der Sorge über Ungleichheit gibt es einen zweiten Grund zur Sorge, und der sieht so aus: einige gesellschaftliche Güter und Gewohnheiten könnten sich, wenn Marktdenken und Marktwerte eintreten, ihre Bedeutung verändern, und Einstellungen und Normen verdrängen, die der Sorge wert sind. Ich möchte gern ein Beispiel geben von einer kontroversen Nutzung von Marktmechanismen, einem finanziellen Anreiz, und hören, was Sie davon halten.
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Viele Schulen kämpfen mit der Herausforderung, Kinder zu motivieren, vor allem Kinder aus benachteiligter Herkunft, fleißig zu lernen, in der Schule gut zu sein und sich zu bemühen. Einige Ökonomen haben eine Marktlösung vorgeschlagen: Finanzielle Anreize für Kinder zu bieten, wenn sie gute Noten oder hohe Punktzahlen in Tests erreichen, oder Bücher lesen. Man hat es sogar ausprobiert. Es gab Experimente in einigen amerikanischen Großstädten. In New York, in Chicago, in Washington, D.C. hat man ausprobiert, 50 Dollar für eine Eins zu geben, 35 Dollar für eine Zwei. In Dallas, Texas, gibt es ein Programm, das Achtjährigen zwei Dollar gibt für jedes Buch, das sie lesen. Einige Personen befürworten dies und andere sind gegen diesen finanziellen Anreiz, Erfolg zu stimulieren. Mal sehen, was die Leute hier darüber denken. Stellen Sie sich vor, dass Sie an der Spitze eines großen Schulsystems stehen,
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und jemand kommt mit diesem Vorschlag auf Sie zu. Sagen wir, es ist eine Stiftung. Die stellt die Geldmittel bereit. Sie müssen es nicht von Ihrem Budget bezahlen. Wie viele von Ihnen wären dafür und wie viele dagegen, es auszuprobieren? Stimmen wir durch Handzeichen ab. Zuerst, wie viele von Ihnen denken, dass es zumindest einen Versuch wert wäre, um zu sehen, ob es funktioniert? Heben Sie die Hand. Wie viele sind dagegen? Also, die Mehrheit ist dagegen, aber eine beträchtliche Minderheit ist dafür. Lassen Sie uns darüber diskutieren. Fangen wir mit denen an, die dagegen sind, die es ausschließen würden, ohne es zu versuchen. Was wäre Ihr Grund? Wer started die Diskussion? Ja? Heike Moses: Hallo zusammen, ich bin Heike, und ich denke, dass es einfach die innere Motivation zerstört, also nimmt man den Kindern, falls sie gerne lesen mögen, einfach den Anreiz weg, indem man sie bezahlt, also verändert man Verhalten. Michael Sandel: Es nimmt den inneren Anreiz.
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Was ist, oder sollte der innere Anreiz sein? HM: Nun, der innere Anreiz solle es sein, zu lernen. MS: Zu lernen. HM: Die Welt kennenzulernen. Und wenn man aufhört, sie zu bezahlen, was passiert dann? Dann hören sie auf zu lesen? MS: Nun, mal schauen, ob es einen Befürworter gibt, der denkt, dass sich ein Versuch lohnt. Elizabeth Loftus: Ich bin Elizabeth Loftus, und Sie sagten 'ein Versuch lohnt sich', also warum nicht das Experiment wagen und die Resultate messen? MS: Und messen. Was würden Sie messen? Sie würden messen, wie viele ... EL: Wie viele Bücher sie lesen und wie Bücher sie weiterhin lesen, nachdem man aufgehört hat, sie zu bezahlen. MS: Oh, nachdem man aufgehört hat, zu bezahlen. Nun, was ist damit? HM: Um ehrlich zu sein, ich denke, dass dies, ohne jemanden beleidigen zu wollen, eine sehr amerikanische Methode ist. (Gelächter) (Applaus) MS: Nun gut. Aus dieser Diskussion leitet sich
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die folgende Frage ab: Wird der finanzielle Anreiz die tiefere Motivation vergraulen, verderben oder verdrängen, die innere Lektion, die wir zu vermitteln hoffen, nämlich zu lernen, das Lernen zu lieben und um ihrer selbst willen zu lesen? Und Leute sind sich uneinig, wie sich das auswirkt, aber die Frage scheint zu sein, ob Marktmechanismen oder finanzielle Anreize irgendwie die falsche Lektion lehren, und falls es so ist, was wird später aus diesen Kindern? Ich sollte Sie aufklären, was mit diesen Experimenten passierte. Das Geld für gute Noten hatte sehr gemischte Resultate, und hat größtenteils nicht zu besseren Noten geführt. Die zwei Dollar für jedes Buch haben dazu geführt, dass diese Kinder mehr Bücher lesen. Es führte auch dazu, dass sie kürzere Bücher lesen. (Gelächter)
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Aber die wirkliche Frage ist, was wird später aus diesen Kindern? Haben sie das Lesen als lästige Pflicht kennengelernt, als Akkordarbeit, für die man bezahlt wird, wie befürchtet, oder könnte es sie dazu führen, vielleicht erst aus falschen Gründen zu lesen, aber sich dann darin zu verlieben, für sich selbst zu lesen. Nun, diese wenn auch kurze Diskussion zeigt etwas, was viele Ökonomen übersehen. Ökonomen nehmen oft an, dass Märkte träge sind, dass sie die Produkte, die sie handeln, nicht berühren oder verderben. Markthandel, nehmen sie an, verändert nicht die Bedeutung oder den Wert der zu handelnden Güter. Das mag wahr sein, wenn wir über materielle Güter reden. Ob Sie mir einen Flachbild-TV verkaufen oder mir einen schenken, wäre es das gleiche Gut. Er wird in beiden Fällen gleich funktionieren. Aber das gleiche mag nicht zutreffen, wenn wir über nicht-materielle Güter reden
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und über solche sozialen Aktivitäten wie Unterrichten und Lernen oder sich gemeinsam im öffentlichen Leben einzubringen. In jenen Bereichen mögen Marktmechanismen oder finanzielle Anreize unverkäufliche wertvolle Werte oder Einstellungen schwächen oder verdrängen. Wenn wir erst einmal sehen, dass Märkte und Handel, wenn sie über das materielle Gut hinausgehen, den Charakter von Gütern selbst ändern können, und die Bedeutung von sozialen Aktivitäten, wie im Beispiel des Unterrichtens und Lernens, müssen wir uns fragen, wohin Märkte gehören und wo sie nicht hingehören, wo sie sogar wichtige Werte und Einstellungen schwächen können. Aber um diese Diskussion zu führen, müssen wir etwas tun, worin wir nicht sehr gut sind,
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und zwar gemeinsam öffentlich über die Werte und die Bedeutung von den uns so wichtigen sozialen Aktivitäten, von unseren Körpern, über das Familienleben bis hin zu Gesundheit und persönlichen Beziehungen, Unterrichten, Lernen und öffentliches Leben zu reden. Nun sind das kontroverse Fragen, und deswegen neigen wir dazu, davor zurückzuschrecken. Genau genommen wurde während der letzten drei Jahrzehnte, als Marktbegründungen und Marktdenken an Bedeutung und Prestige gewannen, unser öffentlicher Diskurs zu der Zeit ausgehöhlt, ohne größere moralische Bedeutung. Aus Angst vor Uneinigkeit schrecken wir vor diesen Fragen zurück. Aber wenn wir einmal sehen, dass Märkte den Charakter von Gütern ändern, müssen wir miteinander diese größeren Fragen diskutieren, wie wir Güter wertschätzen wollen.
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Einer der zerstörerischste Effekte davon, allem einen Preis zu geben, wirkt sich auf die Gemeinsamkeit aus, das Gefühl, dass wir alle im selben Boot sitzen. Und vor dem Hintergrund steigender Ungleichheit führt das Vermarkten jedes Aspekts des Lebens zu einer Situation, in der die Leben der Wohlhabenden und die derer mit den bescheidensten Mitteln immer weiter auseinander klaffen. Wir leben und arbeiten und shoppen und spielen an verschiedenen Orten. Unsere Kinder gehen an verschiedene Schulen. Das ist weder gut für die Demokratie, noch ist es eine zufriedenstellende Art zu leben, selbst für die von uns, die es sich leisten können, sich ihren Weg bis zum Anfang der Schlange zu erkaufen. Und zwar aus folgenden Gründen. Demokratie braucht keine perfekte Gleichheit, aber sie braucht Bürger, die ein gemeinsames Leben teilen.
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Was zählt, ist, dass Menschen aus unterschiedlichen sozialen Hintergründen und unterschiedlichen sozialen Schichten einander begegnen, im Alltag aufeinander stoßen, denn das lehrt uns zu verhandeln und unsere Unterschiede auszuhalten. Und so kommen wir dazu, uns fürs Gemeinwohl zu interessieren. Und so ist, schlussendlich, die Frage der Märkte nicht hauptsächlich eine wirtschaftliche Frage. Es ist in Wahrheit eine Frage, wie wir zusammen leben wollen. Wollen wir eine Gesellschaft, in der alles zum Verkauf steht, oder gibt es gewisse moralische und bürgerliche Güter, die die Märkte nicht wertschätzen können und Geld nicht kaufen kann? Vielen Dank. (Beifall)

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